DIE NATURSCHÖNHEITEN Teneriffas werden seit Alexander von Humboldts Zeiten von ungezählten Reisenden bewundert. Dass es aber auf der Atlantikinsel neben monströsen Hotelburgen auch sehenswerte zeitgenössische Gebäude gibt, bleibt ihnen meist verborgen. Dabei können die besten Beispiele einheimischer Architektur, etwa die von Artengo, Menis und Pastrana realisierten Wohnanlagen, die neue Sporthalle oder das im Rohbau fertige Regierungsgebäude der Inselhauptstadt Santa Cruz, auch international durchaus bestehen.
Das neuste baukünstlerische Spitzenwerk der Insel allerdings, das Museo de la Ciencia y el Cosmos auf dem Campus von La Laguna, stammt von den Katalanen Jordi Garcés und Enric Sòria, die durch den olympischen Sportpalast im Vall d'Hebron und das minimalistische Imax-Kino im Hafen von Barcelona berühmt geworden sind. Obwohl es sich bei dem Gebäude, das zwischen 1989 und 1993 am Rande der alten, kolonial barocken Universitätsstadt an der starkbefahrenen Strasse nach Santa Cruz errichtet wurde, um einen «Import» aus dem 2000 Kilometer entfernten Festland handelt, ist es kein Fremdkörper. Nicht nur, weil die beiden Architekten den ganz in Beton gegossenen Bau mit rotem Vulkangestein aus dem nahen Anaga-Gebirge verkleideten, sondern weil sie mit ihm darüber hinaus äusserst sensibel auf die Topographie reagierten.
Geschickt trotzten sie dem abschüssigen Terrain Aussenräume ab. Der in Richtung La Laguna sich öffnende Vorplatz verweist mit seiner stark bewegten Oberfläche auf den Barranco, der sich jenseits der Strasse tief in den Abhang eingefressen hat. Mit seinem sternförmigen, aus der Parzelle und dem Kontext abgeleiteten Grundriss erscheint das Gebäude wie eine abstrakte Grossskulptur. Nur auf der Südseite verraten schmale gelbe Fenster, dass es sich bei dem baukünstlerischen Objekt, das im Chaos der Vorstadt ein unübersehbares Zeichen setzt, um einen Nutzbau handelt. Der Museumseingang, zu dem eine sich vom abschüssigen Vorplatz sanft abhebende Betonrampe führt, versteckt sich ganz diskret in einer Aushöhlung des Baukörpers, durch die man geradeaus auf eine grosse Aussichtsplattform gelangt. In nordwestlicher Richtung wird diese erhöht gelegene, von einer Parabolantenne und einem Teleskop beherrschte Plaza - unter der sich das eigentliche Museum, aber auch die Büros befinden - von der monumental geschwungenen Fassade des Treppenhauses gefasst.
Dieses nach aussen so imposante Treppenhaus ist zweifellos der architektonische Höhepunkt des Museumsbaus. Im ganz in Sichtbeton gehaltenen Innern tritt es als mehrfach gebrochene, durch Unterzüge artikulierte, absteigende Raumfolge in Erscheinung, die in ihrer Abstraktion und Expressivität wohl als eine der eindrücklichsten Raumschöpfungen der jüngsten Zeit bezeichnet werden darf. Sie bereitet die Besucher schrittweise vor auf das von sechs schweren Rundpfeilern gegliederte, elliptische Herzstück der Anlage: den eigentümlich archaisch wirkenden Ausstellungsbereich. In dieser höhlenartig dunklen, nur von kleinen Oberlichtern und vom Treppenhaus her erhellten Halle sind die Exponate - naturwissenschaftliche und astrophysikalische Versuchs- und Demonstrationsobjekte - ausgebreitet. Die wie zu einer Kette aufgereihten Resträume zwischen Ellipse und Aussenform schliesslich werden auf Ausstellungsebene unter anderem als Auditorium, Café oder Werkstatträume und im Mezzanin als Büros genutzt.
Mit dem Naturwissenschaftlichen Museum von La Laguna haben Garcés und Sòria nicht nur aus einfachen Materialien und primären Formen ein attraktives Museum realisiert, sondern darüber hinaus die Architektur als Kunst des Raums zur Geltung gebracht.