EIN STRAUSS BLUMEN macht uns froh. Das Ebenmass im Gesicht der Frau, der Prachtkörper des männlichen Helden wirken attraktiv. Wir empfinden das Flair für Ästhetik als Raffinement, als luxuriöse Zugabe auf dem Weg vom Steineklopfen zum Welterobern. Die Werbebranche weiss um die menschliche Schwäche und führt mit rücksichtslosem Glamour laufend in Versuchung.
Warum aber legen selbst Völker, die fern jeder kommerziellen Verführung im Urwald leben, ebenfalls Wert auf Schmuck, Farben und ein schönes Gesicht? Die Meinungen, was eine Frau, einen Mann «schön» macht, gehen zwar zuweilen stark auseinander. Deswegen aber zu behaupten, Schönheit sei nur eine Frage des persönlichen Geschmacks, verkennt die Tatsache, dass sich bestimmte ästhetische Vorlieben quer durch die unterschiedlichsten Kulturen ziehen.
So wirken hohe Wangenknochen und eine schmale untere Gesichtshälfte bei den Frauen attraktiv, bei den Männern hingegen ein wuchtiges Kinn und eine markante Nase. Diese Merkmale sind umso ausgeprägter, je mehr Östrogen beziehungsweise Testosteron im Blut zirkuliert. Grosszügige Mengen von Sexualhormonen aber sorgen für Fruchtbarkeit - der vermeintlich rein ästhetische Vorzug erweist sich als biologischer Trumpf.
Besonders sexy ist körperliches Ebenmass. Eine amerikanische Studie verglich die Masse von Ohr, Hand und Fuss der beiden Körperhälften miteinander und fand, dass die Männer mit den kleinsten Unterschieden früher ins Sexleben stiegen als die asymmetrischen Kollegen. Und Frauen mit beidseitig gleich proportionierten Brüsten sind nicht nur attraktiver, sondern auch fruchtbarer als die weniger regelmässig ausgestatteten. Körperliches Ebenmass signalisiert offenbar tüchtige Gene und zeugt von einer ungestörten Entwicklung sowie von guter Ernährung.
Bei solch biologischem Nutzen der Schönheit müsste man auch bei den Tieren entsprechende Vorlieben finden. Schon Darwin wunderte sich, warum der Hirsch ein derart unbequemes Geweih herumschleppt oder der Pfau sich eine Federschleppe leistet, die ihm auf der Flucht vor dem Fuchs leicht zum Verhängnis werden kann. Der Pionier der Evolutionslehre fand im Gesetz der sexuellen Selektion eine universelle Antwort. Beim Hirsch und bei vielen anderen Säugern führt der Weg zur sexuellen Erfüllung über den Kampf, in dem das Männchen erst die Konkurrenz zu bodigen hat. In der Vogelwelt aber dominiert Damenwahl, indem jener Gockel die besten Chancen hat, der möglichst viel in seine Garderobe investiert.
Vor zehn Jahren wollte der dänische Verhaltensforscher Anders Møller wissen, was den Rauchschwalbenweibchen an ihren Männchen in die Augen sticht. Bei den Männchen sind die beiden äussersten Schwanzfedern besonders lang. Møller manipulierte nun einige der Männchen, indem er ihnen den etwa zehn Zentimeter langen Schwanz durch Ankleben oder Abschneiden um je zwei Zentimeter verlängerte oder kürzte.
Die Folgen waren dramatisch. Brauchen Rauchschwalbenmännchen nach Ankunft im Brutgebiet sonst acht Tage, bis ihre Flugshow ein Weibchen anzulocken vermag, waren die Langschwänzer schon nach drei Tagen erfolgreich. Die Kurzschwänzer aber mussten sich zwölf Tage am Himmel abmühen. Und schliesslich punkteten die langschwänzigen Männchen auch im fremden Nest: Sie hatten eine doppelt so grosse Chance, die Partnerin eines Nachbarn zu verführen. Der genetische Zahltag war dann entsprechend. Ende Saison verbuchten die langschwänzigen Männchen acht flügge gewordene Jungen gegenüber lediglich drei bei den kurzschwänzigen Vätern. Møller variierte ausserdem die Körpersymmetrie, indem er die beiden Schwanzfedern unterschiedlich stark veränderte. Auch diese Manipulationen zeigten beim weiblichen Geschlecht Wirkung: Symmetrie war wesentlich verführerischer als ungleich langes Gefieder.
Warum das so ist, darüber kann man nur spekulieren. Sehr lange Schwanzfedern könne sich nur ein Männchen leisten, das gesund und genetisch tüchtig ist, also vermutlich auch zähe Kinder haben wird. Denn das Produzieren der Federn braucht Energie, und in der Luft sind lange Schwanzfedern ein Handicap.
Körpersymmetrie signalisiert ebenfalls Gesundheit. Taufliegen, die man im Labor Giftstoffen oder extremen Temperaturen aussetzt, entwickeln Asymmetrien; Schwalbenküken, die von Parasiten befallen sind, werden zu schief gebauten Vögeln. Symmetrie kann auch unmittelbar mit Tüchtigkeit verknüpft sein: Eine Studie an englischen Rennpferden ergab für jene Tiere die höchsten Geschwindigkeiten, deren Körper am symmetrischsten gebaut sind.
Attraktiv ist auch, was nur scheinbaren Nutzen verspricht. Zebrafinkenmännchen unterscheiden sich von den Weibchen durch einen leuchtend roten Schnabel und zwei Wangenflecken in Orange und Weiss. Durch Zufall bemerkte ein Verhaltensforscher, dass Zebrafinkenmännchen, die man mit roten Beinringen markiert hatte, früher mit dem Brüten begannen als unmarkierte Vögel. Trug das Zebramännchen jedoch einen grünen Ring, sanken seine sexuellen Chancen.
Was die Forscher kaum glaubten, bestätigten weitere Versuche: Wie künstlich die farbigen Accessoires sein mögen, für die Weibchen zählt nur die Farbenbilanz. So wurden Männchen mit auf den Kopf geklebten roten oder weissen Hütchen zum amourösen Renner; grüner Kopfputz aber fand bei den Weibchen nur Verachtung.
Die Erklärung: Das Rot des männlichen Schnabels und der Wangen signalisiert biologische Tüchtigkeit. Und je mehr Rot das Weibchen am potentiellen Partner sieht, desto stärker der Sex-Appeal. Grün aber ist die Komplementärfarbe und hat den stärksten Kontrast zu Rot. Grüne Farbflächen werden deshalb vermutlich vom weiblichen Hirn vom Rotinventar abgezogen und reduzieren so die Gesamtattraktivität.
Und der biochemische Hintergrund? Rote, gelbe und orange Pigmente im Tierkleid stammen aus Carotinoiden der pflanzlichen Nahrung. Carotinoide sind notwendig für das Immunsystem und die Entgiftung des Körpers. Beim genetisch robusten und in gesunder Umgebung lebenden Tier muss die Immunabwehr nicht viel leisten, der Carotinoidbedarf ist gering - das Tier kann sich mit dem wertvollen Farbstoff herausputzen und so mit seiner Tüchtigkeit prahlen.
Auch die Zebrafinken lieben Symmetrie. Eine Testserie rüstete Zebrafinkenmännchen mit zwei orangen und zwei grünen Beinringen aus. Variiert wurde die Anordnung der vier Ringe - etwa am linken Bein zweimal Orange und am rechten zweimal Grün oder an jedem Bein beide Farben. Das grösste weibliche Interesse fand die symmetrische Kombination mit Orange oder Grün an beiden Beinen gleichzeitig oben oder unten. Asymmetrien zwischen links und rechts waren weniger beliebt. Da hier für alle Versuche gleich viel Orange und Grün zum Einsatz kam, spielte die «Rotbilanz» keine Rolle - die Zebrafinkenweibchen reagierten allein auf Körpersymmetrie.
Symmetrie verrät sich auf mancherlei Wegen. Der zu den Pavianen gehörende Mandrill imponiert den Weibchen mit seinem prachtvoll symmetrisch dekorierten Gesicht. Grillenweibchen bevorzugen Männchen, deren Gesang erkennen lässt, dass die Zirporgane der beiden Körperseiten symmetrisch sind. Flair für Symmetrie gibt es sogar beim Fressen: Anders Møller beobachtete Honigbienen beim Nektarsammeln. Von den Bienen zuerst angeflogen wurden jene Blumen, deren paarige Blütenblätter gleich lang waren. Als der Forscher wiederum zur Schere griff und ebenmässig gewachsene Blüten zu schiefen schnipselte, war es mit den Bienenbesuchen vorbei. Der Grund für das wählerische Verhalten: Blüten mit ausgeprägter Symmetrie bergen im Kelch am meisten Nektar.