NZZ Folio 01/04 - Thema: Strafe   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Und es braucht sie doch

Von Viviane  Manz

Strafe – was für ein lustfeindliches Thema, was für ein unangenehmer Nebengeschmack von Macht und Moral, was für unerwünschte Gefühle von Wut bis Hilflosigkeit. Einspruch: Strafe ist nicht nur eine unpopuläre Massnahme, sie ist auch eine geniale Erfindung. In geordnete Bahnen gelenkt, bricht sie das Recht des Stärkeren, verpackt Vergeltung in eine rationale Form und verhindert einen Kreislauf der Gewalt. Dank ihr verzichtet das Opfer auf die persönliche Rache und vertraut sie in einer stillen Übereinkunft dem Staat an. Seit dem Mittelalter haben sich die Strafen ständig verfeinert: Wir hacken einem Dieb nicht mehr die Hand ab, sondern überwachen ihn zu Hause mit einer elektronischen Fussfessel, lassen ihn mit einer bedingten Strafe laufen oder schicken ihn in die Therapie. Ein Trend geht gar so weit, dass sich der Täter beim Opfer unter der Aufsicht eines Vermittlers entschuldigt und den Schaden wiedergutmacht.

Es ist eine ernüchternde Erkenntnis, dass Regeln des Zusammenlebens nur funktionieren, wenn Verstösse Konsequenzen haben. Das gilt für Gemeinschaften jeder Grösse, den Staat, das Dorf, den Stamm und die kleinste Einheit, die Familie: Auch die liebevollsten Eltern müssen ihre Grenzen befestigen. Es gilt für Autofahrer, die sich allein der Vernunft wegen nicht auf 120 Kilometer pro Stunde beschränken. Es gilt für alle mit Schulden und unbefriedigten Bedürfnissen, die nicht freiwillig davon absehen, ihren Geldbedarf bei Banken oder in fremden Häusern zu decken.

Doch Menschen lassen sich schwer erziehen, und das Prinzip Abschreckung funktioniert längst nicht immer. Trotz hohen Bussen fahren viele zu schnell, trotz drohendem Gefängnis werden Banken ausgeraubt. Auch die Todesstrafe in einigen Staaten der USA hat nicht bewirkt, dass Gewaltverbrechen zurückgegangen wären. Täter vertrauen eben darauf, nicht erwischt zu werden.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.