Cristina Soriano, Valencia (ESP), ist 33 Jahre alt und mit einem Taxifahrer verheiratet. Sie hat keine Kinder («noch keine, wir üben»). Ihre Rollerblades sind ihr Hobby. Sie fährt einen Peugeot 306, Jahrgang 1 998, Zählerstand 316 000 Kilometer.
Valencia hat 800 000 Einwohner und ist die Hauptstadt der gleichnamigen spanischen Provinz.
Cristina Soriano verdient im Monat rund 3600 Franken. Ihr Mann verdient etwa gleich viel, davon leben sie gut. Ihre 3-Zimmer-Eigentumswohnung belastet sie monatlich mit 550 Franken.
Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?
Von Montag bis Freitag im Schnitt 57 Stunden. Das Taxi gehört mir, ich bin selbständig, aber mit einer Kooperative verbunden, die mir Fahrgäste vermittelt. Dafür bezahle ich ein paar Prozente meines Umsatzes.
Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?
Ich werde eine Rente erhalten, weil ich in die staatliche Pensionskasse einzahle. Der Beitrag ist nicht einkommensabhängig, ich bezahle nur das Minimum. Ich weiss nicht genau, wie viel ich mal erhalten werde – das ist ja noch weit weg.
Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht und wo?
Meistens gönne ich mir nur verlängerte Wochenenden, vor allem wenn im August ganz Spanien Ferien macht. Vor vier Jahren habe ich Frankreich besucht, 20 Tage lang, davon eine Woche in Paris.
Warum wurden Sie Taxifahrerin?
Vor sieben Jahren war ich arbeitslos. Mein damaliger Freund war Taxifahrer. Ich hatte zwei Möglichkeiten: Fahrlehrerin werden oder eben Taxista. Ich machte die Prüfung und fahre seither Taxi.
Wie viele Kilometer legen Sie pro Tag zurück?
Etwa 180.
Welches war Ihre längste Fahrt?
Nach Cartagena. Das sind hin und zurück 580 Kilometer.
Was tun Sie in den Wartezeiten?
Zeitungen lesen oder auch ein Buch. Oder ich putze mein Taxi.
Wer war Ihr prominentester Gast?
Eines Tages stieg mein Jugendidol in meinen Wagen. Tony Hadle y ! Der Sänger des Spandau Balle t ! Ich spreche zwar nur ein paar Worte Englisch, trotzdem bat ich ihn sofort um ein Autogramm. Er war sehr nett.
Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?
Vor zwei Wochen erhielt ich von der Besitzerin einer berühmten Porzellanfabrik 20 Euro – auf einen Fahrpreis von 50 Euro. Im Durchschnitt gibt’s etwa 40 Euro im Monat.
Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?
Nur das Übliche, Regenschirme. Aber bevor ich Taxista wurde, hatte ich einen schrecklichen Albtraum, nämlich dass jemand ein Kind in meinem Taxi liegenlässt. Schlimm, nicht?
Sprechen Sie mit den Fahrgästen?
Ich liebe es, über Gott und die Welt zu plaudern. Den Anfang machen meist die Gäste, weil sie überrascht sind, eine Fahrerin anzutreffen. Und schon geht’s los.
Wie hoch war Ihre teuerste Busse?
Vor fünf Jahren bekam meine Nichte ein Kind, ich fuhr sie ins Spital, und weil die Geburt dauerte, überzog ich die Parkzeit. Das war meine einzige Busse. Aber ich habe sie erfolgreich angefochten!
Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Was kostet die Fahrt dahin?
Der Strand. Vom Nordbahnhof aus 5 Euro, vom Flughafen 20 Euro.
Haben Sie Angst vor Überfällen?
Ja, schon. Doch eigentlich fürchte ich mich viel mehr vor einem Unfall. Diese Gefahr ist in Valencia auch grösser als die, überfallen zu werden.
Was war die bedrohlichste Situation, die Sie erlebt haben?
Ich fuhr zwei vergammelte Männer in ein dubioses Quartier. Sie bezahlten und gingen weg. Dann entdeckte ich ein grosses Messer, das sie vergessen hatten. Da fühlte ich mich schon etwas komisch.
Womit verwöhnen Sie sich?
Nach der Arbeit entspanne ich mich zuerst zu Hause, dann erledige ich die Hausarbeit. Einmal im Monat gönne ich mir eine gute Massage.
Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?
Ein Jahr pausieren und auf eine Weltreise gehen. Danach würde ich ohne finanziellen Druck wieder Taxi fahren.
Valencia ist Austragungsort des America’s Cup 2007. Vorregatten fanden bereits statt. Spüren Sie etwas vom Cup?
Die Cup-Besucher, die ich bis jetzt sah, sind reich und haben eigene oder gemietete Luxuswagen. Doch ich habe eindeutig mehr einheimische Kunden, Arbeiter und Angestellte, die wegen des Cups zur Arbeit in den Hafen fahren. Bis 2007 werde ich etwas Englisch lernen. Ich hoffe, dass viele Besucher kommen.
Möchten Sie sonst noch etwas sagen?
Ja. Ich liebe meine Arbeit, jeder Tag ist ein neues Abenteuer. Vor allem wegen der Fahrgäste. Ich bin eine gute Zuhörerin, antworte und kommentiere aber auch. Ich bin eine fahrende Psychiaterin – ich sollte den Tarif erhöhen!
Taxameter
Grundgebühr: 1.80 Franken, jeder weitere Kilometer 1.05 Franken.
Spanien
Einwohner: 40 280 000
BIP pro Kopf: CHF 27 500
Benzin: 1 l CHF 1.50
Milch: 1 l CHF 0.95
Coca-Cola: 1 l CHF 0.80
Brot: 1 kg CHF 1.60
Reis: 1 kg CHF 2.00
Kinobillett: CHF 8.00 bis 23.00
Zigaretten: 1 Packung CHF 4.40