LIU BAOHUA, PEKING (VRC), ist 47 Jahre alt, verheiratet und hat einen 22-jährigen Sohn, der noch zu Hause wohnt, aber ein eigenes Einkommen hat. Sein Hobby ist Fernsehen. Er fährt den Kleinwagen Xiali, Modell 7130, der in Koproduktion mit Japan von den Tianjin-Autowerken unweit von Peking hergestellt wird. Baujahr 1998, Zählerstand 300 000 Kilometer. Peking, Chinas Hauptstadt, hat rund 12 Millionen Einwohner.
Liu Baohua verdient im Monat rund 345 Franken, davon leben er und seine Frau. Miete zahlen sie keine, da sie ihre eigene, abbezahlte Wohnung besitzen.
Taxameter (normaler Grundtarif):
Die Grundtaxe beträgt CHF 1.65 für die ersten drei Kilometer, danach kostet der Kilometer 20 Rappen.
Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?
Im Schnitt 60 Stunden, und zwar ohne Ruhetag. Wir sind zwei Fahrer, die den Wagen gemietet haben. Wir bezahlen dafür pro Monat 800 Franken, müssen aber für Benzin und Unterhalt selbst aufkommen. Wir teilen uns in die Arbeitszeit. Die Morgenschicht dauert von 6 bis 13 Uhr, die Spätschicht von 13 Uhr bis Mitternacht.
Warum wurden Sie Taxifahrer?
Ich war über zwanzig Jahre lang Lastwagenfahrer einer staatlichen Papierfabrik. Die Behörden verordneten, dass sie aus der Stadt hinaus an einen andern Ort zu verlegen sei, weil sie die Luft zu sehr verschmutzte. Die Firma hatte aber kein Geld für einen Neubau, machte dicht und verkaufte das Areal. Der Erlös aus dem Verkauf wurde unter der Belegschaft aufgeteilt. Seit der Entlassung bin ich Taxifahrer.
Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?
Da ich so lange in einem Staatsbetrieb gearbeitet habe, werde ich nach Erreichen des Pensionsalters mit 55 eine staatliche Rente erhalten, monatlich 65 Franken. Beim Taxifahren arbeite ich in eigener Regie, so bekomme ich natürlich keine Pension. Mit der Abfindung der Papierfabrik kaufte ich mir eine Zweizimmerwohnung für 4500 Franken. Wir erhielten die Wohnung zu einem Vorzugspreis, heute ist sie, da sie in einem zentralen Bezirk Pekings liegt, viel mehr wert.
Wann waren Sie das letzte Mal in den Ferien?
Als ich in der Papierfabrik arbeitete, waren, wie in Staatsbetrieben üblich, die Sonntage frei sowie die nationalen Feiertage: der Tag der Arbeit, der Nationalfeiertag und das chinesische Neujahr. Ferien im eigentlichen Sinne hatten wir nie. Lange Überlandfahrten konnte ich mit Freitagen kompensieren. Jetzt kann ich mir keinen einzigen Tag freinehmen. Jeder Tag, den der Wagen nicht im Einsatz ist, kostet mich Geld. Das bedeutet auch, dass ich mir keine Freizeitvergnügungen leisten kann.
Wie viele Kilometer legen Sie pro Tag zurück?
Etwa 300 Kilometer. Ich fahre grundsätzlich nur in einem bestimmten Teil Pekings und meide, wann immer es möglich ist, jene Strassen und Kreuzungen, die dauernd verstopft sind.
Wie reagieren Sie im Stau?
Ich warte halt. Meistens ist es wegen eines Idioten, der aus Starrsinn beim Linksabbiegen die Kreuzung blockiert.
Wer war Ihr prominentester Fahrgast?
Prominent? Ich weiss gar nicht, was Sie damit meinen.
Was war Ihr höchstes Trinkgeld, und welches war Ihre teuerste Busse?
35 Rappen war das höchste Trinkgeld, ich bekam es von einem Ausländer. Die chinesischen Fahrgäste geben nie etwas, es ist hier nicht üblich. Meine höchste Busse belief sich auf 8 Franken. Ich fahre vorsichtig, manchmal werden aber Verkehrsregeln von der Polizei ohne Vorwarnung geändert. Da muss man halt aufpassen!
Sprechen Sie mit den Fahrgästen?
Ja, aber nur, wenn der Gast das Gespräch beginnt. Es gibt auch Fahrer, die brabbeln die ganze Zeit. Häufig schimpfen sie über die Polizei.
Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?
Handtasche, Mobiltelefon, Laptop – das Übliche. Wenn sich die Besitzer nicht melden, liefere ich es bei der Taxifirma ab.
Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Was kostet die Fahrt dorthin?
Im besten gefällt mir Wangfujing, die erste Fussgängerstrasse im Zentrum Pekings, weil sie Peking als moderne Grossstadt zeigt. Die Fahrt vom Bahnhof dorthin kostet 1 Franken 65, vom Flughafen sind es 10 Franken.
Haben Sie Angst vor Ueberfällen?
Ja, ich weigere mich deshalb, spätnachts in entlegene Vororte zu fahren. Es gibt dort immer wieder Überfälle. Verübt werden sie in der Regel nicht von Banden, sondern von Einzeltätern. Oft sind das Wanderarbeiter ohne festen Wohnsitz und ohne Arbeit. Ich selbst bin zwar noch nie in eine gefährliche Situation geraten, aber man hört so allerhand.
Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?
Ein grosses Haus kaufen.
CHINA
Einwohner: 1 277 000 000
BIP pro Kopf: CHF 1200
Benzin: 1 l CHF 0.50
Milch: 1 l CHF 0.90
Coca-Cola: 1 l CHF 0.85
Brot: 1 kg CHF 0.65
Reis: 1 kg CHF 0.50
Kinobillett: CHF 5
Zigaretten: 1 Packung CHF 0.50