NZZ Folio 02/96 - Thema: Vernetzte Welt   Inhaltsverzeichnis

Heim und Hobby -- Juchheissa, Fastnacht!

Von Joni Müller

MIT PRAKTIZIERENDEN Fastnächtlern, Narren oder Jecken über die Fastnacht zu reden ist etwa so erspriesslich, wie mit einem Sektierer seine Religion zu erörtern. Fastnacht sei nicht etwa Hobby, sondern Passion, und als aussenstehender Beobachter könne man sich gar keine Meinung bilden darüber, verkündet die gängige Doktrin. Kann man aber sehr wohl.

Es gibt zwar keinen Plural von Fastnacht, doch verschiedene Fastnächte. Zentrale Elemente aller Fastnächte sind die Lustigkeit und das Verkleiden, wobei sich letzteres auf ein Minimum beschränken kann und ersteres oft auch. So macht bereits eine Pappnase oder etwas Schminke aus einem ewigen Spiesser einen fröhlichen Narren. Weitaus lustiger jedoch und fast überall beliebt sind Männer mit Strapsen und üppigen Brüsten, was übrigens an der Thurgauer Fastnacht auch an Frauen gern gesehen ist.

Die Basler dagegen haben es an ihrem närrischen Treiben lieber kunst- als gunstgewerblich und verabscheuen Ordinäres ebenso wie Exzessives. Ihre Fastnacht unterscheidet sich vom Zürcher Sechseläuten vor allem durch eine grössere Bandbreite zulässiger Verkleidungen sowie durch das Fehlen eines «Bööggs». Gemeinsam ist allen Fastnächten der verbissene Ernst, mit welchem ihnen gefrönt wird. Nicht nur im Februar, sondern das ganze Jahr: Larven müssen gemacht, Kostüme genäht, Verse gedichtet und Stücke geübt werden. Wer unentschuldigt fernbleibt, dem drohen Bussen oder gar die Relegation, denn Ordnung muss sein.

Es ist schon allerhand, was die närrischen Würdenträger allerorten aus einem ehemals bacchantischen, ekstatischen, orgiastischen und somit durchaus sinnvollen Fest gemacht haben. Uns Normalbürgern bleibt da einmal mehr nur die traurige Feststellung: Die Fastnacht steht vor der Tür. Und die leider bloss rhetorische Frage: Wolle mer se reinlasse?


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