NZZ Folio 08/97 - Thema: Der Dollar   Inhaltsverzeichnis

Entkorkt -- Piemontesische Charakterstudien

Von Philipp Schwander
KRÄFTIG UND URSPRÜNGLICH ist die Küche des Piemonts, und nicht anders sind die besten Weine des anmutigen Landstrichs um Alba in der Langhe. Wohltuend hebt sich der Barolo mit seinem eigenständigen, fast sperrigen Charakter vom immer uniformeren Cabernet-Einerlei der internationalen Weinszene ab. Die dünnhäutige, spät reifende Nebbiolo-Traube ist arm an Farb-, jedoch reich an Gerbstoffen. Dies ergibt einen herben, in der Jugend häufig strengen Wein mit hohem Alkoholgehalt, der sich dem Betrachter nicht auf Anhieb offenbart. Der Barolo will erfahren werden. Und richtig verstehen wird man diesen Wein wohl erst, wenn man auch seine Heimat kennt, in einer der zahllosen Osterie gesessen ist und ihn zu Brasato und hausgemachten Tagliolini al Tartufo genossen hat.

Eine kürzlich vom Sammler S. initiierte Vergleichsdegustation einiger der besten Barolo-Crus, die zwischen 1978 und 1990 gekeltert worden waren, bot Gelegenheit, den Werdegang und die Entwicklung dieses faszinierenden Weines zu verfolgen. Die Verkostung zeigte auch, dass Barolo - entgegen der herrschenden Meinung - in der Regel nicht viel länger als zehn Jahre gelagert werden sollte. Überragend war dabei in allen degustierten Jahrgängen der Granbussia von Aldo Conterno, eine Selektion der besten Partien der Lage Bussia Soprana.

Ganz allgemein offenbarten die Ende der siebziger Jahre produzierten Gewächse ihre artisanale Herstellungsweise. Wuchtig und streng zeigte sich der 78er Monfortino von Giacomo Conterno, der lange Zeit als der Barolo schlechthin galt. Vergleichsweise schlank, mit klassischen Proportionen der 78er Granbussia von Aldo Conterno, dem Bruder des Monfortino-Erzeugers. Von ätherischem Bouquet, aber ausgezehrtem Körper der aus dem gleichen Jahr stammende Barolo des legendären Luigi Pira, der eines Abends im Jahre 1980 in seinem Wandkalender den «glücklichsten Tag» seines Lebens notierte und daraufhin freiwillig aus dem Leben schied. Gleichfalls getrunken werden sollte der mittelkräftige 82er Monprivato von Mauro Mascarello.

Auf ihrem Höhepunkt präsentieren sich jetzt viele 85er, der erste Jahrgang in der Geschichte des Piemonts, in dem eine bedeutendere Zahl von Produzenten erstmals moderne Kelterungsverfahren anwandten. Die Installation von Stahltanks ermöglichte eine raschere Vergärung mit gründlicherer Farbauslaugung und weicheren Gerbstoffen. Immer noch jugendlich Mauro Mascarellos 85er Monprivato; schlicht grandios der distinguierte 85er Granbussia. Der 85er Cannubi Boschis des Senkrechtstarters Luciano Sandrone gehörte mit einer intensiven, fast süssen Frucht und schön eingebundenen Tanninen gleichfalls zu den Besten, während die teuren Weine Bruno Giacosas zum Teil herb enttäuschten: bereits ziemlich bräunlich die 85er Riserva Falletto di Serralunga und überraschend schnellreifend die 89er Riserva Collina Rionda.

Je weiter wir die Jahrgangsleiter hinaufstiegen, desto mehr Frucht hatten die Weine, ohne allerdings ihr typisches Gerbstoffgerüst vermissen zu lassen - was einerseits mit dem geringeren Alter der Weine, aber auch mit dem gesteigerten Können der Produzenten zu erklären ist. Ausgesprochen dicht und wohlproportioniert präsentierten sich der 88er und der 89er Granbussia. «Süss» und intensiv, mit den Würzaromen des neuen Eichenfasses, überzeugte Gajas zweiter Barolojahrgang aus der Lage Marenca e Rivette, den er unter dem Namen Sperss verkauft; möglich, dass der 89er dereinst vom 90er übertroffen wird. Köstlich wiederum der Cannubi Boschis von Luciano Sandrone, dem 1990 das Kunststück gelungen ist, die typischen Eigenschaften eines Barolos mit einem zugänglicheren, zeitgemässeren Stil zu verbinden.

Insgesamt zeugte die Degustation von einem über die Jahre hinweg deutlich gestiegenen Qualitäts- (und Preis-)Standard, der sonst in Italien nur selten erreicht wird.


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