NZZ Folio 12/97 - Thema: Die Schöpfung   Inhaltsverzeichnis

Zahlen bitte -- Ramanujans Genie

Von Herbert Cerutti
GODFREY HARDY, Professor in Cambridge und einer der führenden Mathematiker seiner Zeit, dachte erst an einen Spinner, als er im Jahre 1913 den Brief von Srinivasa Ramanujan aus dem indischen Madras in Händen hielt. Der 26jährige Büroangestellte hatte seinem Brief eine Sammlung von 120 mathematischen Formeln beigelegt, allerdings ohne irgendwelchen Beweis. Nachdem Hardy eine Nacht lang über den Notizen gesessen hatte, wusste er, dass er die Arbeit eines Genies vor sich hatte: Einige der Formeln erkannte Hardy als klassische Problemlösungen seines Fachs. Andere zeigten neuartige Verknüpfungen, die der weltbeste Zahlenexperte erst nach viel Mühe als richtig bestätigen konnte. Manche der Formeln aber erschienen zutiefst geheimnisvoll. «Sie mussten wahr sein, denn wären sie das nicht gewesen, so hätte kein Mensch die Phantasie besessen, sie zu erfinden», war der Experte überzeugt.

Hardy lud Ramanujan unverzüglich nach Cambridge ein und arbeitete fünf Jahre lang mit ihm zusammen. Die methodische Meisterschaft des Engländers und die ungeschliffene Intuition des Inders harmonierten glänzend; die beiden veröffentlichten eine Reihe bahnbrechender Arbeiten über die Eigenschaften arithmetischer Funktionen. Während sich Ramanujans Ruhm schnell mehrte, verfiel jedoch seine Gesundheit. 1919 kehrte er in die indische Heimat zurück, wo er ein Jahr später starb.

Ramanujan hat sein Lebenswerk in zahlreichen «Notizbüchern» hinterlassen, deren Nutzen für die Mathematik, aber auch für Anwendungen in Physik und Technik erst zum kleinen Teil erkannt ist. So haben Physiker damit begonnen, Ramanujans Ideen in der Theorie der Superstrings anzuwenden. Und vor einigen Jahren hat man erkannt, dass seine Formel für das schrittweise Annähern an die Zahl Pi (3,1416. . .) effizienter als jede andere bekannte Pi-Formel ist. Mit solchen Formeln werden seit Jahren die schnellsten Computer gefüttert, um für Pi laufend noch mehr Stellen nach dem Komma zu finden. Mit dem Ramanujan-Verfahren hat im Oktober 1995 ein japanisches Team auf einem Supercomputer die Zahl auf 6,4 Milliarden Kommastellen berechnet.


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