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Im Schatten der Wolkenkratzer
© Mohamed Somji, Dubai
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| 30 Prozent aller Baukräne dieser Welt sind in Dubai versammelt. |
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Die Mehrheit der Bewohner von Dubai sind Bauarbeiter aus Asien. Sie werden miserabel bezahlt und haben praktisch keine Rechte.
Von Kristina Bergmann
Im Verkaufspavillon vor der Baustelle des Burj Dubai, des höchsten Gebäudes der Welt, gibt man sich vornehm. Angenehm kühle Luft umfängt den Besucher, kaum hat der die Glastür passiert, der Eingang ist mit Mahagoniholz verkleidet, der Boden des Ausstellungsraums mit Marmor belegt. In der Mitte thront ein dreidimensionales Modell des Burj mit den umliegenden Parks, Springbrunnen, Geschäftshäusern, Hotels. Schon schwebt eine Muwatna, eine Bürgerin, wie die einheimischen Frauen des Emirats auf arabisch bezeichnet werden, heran. Sie stellt sich als «sales woman» vor. Noch ist das Gebäude, das Ende 2008 fertiggestellt sein soll und dann gut 900 Meter hoch sein wird, nicht vollständig verkauft. Einzelne Büros oder Appartements sind hier allerdings nicht zu haben. «Der Burj wird per Etage verkauft», sagt die Verkäuferin. «Wie gefällt Ihnen der 139. Stock mit 840 Quadratmetern?» Der Preis: 30 Millionen Dollar.
Weniger willkommen als die zahlungskräftige Kundschaft im Verkaufspavillon sind neugierige Besucher auf der Baustelle des Burj. Das Areal ist grossflächig abgesperrt. An hohen Bauzäunen hängen Schilder, auf denen steht: «Our aim is 100 percent security», wir streben absolute Sicherheit an. In den vergangenen Jahren war es auf den Baustellen öfter zu Unfällen gekommen, mehrere hundert Arbeiter verunglückten. Es hagelte Vorwürfe, und heute tragen alle Arbeiter, die in schwindelerregender Höhe Beton in Verschalungen stampfen, Wände verputzen und Zwischendecken einziehen, Helme und eine grell leuchtende Kluft. Die Gerüste am Turm sind modern. Die Frage, ob dies genügt, um die Arbeiter zufriedenzustellen, bleibt jedoch unbeantwortet.
Im Stadtzentrum, wo eine Station für die neue Metro gebaut wird, kann man sich leichter Zugang verschaffen. «No, no!» ruft ein Wächter zwar, als ich die Absperrung zur Baustelle durchschreite. Doch als er meinen ägyptischen Akzent hört, erzählt er mit sehnsuchtsvollem Blick, er komme ebenfalls vom Nil und heisse Mursi Ashraf. Dann bittet er mich in seine klimatisierte «Kabine», von wo aus er das Areal im Auge behält. Ashraf lässt einen Arbeiter nach dem anderen kommen. Alle stammen aus Bangladesh. Die Fragen überträgt er in ein Pidgin-Arabisch. Das hört sich etwa so an: «Wie viel Jahr du Dubai?»
Besonders auskunftsfreudig ist der Maurer Mohammed Nuzul al-Islam. Er stammt aus einem Dorf nördlich der bangalischen Hauptstadt Dhaka. Er besitzt dort ein winziges Stück Land, er ist 37 Jahre alt, verheiratet und hat drei Töchter. Eines Tages seien «contractors» in seinem Dorf aufgetaucht, erzählt er, und hätten Männer für den Bau der Metro in Dubai gesucht. Es sei Chaos ausgebrochen, denn vielen Dörflern sei das Kommen der Anwerber als Wink des Himmels, als Weg aus der verdammten Armut in Bangladesh, erschienen.
Nuzul al-Islam hatte Glück; sein Name wurde auf den Listen der Unternehmer eingetragen. Nun musste er die Kosten für das Visum und den Flug zusammenkratzen. Er lieh umgerechnet 2400 Franken bei seinem Vater. In Dubai verdient er auf dem Bau 280 Franken pro Monat; das ganze erste Jahr stotterte er seine Schulden ab. «Jetzt kann ich zwei Drittel des Verdienstes meiner Frau schicken», sagt er stolz. Von der Metro habe er einen Dreijahresvertrag, und so lange wolle er auf jeden Fall bleiben. Die Regierung von Dubai habe den Bauarbeitern Schlafplätze zur Verfügung gestellt, und ausserdem bekämen sie dreimal pro Tag zu essen – alles umsonst.
Ashraf lacht hämisch: «Der dumme Bangale merkt nicht, dass er wie eine Weihnachtsgans ausgenommen wird!» Als Arabisch und Englisch sprechender Wächter bekomme er selber 500 Franken im Monat. Dafür müsse er die Miete für den Bedspace, die Schlafstatt, aus dem eigenen Sack bezahlen. Ein ganzes Zimmer kann sich kein Gastarbeiter leisten. Primitive Wohnungen in lauten Vierteln kosten 1200 Franken pro Monat. Er spare für die Hochzeit, erzählt Ashraf. Später wolle er Geld für ein eigenes Geschäft am Nil zurücklegen. «Warum sonst sollte ich es in diesem Staubloch aushalten?» fragt er und spuckt angeekelt auf den Boden.
Mohammed as-Suwaidi ist ein einheimischer «business lawyer». Über die Rechte und Pflichten von Arbeitern und ihren Chefs weiss er Bescheid – beide verteidigt er. Das Problem in Dubai sei, dass sich nicht alle Dienstherren an das Arbeitsrecht hielten, sagt Suwaidi. Einige zahlten den Bauarbeitern die Löhne unpünktlich oder manchmal gar nicht aus. In einem Bericht schreibt das Ministerium für Arbeit der Vereinigten Arabischen Emirate, dass 2007 umgerechnet 15 Millionen Franken Löhne nicht ausbezahlt wurden. Und 50 000 Betriebe wurden mit Bussen von insgesamt 83 Millionen Franken dafür bestraft, dass sie Arbeitsverträge verschlampten. «Die wenigsten Beschäftigten haben den Mut, vor Gericht zu klagen», erklärt Suwaidi.
Ihm falle auf, dass der westliche Besucher die arabische Mentalität nicht begreife, sagt Suwaidi, lehnt sich behaglich in seinem Sessel zurück und zupft die beiden Enden seines weissen Kopftuchs zurecht. «Die Löhne der Gastarbeiter scheinen gering, wenn man sie mit denen europäischer Werktätiger vergleicht. Aber der Westler vergisst, dass die hiesigen Gehälter viel besser sind als die in der Heimat der Fremdarbeiter. Ich weiss, in Dubai herrscht der pure Kapitalismus, aber den haben wir doch von euch gelernt!» sagt er mürrisch. In Suwaidis Kanzlei ist es kühl. Sie ist geschmackvoll eingerichtet wie die meisten Büros in Dubai. Rund um den Teakholztisch stehen schwarze Lederstühle, auf ihm Wasser, Säfte und Kekse. Dubaier sind gastfreundliche Menschen.
«Die Emiratis hassen die Fremden nicht, sie haben Angst vor ihnen», fährt Suwaidi fort. Laut den Statistiken leben 900 000 Ausländer in Dubai, rund 700 000 von ihnen sind asiatische Bauarbeiter. Sie stampfen seit ein paar Jahren das glitzernde, spiegelnde, pompöse Dubai aus dem Wüstenboden, das die ganze Welt in Staunen versetzt. «Den Ausländern stehen nur gerade 200 000 Einheimische gegenüber», sagt Suwaidi und faltet nachdenklich die Hände. Früher seien die asiatischen Gastarbeiter folgsam und zahm gewesen, doch seit letztem Jahr hätten sie mehrmals gestreikt und demonstriert. Und so wachse die Furcht der Einheimischen, dass die Ausländer sie mit ihrer schieren Menge überrollen könnten. Die Einheimischen seien zwar reich – aber was nütze das, wenn die Fremdarbeiter ihre Körperkraft gegen sie einsetzen würden, fragt Suwaidi. Aus nackter Angst würde man deshalb die Gastarbeiter knebeln, wo man nur könne – mit der «Kafala».
Laut dem «Kafala-Gesetz» benötigt jeder ausländische Arbeitnehmer einen einheimischen Bürgen; in der Regel handelt es sich dabei um den Arbeitgeber. Der Bürge ist verpflichtet, für die Einreiseformalitäten und die staatliche Registrierung zu sorgen. Dazu zieht er den Pass des Fremdarbeiters ein und händigt ihn – der Einfachheit halber und um ihn seine Überlegenheit spüren zu lassen – erst bei Vertragsende wieder aus. Der Fremde benötigt für grosse Anschaffungen und Amtshandlungen die Erlaubnis seines Bürgen. Er wird also praktisch entmündigt.
Auch für eine in Dubai arbeitende deutsche Anwältin ist die «Kafala» vor allem Ausdruck der Angst: «Die Dubaier argwöhnen, dass ihnen die Macht entgleiten könnte.» Ausserdem sei Dubai ein junger Staat, der erst seit dreissig Jahren eine Rechtskultur kenne. «Davor tagten die Scheichs und entschieden ad hoc, was zu tun sei», sagt sie. 1980 wurde erstmals ein Arbeitsrecht kodifiziert, doch wird darin vor allem den Arbeitgebern Sorge getragen. So könne man Angestellte in Dubai praktisch im Handumdrehen entlassen, erklärt die Anwältin. «Bis jetzt sind sie ebenso leicht anzuheuern – aber wie lange noch?» fragt sie skeptisch.
Ihre Zweifel sind berechtigt, denn in Indien boomt die Wirtschaft. Ein gelernter indischer Arbeiter bleibt heute oft lieber in der Heimat, wo seine Familie lebt und die Ausgaben gering sind. «Aber manche Asiaten sind sich spinnefeind, davon profitiert man in Dubai», sagt die Anwältin. Tatsächlich behaupten Pakistaner, dass sie nie ins barbarische Indien gehen würden. Dubais Arbeitgeber zieren sich hinsichtlich Religion und Staatsangehörigkeit überhaupt nicht. Für die schwere Bauarbeit heuern sie alle an, die kommen wollen. Derzeit sind das Bangalen, Nepalesen, Afghanen, Vietnamesen, Sri Lanker. Untereinander und mit den philippinischen Kantineköchen halten sie oberflächlich Frieden. Sie wissen, dass Streit und religiöse Auseinandersetzungen zur sofortigen Ausweisung führen.
Dubai entwickelt sich rasch. Seit kurzem gibt es ein Committee for Labour Affairs (CLA), sein Vorsitzender heisst Faruk Abbas, ein Einheimischer, der zuvor als Polizeioffizier arbeitete. «Erst mit dem Boom des Emirats hat die Regierung gemerkt, dass wir auch in Sachen Menschenrechte aufholen müssen», sagt er. Vielleicht schäme sie sich sogar für die Ausbeutung der Fremdarbeiter. Jedenfalls sei die Gründung des CLA von den Herrschern zügig abgesegnet und ihm der Status einer Nichtregierungsorganisation verliehen worden.
Der Begriff Nichtregierungsorganisation ist im Scheichtum allerdings mit Vorsicht zu geniessen. Als Abbas kürzlich für einen Kurs in die USA reiste, startete die einheimische Presse, die alles andere als unabhängig ist, eine Kampagne gegen ihn. Er sei ein Pudel Washingtons und bekomme von dort Geld, hiess es gehässig in den Zeitungen. «Auf die Hungerlöhne und die archaischen Anstellungsverhältnisse hier sind die Journalisten hingegen nicht eingegangen», sagt er.
Kürzlich hat Abbas erreicht, dass eine von den Arbeitgebern finanzierte Krankenversicherung für die Fremdarbeiter obligatorisch wurde. «Wir wollen aber mehr, nämlich die Einführung von Gewerkschaften und einen Mindestmonatslohn von 450 Franken.» Von den bisher üblichen 200 bis 300 Franken könne ein Werktätiger in Dubai nicht menschenwürdig leben, sagt Abbas. Die Inflation von jährlich über 10 Prozent mache aus dem Verdienst einen Hungerlohn. «Der Einheimische, der nicht selten eine Villa für bis zu vier Millionen Dollar baut, will sich nicht vorstellen, dass der Fremdarbeiter auch mal ins Kino gehen und sich etwas anschaffen will.» Dann kommt Abbas auf den heikelsten Punkt zu sprechen: «Die Emiratis sind rassistisch, vor allem gegenüber Nichtmuslimen. Sie sagen: ‹Warum brauchen denn die dreckigen Hindi mehr Lohn?› Mit dem Islam hat diese Arroganz nichts zu tun, im Koran steht: ‹Der Beste von euch ist der, der Gutes für die Menschen tut›», sagt Abbas.
Der Taxifahrer ist Inder und heisst Ali. Als er hört, dass die Fahrt in die «labour camps», also die Wohnsiedlungen der Bauarbeiter, gehen soll, hält er an und dreht sich um und sagt: «Seit Jahren warte ich darauf, dass ich die jemandem zeigen kann.» Dann telefoniert er und fragt seine Freunde, wo die «besten» Lager seien. Zuerst fahren wir nach Kuz im Süden der Stadt. Dort stehen dicht an dicht Dutzende Wohnblöcke. Sie gehörten den grossen Baufirmen Dubais, sagen die Passanten. Es sind ausschliesslich Männer, und alle tragen weite pastellfarbene Hosen mit einem passenden langen Hemd oder einen Sarong. Auf der Rückseite der Blöcke befinden sich hohe, geschlossene Tore. Immerhin kann man durch die Gitterstäbe gucken. An langen Durchgängen reihen sich auf drei Etagen Zimmer an Zimmer. Würde davor keine bunte Wäsche flattern, könnte man meinen, es handle sich um Gefängniszellen.
«In jedem Raum stehen vier Etagenbetten, und pro 25 Personen gibt es ein Bad und eine Küche», gibt ein Arbeiter, der gerade keine Schicht schiebt, ungefragt Auskunft. Gegenüber steht das einfache, unklimatisierte Restaurant «City Star». Es ist zum Bersten voll. An einem Tisch sitzen zwei junge Pakistaner und schlürfen Tee. Sie sprechen gut Englisch, weil sie in Islamabad studiert haben. «Arbeit für uns gibt es dort keine, und so haben wir hier Jobs als Fahrer angenommen», sagen sie.
Als Chauffeure gehe es ihnen besser als den Bauarbeitern. «Wir verdienen 450 Dollar im Monat. Aber die gehen für Essen und unsere Überweisungen nach Hause drauf.» Der eine hat alte Eltern, der andere Frau und Kind, die sie versorgen müssen. Nach und nach sammeln sich die übrigen Gäste um den Holztisch. Alle erzählen die gleiche Geschichte: Sie überleben, aber das eigentliche Ziel, Geld zu sparen und daheim in Pakistan ein Geschäft aufzumachen, erreicht fast niemand. «Dabei sind wir genau deshalb hergekommen», sagt der eine pakistanische Fahrer.
Weiter geht es zu den Arbeitersiedlungen in Sonapur im Osten. Die schillernde Skyline von Dubai scheint unendlich weit weg, Alis Taxi ist in der Dritten Welt angekommen. Am Rande eines mit Abfall übersäten sandigen Platzes steht ein flaches Gebäude mit der Aufschrift «Compound of the Abdooly Foundry». Das Tor steht offen. Wie in Kuz hängt Wäsche vor den Türen. Sonst ist alles schäbiger als dort, geradezu elend. Die Männer, die aus den Zimmern treten, können weder Englisch noch Arabisch. Sie verstehen aber das in Zeichensprache vorgetragene Anliegen und öffnen die Tür zu einem der Räume. Viel weiter als einen Spalt geht sie nicht auf, sie stösst an einen Schrank.
Im Raum ist es dunkel, er hat kein Fenster und ist mit Etagenbetten vollgestellt. Die Anwälte und Arbeitgeber hatten versichert, dass in den Lagern pro Zimmer höchstens acht Personen lebten. Doch in den Räumen der «Foundry», der Giesserei, stehen mindestens sieben Etagenbetten, und dazwischen schlafen am Boden ausserdem acht Männer, eingerollt in billige Wolldecken. Sie hatten wohl Nachtschicht. Fast überall in Dubai wird rund um die Uhr gearbeitet, jede Schicht dauert etwa 12 Stunden. Die alte Klimaanlage im Zimmer läuft mit ohrenbetäubendem Lärm auf Hochtouren. Durch den Türspalt dringt ein stechender Geruch.
Es ist der Geruch von Armut und Erschöpfung, von Mangel an Respekt und Menschenwürde.
Kristina Bergmann ist Korrespondentin der NZZ; sie lebt in Kairo.
Leserbriefe:
Zu Im Schatten der Wolkenkratzer - NZZ-Folio Dubai (07/08)
Vielen Dank für diesen Beitrag! Wer einmal in Dubai war und sich nicht nur in klimatisierten Shopping-Malls oder Hotelbars aufgehalten hat, merkt schnell, wie die Wirklichkeit hier ist. Die Lebensbedingungen der arbeitenden (eingewanderten) Bevölkerung, die Diskriminierung der Frauen, der Zustand der(stinkenden) und verschmutzten Stadt in einem Land, in dem nur die reichen Einheimischen und Touristen etwas zählen und in dem die Bewässerung einer einzelnen Palme für den Hotelgast weit wichtiger ist als das Recht auf ein menschenwürdiges Leben eines Arbeiters, empfand ich bei all den vorhandenen Milliarden als zutiefst beschämend. Es erstaunt mich, dass in allen anderen Beiträgen des Heftes die gravierenden Verletzungen der Menschenrechte in diesem Land sozusagen als "Kavaliersdelikte" bagatellisiert werden. Aber Geld und Reichtum blenden und werden weiter Legionen von Spekulanten, Dienern und Schmarotzern anziehen, deren fadenscheinigen Rechtfertigungen wir dann in unserer Presse zu lesen bekommen. Felix Holler, per E-Mail
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