NZZ Folio 12/98 - Thema: Nachts   Inhaltsverzeichnis

Dirty Cooking -- Milupa-Variationen

Von Manfred Papst

DAUERND WIRD ein grosses Trara gemacht um Prousts Madeleines. Dabei kennt man Nahrungsmittel, die viel frühere Erinnerungen wachrufen und erst noch besser schmecken. Milupa zum Beispiel. Es gibt keine tröstlichere, gesündere, bekömmlichere und schneller zubereitete warme Mahlzeit als diesen Babybrei: Einige Messbecherchen Milupapulver in einen Suppenteller geben, unter sanftem Umrühren heisses Wasser zugiessen, bis die gewünschte Konsistenz erreicht ist, glattstreichen, fertig. Wie das duftet nach Milch und geriebenen Nüssen und Heileheilesegen! Die Beschaffung des Grundstoffs ist ebenfalls kein Problem. Praktizierende Eltern gehen in die nächste Drogerie, alle anderen in die übernächste. Eine grosse Dose reicht ewig. Die Mahlzeit lässt sich ohne viel Aufwand erweitern: zu Milupa Exotic mit Mandarinenschnitzen aus der Dose (mit frischen wird es nichts), Milupa Alpine mit darübergesiebtem Kakaopulver, Milupa Royal mit einem Schuss Amaretto und Mandelsplittern. Bei Heisshunger schmeckt ein Landjäger oder Salsiz zum Brei vorzüglich; wer eine gewisse Distanz zu seiner Kindheit sucht, bestreut das dampfende Magma mit Reibkäse. Am besten schmeckt das Gericht jedoch ohne weitere Zutaten; man geniesst es im Calida-Pyjama vor dem Fernseher (Biolek, Flipper, Sabine Christiansen).


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