WAS KANN ES Herrlicheres geben als das Erreichen des ersehnten Glückszustands?
Freilich - worin dieser Zustand besteht, darüber scheinen die Meinungen weit auseinanderzugehen. Der Philosoph Robert Spaemann erwähnt, dass Terentius Varro und, ihm folgend, Augustinus 289 Glücksdefinitionen sammelten (man kann sich freilich des Verdachts nichts erwehren, dass ihre Umfrage sich nur auf 289 Personen erstreckte).
Wohl für alle Menschen ist der Traum des Eintretens ins Glück mit der Idee des Erreichens eines herrlichen Ziels verbunden. Der romantischste Ausdruck dieser Idee ist wohl Novalis' Blaue Blume, die irgendwo im Verborgenen blüht und deren Finden uns die endgültige Glückseligkeit und Erfüllung geben wird.
Weniger offensichtlich dagegen ist, dass es aus diesem Traum nur zwei zwar gegensätzliche, aber gleich schmerzvolle Formen des Erwachens gibt. Entweder man sucht und sucht - der möglichen Fundorte gibt es ja unzählig viele -, ohne die Blaue Blume zu finden. Man kommt dann schwerlich darum herum, sich vom Leben (oder dem Schicksal oder Gott) betrogen zu fühlen; oder man kommt irgendwie zum Schluss, dass es die Blaue Blume nicht gibt - und die Folgen dieser Einsicht können tragisch sein. (Nur wenigen von uns dürfte die Weisheit des Königs in «Alice im Wunderland» zugänglich sein, der nach dem Lesen des unsinnigen Gedichts des Weissen Kaninchens zur erleichterten Schlussfolgerung kommt: «Wenn kein Sinn darin ist, so erspart uns das eine Menge Arbeit, denn dann brauchen wir auch keinen zu suchen.»)
Nicht weniger schmerzhaft, aber viel wahrscheinlicher ist die andere der beiden Möglichkeiten: nämlich das Ankommen am ersehnten Ziel. «Es ist besser, hoffnungsvoll zu reisen als anzukommen», sagt die Weisheit eines japanischen Sprichworts. Und in einem seiner Sonette sagt Shakespeare: «. . . Glück beim Versuch, und wenn versucht nur Qual, / erst freudig hoffend, nachher Schattenbild. / Das weiss jedweder, doch nicht wie man flieht, / den Himmel, der zu dieser Hölle zieht.» In ähnlichem Sinne Oscar Wilde in «Lady Windermeres Fächer»: «Es gibt im Leben zwei Tragödien - die eine ist die Nichterfüllung eines Herzenswunsches, die andere ist seine Erfüllung. Von den beiden ist die zweite bei weitem tragischer.» Ernst Bloch prägte dafür den Begriff der «Melancholie der Erfüllung».
Etwas weniger philosophisch soll Katharina die Grosse denselben Sachverhalt ausgedrückt haben. Vermutlich gegen Ende ihrer Laufbahn sagte sie zu dem Manne, mit dem sie an jenem Abend im Bett lag: «Weisst du, ich muss an die zehntausend Geliebte gehabt haben - und wenn ich es mir so überlege, besteht eigentlich wenig Unterschied zwischen euch allen . . .»
Nicht wesentlich anders scheint es dem Millionär zu ergehen: das dritte Luxusauto, der vierte Pelzmantel der Gattin halten nicht, was sie zunächst zu versprechen schienen.
Im klinischen Bereich kann es unter Umständen sehr viel ergiebiger sein, in der Vergangenheit eines traurigen Menschen nicht nach Enttäuschungen und Schicksalsschlägen, sondern nach kürzlichen Erfolgen zu suchen.
Und was lässt sich daraus lernen?
Es gibt Religionen, in denen Gott nicht benannt werden darf. Steht es mit dem Benennen des Glücks vielleicht ähnlich? «Der Name, den man nennen kann, ist nicht der wahre Name - der Sinn, den man ersinnen kann, ist nicht der wahre Sinn», schreibt schon Lao Tse im Tao Te Ching. Und auch der Begründer der Allgemeinen Semantik, Korzybski, warnt vor dem Benennen und dem sich daraus immer wieder ergebenden Fehler, den Namen dann für das «Ding», also das Benannte selbst zu halten. Insofern sind wir alle wie der sogenannte Schizophrene, der die Speisekarte statt die darauf verzeichneten Speisen isst, sich über den schlechten Geschmack beschwert und schliesslich Verdacht schöpft, dass man ihn vergiften will.
Was, wenn unsere Sehnsucht nach dem glücksbringenden Ziel sich auf einem ähnlichen Irrtum aufbaut? Was, wenn nur der Name, nicht aber die Welt leer ist?
Dostojewski scheint ähnliches im Sinn gehabt zu haben, wenn er Kirillov in den «Dämonen» sagen lässt: «Alles ist gut - der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiss, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird gleich glücklich sein, sofort, im selben Augenblick.»
Aus absolut zuverlässiger Quelle weiss ich, dass Dante seine Reisenotizen durcheinanderbrachte und uns deshalb in seiner «Divina Commedia» irrtümlicherweise berichtet, die Aufschrift «Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr hier eintretet» stehe auf dem Tor zum Inferno. Diese Aufschrift steht vielmehr auf der Tür zum Paradies und lautet «Lasciate ogni speranza, e poi entrate» - Lasst alle Hoffnung fahren, und dann tretet ein.
Auch der englische Dichter Pope scheint davon gewusst zu haben. In seinem Werk finden wir den merkwürdig tröstlichen Satz: «Gesegnet ist, der da nichts erwartet, denn er soll herrlich überrascht werden.» Auch Wittgenstein kommt einem in den Sinn: «Wer im gegenwärtigen Augenblick lebt, lebt in der Ewigkeit.»
Und schliesslich Lothar Kempter, Dichter aus Winterthur, mit seinem Gedicht «Ins Ohr zu flüstern»: Schliesse die Augen - dann wirst du schauen, Brich deine Mauern - dann wirst du bauen, Lerne harren - dann wirst du gehen, Lasse dich fallen - dann wirst du stehen.