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Adonis, bei Fuss!
© Jost Wildbolz, Zürich
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| «Ich mag das Material, den Glanz, diese endlosen Absätze»: Phoebe Schnyder, 30, Mutter und Künstlerin. |
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Warum bloss werden Frauen von Schuhgeschäften angezogen wie Muslime von Mekka? Und warum ist es ratsam, einen Killer-Stiletto griffbereit zu haben?
Von Kathy Lette
Die Kluft zwischen Männern und Frauen hat die Ausmasse des Grand Canyon. Dies wird nirgends deutlicher, als wenn es um Schuhe geht. Das Männchen der Gattung Mensch braucht drei, vier Paar Schuhe – im Laufe seines gesamten Lebens. Für ein Weibchen hingegen ist es genetisch unmöglich, an einem Schuhgeschäft, das Ausverkauf hat, vorbeizugehen statt hineinzurasen und etwas Unvernünftiges mit Riemchen dran zu kaufen.
Frauen werden von Schuhgeschäften angezogen wie Muslime von Mekka. Heiraten sie jedoch, bleibt ihnen vor lauter Kinder-und-Karriere-Jonglieren schlicht keine Zeit, ihrem Fetischismus zu frönen. Ehemänner dagegen können nach wie vor ihre Hobbies ausleben, Golf beispielsweise. Warum? Weil sie die Sache raffinierter angehen. Ich weiss noch, wie es war, als meine Kinder klein waren: Da stand ich, vor lauter Babykotze aussehend wie ein Jackson-Pollock-Bild, übernächtigt vom Such-den-Schnuller-Spiel, versuchte mit der einen Hand Avocadopüree zu fabrizieren und mit der anderen «kreativ mit Knete» zu sein, und dann trat mein Mann mit lässig geschulterter Golftasche in die Küche: «Ich tue das für uns», sagte er mit einem gequälten Seufzer. «Mit Vergnügen hat das nichts zu tun. Das ist rein geschäftlich. Denn so ist es heute, Schatz: Geschäfte werden auf dem Golfplatz angeleiert.»
Was würde wohl geschehen, wenn wir Ehefrauen es auf die gleiche Tour versuchten? «Ich muss Schuhe kaufen gehen. Das wird den ganzen Tag in Anspruch nehmen. Nicht dass dies ein Vergnügen wäre, das ist rein geschäftlich. So ist das heute nun mal: Frauen in leitender Stellung treffen sich für geschäftliche Besprechungen in der Schuhabteilung von Harvey Nichols. Zu dumm, dass die Kleine Koliken hat. Tschüss.»
Und noch etwas, meine Herren: Versuchen Sie bloss nicht, uns weiszumachen, Sie müssten zwecks Stählung des Körpers golfen gehen. Das Öffnen eines Marmeladeglases würde mindestens so viel bringen. Und wenn Sie uns etwas vom Laufen vorschwafeln: Was da aufläuft, sind Kosten. Für den Preis Ihrer handgemachten Eisen und der Designer-Plaid-Outfits könnten wir unseren eigenen Manolo-Blahnik-Laden kaufen, verdammt!
Doch die grosse Frage lautet: Warum sind Frauen dermassen auf Schuhe versessen? In meinem Fall ist es so: Ich bin etwas kurz geraten. Mit meinen einssechzig verbringe ich die meiste Zeit damit, Männern in die Nasenlöcher zu schauen, und so toll ist dieser Ausblick nicht. Weil ich es leid war, ständig auf die Stirn geküsst zu werden, verlegte ich mich auf Absätze* von schwindelerregender Höhe. Meine YSL-Stilettos sind so hoch, dass ich Nasenbluten bekomme. Hinzu kommt: Wer in so viele Fettnäpfchen tritt wie ich, braucht eine erlesene Fussbekleidung. Wegen meiner Neigung, das Falsche zu sagen, habe ich Stöckelschuhe aus Kalbs-, Nilpferd- und Büffelleder sowie solche, die bezogen sind mit Gürteltier-, Rochen- und Lachshaut. Ja ich habe sogar ein Paar aus Haifischhaut. Ob mir die Tierchen nicht leid tun? Ach, wissen Sie: Wenn man mit so vielen Rindviechern ausgegangen ist wie ich als Teenager…
Apropos: Im Gegensatz zu Männern lassen Schuhe dich nie im Stich. Da träumst du davon, dass ein muskelbepackter Adonis sich dir zu Füssen legt – und dann schläft der dort ein! Noch schlimmer wird es nach der Hochzeit: Manche Ehemänner machen sich einen Sport daraus, ihre Frauen schlecht aussehen zu lassen. Schuhe mit hohen Absätzen hingegen lassen uns gut aussehen. Sie machen unsere Beine länger, sie verleihen unserem Gang Anmut, Eleganz und diesen gewissen Schwung. Erinnern Sie sich daran, wie Marilyn Monroe in «Some Like It Hot» ihren Hintern schwenkend den Bahnsteig entlanggeht? Visuelles Viagra.
Auch deswegen lieben Frauen Schuhe über alles: Sogar wenn du so hässlich bist, dass du deine Spiegel versichern lassen solltest; wenn dein Po so gross ist, dass er eine eigene Postleitzahl brauchte – du brauchst nichts als ein Paar Lacklederschuhe mit 15-Zentimeter-Absätzen, und keiner blickt weiter hinauf als bis zu deinen Fesseln. Unsereins nennt solche Dinger «Follow me home and fuck me»-Schuhe. Mein bester Sex-Tip für Freundinnen lautet: Geh mit keinem Mann ins Bett ohne ein paar Killer-Stilettos in Griffnähe. Absätze so scharf, dass du damit ein Frettchen aufschlitzen könntest, erinnern jeden Mann daran, was du mit seinem besten Stück anstellen könntest, und er wird alles tun, um es dir recht zu machen.
Also, Mädels, stellt euch auf eigene Füsse. Aber seht zu, dass das Schuhwerk exquisit ist.
*Ein Artikel über Schuhe bedarf natürlich einer Fussnote. Die frühesten Absätze waren rein praktisch: Ägyptische Schlachter trugen sie, damit ihre Füsse nicht in den Blutlachen standen. In Norditalien standen Frauen im 16. Jahrhundert auf bis zu 50 Zentimeter hohen Plateauschuhen. Gehen liess sich damit nicht, sie waren ein Zeichen von Kultiviertheit und Reichtum. Eine vor kurzem in England durchgeführte Umfrage ergab, dass 90 Prozent der Frauen gestehen, ein neues Paar Schuhe sei ihnen wichtiger als Sex. There’s no business like shoe business.
Kathy Lette ist Kolumnistin und Drehbuchautorin; sie lebt in London. Zuletzt erschien von ihr der Bestseller «How to kill your husband» (2006).
Übersetzung: Thomas Bodmer, Zürich.
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