NZZ Folio 10/07 - Thema: Auto der Zukunft   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Behandschuht am Lenkrad

© Patrick Rohner
Autofahrerhandschuh, Peccary-Leder, Roeckl, 119 Euro. Linktext
Von Jeroen van Rooijen
Fährt eigentlich heute noch jemand mit Fahrerhandschuhen, wo doch die ergonomisch geformten Lenkräder so griffig und rutschfest sind wie noch nie? Wohl kaum, ausser natürlich die Oldtimer-Enthusiasten, die sich zu ihren Clubtreffen feinmachen. Mehr als um den Nutzen geht es dem, der im Auto Fahrerhandschuhe trägt, um die Pose, das Pathos und die nostalgische Geste – und um ­Styling. Denn eines muss man den kurz ­geschnittenen Handschuhen mit den freigelegten Handrücken und Finger­knöcheln lassen: Sie sehen kernig aus.

Die besten Fahrerhandschuhe erhält man beim deutschen Handschuhspezialisten Roeckl, der seit 1839 in diesem Fach tätig ist, schon den bayrischen König Ludwig II. belieferte und in sechster ­Generation von Annette Roeckl geführt wird. Noch immer ist das Unternehmen am Münchner Roecklplatz ansässig, von wo aus die 22 eigenen Handschuhfachgeschäfte in 17 deutschen und österreichischen Städten geführt werden.

Genäht werden die Handschuhe im eigenen Werk in Temeswar in Rumänien. Denn das Nähen von Handschuhen ist technisch eine derart diffizile Sache, dass dies nur hochspezialisierte Betriebe mit entsprechendem Gerät bewältigen können. Bei Roeckl geschieht die Produktion des Autofahrerhandschuhs noch immer weitgehend von Hand. Verwendet wird ein hochwertiges Peccary-Leder, das von einem in Südamerika lebenden Wildschwein stammt. Es ist gleichzeitig robust und dennoch weich im Griff – «standig» nennt der Fachmann solche Tierhäute.

Der erste und anspruchsvollste Moment der Handschuhproduktion ist der Zuschnitt des Leders. Der Handschuhmacher muss jedes einzelne Leder einschätzen, bevor er es über der Tischkante auszieht. Dieses mitunter kräftige Dehnen des Materials ist wichtig, damit der Handschuh später seine Form behält. Zugeschnitten werden die Ober- und die Unterhand mit sogenannten Kalibern, die zusammen mit einigen Schichten ­Leder unter hydraulische Stanzpressen kommen. Die Schichtel, das sind die schmalen Fingerelemente, werden von Hand mit der Schere geschnitten. Genäht wird der Autofahrerhandschuh am Hand­laschständer, dem sogenannten Tamburin-Eisen, auf dem eine Näherin die Dreikantnadel durch vorgefräste Rillen durch das Leder sticht – bis zu zweitausend Mal pro Handschuh. Das dauert einen halben Tag. Natürlich könnte man den Handschuh auch mit einer Maschine nähen, aber in diesem Segment verlangen die Kunden meist nach handgenähten Handschuhen.

Nach dem Nähen wird der Handschuh über eine heisse Bügelform gestreift und noch einmal glattgezogen. Es folgt das Polieren auf einer weichen Walze, bevor das fertige Produkt der Qualitätskontrolle übergeben und an die Geschäfte ausgeliefert wird. Erhältlich ist der Autofahrerhandschuh in den Grössen 6,5 bis 8 für Damen sowie in 7,5 bis 10,5 für Herren. Die Schnittmuster für Damen und Herren unterscheiden sich erheblich: Damen haben schmalere Hände mit längeren Fingern als Herren. Eine 7,5 für Frauen ist also nicht dasselbe wie eine 7,5 für Herren – Unisex gibt es bei diesem traditionsreichen Metier gottlob noch nicht.

Von Jeroen van Rooijen ist  Moderedaktor bei der NZZ.



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