NZZ Folio 09/01 - Thema: Europa   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Kriegerische Schleimer

Von Herbert Cerutti

«SCHAU MAMI, das herzige Schnecklein!» Sachte nimmt Anna das Tier von der Strasse auf, guckt, wie die Fühler rasch im Häuschen verschwinden, und setzt das Wesen ins nahe Gras, damit ihm ja nichts passiere. Die Schnecke hat in den Kinderherzen ihren festen Platz.

Was Anna aber nicht weiss: Die friedfertige Weinbergschnecke ist im Reich der 100 000 verschiedenen Schneckenarten eher die Ausnahme. Unter den Gastropoden (wie die Schnecken wegen ihres Kriechfusses am Bauch heissen) gibt es eine beispiellose Vielfalt an räuberischem Verhalten. Denn wie die Schnecke auch aussehen mag - im Mund sitzt immer die Radula, eine Raspelzunge mit Querreihen spitzer Hornzähnchen, die fast alles vertilgen können. Und damit das Fresswerkzeug sein Futter selbst in schwer zugänglichem Ort noch findet, sitzt die Radula oft am Ende eines Rüssels, den manche Schnecken bis zur fünffachen Länge ihres Körpers ausstrecken können.

Die meisten Schnecken leben im Meer. Um auch die scheinbar undurchdringliche Muschel, die fremde Schnecke in ihrem Kalkpanzer und auch den flinken Fisch überwältigen zu können, besitzen sie ein wahrlich fürchterliches Arsenal. Schnecken verfügen über Schwerter, Brechstangen, Feilen; sie fesseln ihre Opfer, schleudern Schwefelsäure, injizieren lähmendes Gift. Dass die Schleimer mit ihren Waffen selbst dem Menschen gefährlich werden können, erfährt der Taucher, wenn ihm plötzlich der rasiermesserscharfe Kalkdeckel der Fechterschnecke die Haut aufschlitzt. Und gerät er vor den Rüssel einer Kegelschnecke, kann ihn das Gift aus dem Hohlzahn sogar zu Tode bringen.

Mancher Raubschnecke genügt mechanische Gewalt. Die vom Nordatlantik bis ins Mittelmeer heimischen Leistenschnecken waren im Altertum als Lieferanten von Purpurfarbstoff hoch geschätzt. Die Leistenschnecken drücken Muscheln oder andere Schnecken mit dem Fuss fest auf den Untergrund und raspeln mit der Zunge dem Opfer ein Loch in die Schale. Dies kann Stunden dauern. Endlich am Ziel, schiebt der Räuber zum Schlemmen seinen Rüssel ins Weiche. In der Familie der Leistenschnecken kennt das Brandhorn einen schnelleren Weg: Mit einem speziellen Zahn am Schalenrand kann es Muscheln wie mit einem Austernmesser aufknacken.

Die zur Familie der Reusenschnecken gehörende Blasenreuse setzt in ihren Jagdgründen im Pazifik auf die Karte Geduld. Auf einer Muschel hockend, wartet und wartet sie, bis das Opfer die Schale einen Spalt weit öffnet. Dann kippt die Schnecke blitzschnell ihre eigene Schale nach unten und klemmt sich zwischen die Muschelklappen. Jetzt kann der Schneckenrüssel in aller Ruhe der Muschel ans Weiche.

Lebensraum der Nabelschnecken sind schlammbedeckte Meeresböden. Dort graben sie sich in den weichen Grund, lassen den Vorderteil des Kriechfusses zu einem Keil anschwellen und pflügen sich so durchs Revier. Stösst die Schnecke auf ein anderes Weichtier, lässt sie aus einer Drüse im Rüssel ein ätzendes Sekret auf die fremde Schale fliessen, um diese aufzuweichen. Nach der chemischen Vorarbeit vermag die Raspelzunge bequem ein Loch zu bohren. Die Gebänderte Mondschnecke, eine im Mittelmeer lebende und kaum zwei Zentimeter grosse Nabelschnecke, hat das Problem, dass ihr die Opfer während des Ätzens und Bohrens allenfalls davonlaufen. Die Lösung: Sie fesselt die Beute mit klebrigen Schleimbändern.

Räuberisches Verhalten zeigen auch die Tonnenschnecken, die mit Gehäusegrössen von bis zu 40 Zentimetern zu den imposantesten und deshalb bei Sammlern auch sehr beliebten Schnecken gehören. Die Tritonshörner haben als Kriegstrompeten von der Südsee bis in die Alte Welt Geschichte gemacht; mit der «Buccina», der Trompetenschnecke, riefen die Römer ihre Bürger an die Front. Als Waffe brauchen die Tritonshörner lediglich ihr Schalengewicht einzusetzen. Nähert sich etwa eine gefrässige Muräne dem vermeintlichen Leckerbissen, fasst die Trompetenschnecke auf steinigem Grund Fuss, lüftet einladend den Schalenrand und wartet. Und kaum hat die Muräne den Kopf am Schneckenfuss, saust die Schale wie ein Schlageisen nach unten.

Die Fass-Schnecke, eine ebenfalls im Mittelmeer wohnende Tonnenschnecke, hat sich für die chemische Kriegsführung entschieden. Mit einer speziellen Saugscheibe am Ende des langen und sehr agilen Rüssels macht sie an günstiger Stelle die Beute fest. Dann spritzt sie aus zwei grossen Schlunddrüsen eine in der Tierwelt einmalige Rezeptur in den Körper des Opfers: eine zerstörerische Mischung aus vierprozentiger Schwefelsäure und etwas Salzsäure. Durch die Säureattacke wird die Beute nicht nur ausser Gefecht gesetzt, sie wird auch gleich noch vorverdaut. Zu «Giftschlangen» der Meere entwickelt haben sich die Kegelschnecken. Die in über 500 Arten in den Weltmeeren vorkommenden Tiere sind wegen ihrer aussergewöhnlich schön gezeichneten Schalen seit Jahrhunderten von Sammlern begehrt. So erzielte 1796 in einer holländischen Auktion die Schale einer Conus cedonulli sagenhafte 273 Gulden - während die «Briefleserin am offenen Fenster» des Malers Vermeer auf der gleichen Auktion für 43 Gulden zu haben war.

Dass sich hinter der Schönheit tödliches Gift versteckt, ist von den Meeresbiologen erst in den letzten Jahrzehnten entdeckt worden. Ein Teil der Zähne auf der Raspelzunge sind zu kleinen, hohlen Harpunen umgebaut. Über einen Gefässgang mit einer Giftdrüse verbunden, wird die Giftkanüle beim Angriff in die Rüsselspitze vorgeschoben und bleibt nach dem schnellen Stich dank einem Widerhaken im Körper des Opfers stecken.

Die im Pazifik jagende Kegelschnecke Conus purpurascens hat es auf flinke Fische abgesehen. Innert weniger als zwei Sekunden nachdem die Schnecke mit ihrer Harpune zugestossen hat, treibt der Fisch völlig bewegungsunfähig im Wasser und kann von der Schnecke verschlungen werden. Heinrich Terlau analysierte am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen das Gift dieser Kegelschnecke, um herauszufinden, wie solch enorm rasche biologische Wirkung zustande kommt.

Er hat mit seiner Forschergruppe bis zu 80 verschiedene Peptide gefunden. Diese kleinen Moleküle schalten im Nervensystem oder an Muskeln jeweils eine ganz bestimmte Funktion aus, indem sie sich an ein Zielmolekül binden. Die Wechselwirkung ist so spezifisch, dass das Giftmolekül zwischen zwei sehr ähnlichen Gewebemolekülen unterscheiden kann. Von den vermutlich insgesamt Tausenden verschiedenartiger Toxine der Kegelschnecken könnten etliche für die Medizin wertvoll sein, weil sie eine gewünschte pharmakologische Wirkung sehr exakt und praktisch ohne Nebenwirkungen zu leisten vermögen. Mit dem Omega-Conustoxin wird in den USA zurzeit ein Kegelschnecken-Peptid als Schmerzmittel getestet.

Und die sanfte Weinbergschnecke? Schon Brehm wusste vor über hundert Jahren, dass bei den Gartenschnecken «Liebespfeile» zum amourösen Vorspiel gehören: «Das verbindende Paar nähert sich, indem es kleine Pfeile aufeinander abschiesst. Diese Pfeile sind wie ein Bajonett gestaltet; sie stecken in einer Höhle an der rechten Seite des Halses, aus welcher sie abgeschossen werden, wenn die Thiere noch zwei Zoll voneinander entfernt sind.» Mittlerweile kennt man mehrere Landschneckenarten, die jeweils ihre spezifische Pfeilform im Köcher tragen. Die Liebespfeile sind bis zu einen Zentimeter lange dolchförmige Kalkgebilde; sie lassen das getroffene Tier zusammenzucken, wenn ihm die harte Spitze ins Muskelfleisch dringt.

Die Frage, warum Verliebte einander derart quälen, ist ein Rätsel. Manche Biologen vermuten, dies sei ein Mittel zur gegenseitigen sexuellen Stimulation. Eine andere Hypothese sieht im Liebespfeil eine Art Qualitätskontrolle: Der vom Pfeil Getroffene vermöge anhand der Festigkeit des Kalkpfeiles zu erkennen, ob der potentielle Geschlechtspartner ein tüchtiger Kalkwarenproduzent sei und darum dem gemeinsamen Nachwuchs Gene für ein besonders solides Schneckenhaus mitgeben könne.


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