NZZ Folio 04/03 - Thema: Der Fotograf   Inhaltsverzeichnis

Konu Makpo – Bitte lächeln

© Alberto Venzago, Zürich
Eine Assistentin von Cyrill Houkpe fotografiert zwei Schüler. Die europäische Kleidung haben sie sich geliehen.
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Wer sich von Cyrill Houkpe in Benin fotografieren lässt, kann als Hintergrund einen Kühlschrank wählen.

Von Alberto Venzago

In nomine patri et filii…» Die zittrige Hand des Weihbischofs von Benin hält den Kelch mit dem Blut Christi hoch. «Halleluja», schallt es hundertfach aus der Kathedrale St. Nicolas die Treppen hinunter über die staubige Place de l’Immaculée Conception zum Schlangenheiligtum. Dort, im Zentrum des Voodoo-Kults in Westafrika, entgegnen weissgekleidete Priester dem kirchlichen Hochgesang ein kurzes «Afejewe». Trommelschläge rufen die Verstorbenen zur Erde zurück. Unter den Beschwörungen der Priester kreischen Hühner und verstummen plötzlich; das Messer fährt in den Hals einer Ziege, ihr Leben vergurgelt.

Im Kino nebenan, einem abgedunkelten Bretterverschlag, fliegen die Fetzen: Brad Pitt gegen Edward Norton. Augen blitzen aus schweissgezeichneten Gesichtern. Kinder sitzen im muffigen Dunkel und starren gebannt auf einen kleinen Fernseher. Abertausende Fledermäuse kreisen um den heiligen Irokobaum über dem Tempel. Schon flackern die Öllampen der Essbuden, Maisbrei in Bananenblättern gibt es und die Leibspeise der Beniner: Fleischstückchen von gegrillten Agutis, Riesenratten mit gelben Zähnen. Es ist Samstagabend in Ouidah, der Hafenstadt im ehemaligen Königreich Dahomey, heute Benin.

Jetzt werden vor der Kirchentreppe Holzbänke aufgestellt. Es muss schnell gehen, hier überfällt die Dunkelheit den Tag. Die Jungen und Mädchen werden von einer militärischen Stimme herumkommandiert, Cyrill Houkpe, der allmächtige Fotograf von Ouidah, hat seinen Auftritt. Es gilt 150 Mitglieder eines Familienclans aufs Bild zu bannen. Eine alltägliche Arbeit für den Profi, doch die Zeiten sind schlecht, die Kundschaft muss gehätschelt werden. Zwei seiner Assistenten stemmen eine korpulente Frau des Sousa-Clans auf die Holzbank. Sie verheddern sich in zu vielen Tüchern. Es riecht nach Schweiss, Guavas und Urin. Es wird gestossen, gelacht und geschrien. Cyrill dirigiert die Masse: «Konu makpo!», brüllt er den 150 Gesichtern zu, die andächtig in sein Schneider-Objektiv starren. «Lächelt, verdammt noch mal!»

Cyrills Laden steht an bester Lage, gleich neben dem Tempel und der Kathedrale. Sein Studio gleicht abends einem Marktplatz: überall sitzen Freunde auf den Bänken vor dem bemalten Haupteingang. Trinken das leichte Beninois-Bier oder Fizzi Pamplemousse. Die Bar um die Ecke macht ihren Hauptumsatz hier, vor dem Fotostudio, nicht unter der roten Lampe.

Cyrill ist eine Institution. Man kennt und schätzt ihn. Nicht nur, weil er unterhaltsam ist, gebildet und zu jeder Gelegenheit das richtige Wort findet, sondern auch, weil er verschwiegen sein kann wie ein Buch. Sein Fotoarchiv umfasst die ganze neuere Sozialgeschichte Ouidahs: Politiker, Voodoo-Priester, Künstler, Botschafter, Kirchenvertreter, Beamte, Polizeipräsidenten. Eine endlose Reihe illustrer Persönlichkeiten. «Vertrauen ist die halbe Miete», sagt der 36-Jährige lachend. Es gibt fast niemanden aus der Oberschicht, der nicht schon vor seinem Objektiv seine Seele geöffnet hätte.

Oft bekommt er eindeutige Aufträge. «Ich kenne die Frauen, sie ziehen sich vor mir aus, weil sie ein Bild für ihren Verlobten haben möchten.» Da genügen ihm dann zwei Assistenten. Einer stellt sicher, dass der Blitz am richtigen Ort steht, der andere, dass auch ja ein Film in der Kamera ist. Man weiss ja nie, und der Voodoo-Tempel ist nur einen Steinwurf entfernt. Die Nackten sind immer noch die heimlichen Höhepunkte in Cyrills Fotografenleben.

Die Zeiten sind hart. Das Geschäftsleben in Ouidah ist am Boden. Viele können nur überleben, weil man sich in den Grossfamilien gegenseitig unterstützt. Lehrstellen für die Jungen sind rar. Cyrill Houkpe beschäftigt momentan fünfzehn Lehrlinge. Sie sind die Geschäftsgrundlage. Nicht die Aufträge seiner Kundschaft bringen das grosse Geld, sondern die Eltern der Lehrlinge, denn für jeden Auszubildenden erhält er 180 Franken im Jahr.

Die Ausbildung dauert drei Jahre, weitere drei Jahre braucht es für das Diplom. Der Beruf des Fotografen ist in Afrika ein Männerberuf. Frauen dürfen als Assistentinnen arbeiten, im Labor und in der Kundenbetreuung, vor allem, wenn es Kunden mit Kindern sind. Fotografieren lässt Cyrill sie nur selten. Ansonsten beschränkt sich ihr Tun auf das Instandstellen der Garderobe. Nicht alle Kunden besitzen europäische Kleidungsstücke; wer es wünscht, kann sie im Nebenzimmer des Studios ausleihen.

Viele Eltern kommen zu Cyrill und beknien ihn, ihren Sohn oder ihre Tochter in die Lehre zu nehmen. «Natürlich sehe ich das Geld, das das bringt, doch wichtiger ist herauszufinden, ob das Kind Talent hat.» Ein Kein-Talent-Urteil hat Cyrill erst einmal gefällt. «Und das tat weh.» Die Ausbildung ist streng geregelt. Erst im letzten Jahr dürfen die Lehrlinge die Kamera berühren. Vorher heisst es: Dunkelkammertechnik erlernen. «Schwarzweissbilder stellen wir hier selbst her.» Schwarzweiss nennt man in Westafrika «blanc et noir». Das Filmmaterial kommt aus England, es wird auf der Rolle eingekauft, weil es so billiger ist. Die Entwicklungszeiten sind wegen der hohen Temperaturen in Benin sehr kurz, nur das Fixieren dauert lange. Normalerweise verlangen die Kunden Abzüge in einer Grösse von 9 mal 13. Ein Abzug kostet 20 Rappen; die Negative bleiben im Studio. Cyrill macht vor allem Hochzeiten, Diplomfeiern, Jahresfeiern, Erstkommunionfeiern, Voodoo-Feiern und Passfotos. In seinem Studio hat er dafür verschiedene Hintergründe: Sonnenuntergang vor Basthütte, Wasserfall im Morgengrauen, Palmenhain am Meeresufer. Er liebt sein Studio, doch meistens führen ihn die Aufträge hinaus, zu den Leuten.

Seit hundert Jahren fotografieren Afrikaner Afrikaner. Sie sind Zeugen und Interpreten des lokalen Lebens, und für uns Europäer sind ihre Bilder eine überfällige Korrektur unseres Afrikabilds. Lange war es einerseits geprägt von Medienbildern von Kriegen, Hungersnöten und anderen Katastrophen. Andererseits von europäischen Fotografen – ob Kolonialbeamte, Missionare, Ethnologen oder Künstler –, die in Afrika stets das Fremde gesucht haben, den dunklen Kontinent, verklärt von exotischen Sehnsüchten. Der afrikanische Lokalfotograf dagegen verklärt nicht, seine Portraits sollen den Porträtierten möglichst ähnlich sein und ihre positiven Eigenschaften zum Ausdruck bringen. Etwas anderes als die Portraitkunst konnte sich in Afrika nicht etablieren. Landschaftsfotografie und Stillleben kennt man nicht. Fotografie hat immer mit Personen zu tun; sie dokumentiert das Leben.

Oder den Tod. Bei Beerdigungen tanzen die Hinterbliebenen in einem Leichenzug und strecken den Leuten die Bilder des Verstorbenen entgegen. Die Portraits zeigen den Toten in ehrwürdiger Haltung, in feinem Tuch. Und wenn der Tod zu schnell kam, wird der Verstorbene sorgfältig eingekleidet, von hinten gestützt und so fotografiert.

Im Gegensatz zur europäischen Studiofotografie, bei der man die Modelle durch die Lichtführung vom Hintergrund abhebt, werden in Afrika die Personen durch frontales Licht mit dem Hintergrund verschmolzen – ob sie vor dem gemalten Strand stehen oder vor dem gemalten Kühlschrank. Oder vor dem Sonnenuntergang wie das Brautpaar bei Cyrill. Der Bräutigam schaut seiner Liebsten tief in die Augen. Sie hält seine Hand fest. Die Lehrlinge schmachten. Der Deckenventilator lässt die Parfumwolken durcheinanderstieben. Es ist stickig heiss, der Schweiss rinnt übers Make-up. Cyrill bleibt cool. Er spürt, dass dieses Paar zusammenbleiben wird. Sein siebter Sinn. «Ich hab einem Pärchen auch schon mal gesagt: Doucement, das könnte schiefgehen.»

Heute geht nichts schief. Samstagabend. Ergeben warten die 150 Mitglieder des Sousa-Clans vor der Kathedrale auf ihr Bild. Dieses eine Foto wird Generationen überleben, ein Zeugnis der Macht der Familie. Die Fledermäuse fliegen tiefer. Was macht Cyrill? Gleich werden ihm Lucien und Lambert, Assistent sieben und neun, die mechanische Pentax-Kamera reichen, und er wird zur Freude aller nochmals schreien: «Konu makpo!»


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