NZZ Folio 05/02 - Thema: Arm und Reich   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Lebensrettender Winterschlaf

© Rolf Köpfle, Fotoagentur Sutte...
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Das <Schnäuzeln> der Murmeltiere dient vermutlich der Erkennung und wirkt besänftigend. Linktext
Von Herbert Cerutti
WENN DIE MURMELTIERE in den Alpen Mitte April nach dem Winterschlaf wieder ans Licht kommen, müssen sie sich vielerorts erst durch eine ordentliche Schneedecke buddeln. Für das Liegen an der Frühlingssonne bleibt kaum Zeit, denn jetzt beginnen die härtesten Wochen des Jahres.

War das ausgewachsene Tier Ende September fünf Kilogramm schwer gewesen, haben die sechs Monate Nulldiät 30 bis 50 Prozent des Körpergewichts gekostet. Um wieder zu Kräften zu kommen, sollte das Tier nun tüchtig fressen. An den wenigen aperen Stellen gibt es aber nur kümmerliches Grünzeug. Und während der Hungrige weite Strecken ohne Deckung und fern dem schützenden Bau über die Schneefelder wandern muss, kreist am Himmel der Adler, lauert im Geröll der Fuchs. Inmitten dieser Frühlingsnot opfern die Murmeltiere auch noch wertvolle Körperkraft für die Paarung und die Aufzucht von bis zu sieben Jungen.

Da stellt sich doch die Frage, warum das Murmeltier nicht ein paar Wochen länger in seinem Winterschlaf verharrt und erst ans Licht kommt, wenn auch im Hochland die Vegetation spriesst. Die Antwort: Der nächste Winter kommt bestimmt. Je früher die Murmeltiere die neue Generation auf die Beine bringen, desto mehr Zeit bleibt den Jungen, sich für ihren ersten Winterschlaf das überlebenswichtige Fett anzufressen.

Wenn die Jungen Anfang Juni im Winterbau zur Welt kommen, sind sie nackt, taub, blind, zahnlos und kaum 30 Gramm schwer. Bei ihrem ersten Ausflug ins Freie nach 40 Tagen Kinderstube wiegen die «Kätzchen» (so die Jägersprache) bereits 250 Gramm. Und im September ist mit 1,5 Kilogramm das Fünfzigfache des Geburtsgewichts erreicht.

Wie die Jungen schuften auch die Alten unermüdlich für eine stattliche Figur: Etwa die Hälfte der Zeit, die das Tier im Freien verbringt, gilt dem Fressen, wobei täglich bis zu 1,5 Kilogramm Pflanzenmasse konsumiert werden. Beliebt sind proteinreiche Krokusse, Kräuter, junge Gräser. Damit auch die unverdauliche Zellulose genutzt werden kann, halten sich die Murmeltiere im extrem grossen Blinddarm als biochemische Helfer spezialisierte Bakterien.

Ende September ziehen sich die 5 bis 15 Tiere einer Sippe in das von vielen Generationen mit den Pfoten gegrabene unterirdische Refugium zurück. In einem mit Heu warm gepolsterten Wohnkessel legen sich die Tiere eng aneinander - für die «lethargie conservatrice», den energiesparenden Riesenschlummer, wie ihn schon im Jahre 1853 Friedrich von Tschudi im «Thierleben der Alpenwelt» erstaunlich präzise schildert.

Um sich vom Verdauungsballast zu befreien, entleeren die Tiere am letzten Tag im Freien noch vollständig den Darm. Und bevor sie sich zur Ruhe legen, verstopfen sie von innen die Eingangsröhre mit einem meterlangen Pfropfen aus Erde, Steinen, Lehm und Gras, um Steinmarder oder Hermeline fernzuhalten. Der nun einsetzende Schlaf ist fast todesähnlich: Das Herz schlägt anstatt 100-mal pro Minute nur 1- bis 2-mal; geatmet wird noch 2- bis 3-mal pro Minute; die Körpertemperatur sinkt von 36 auf 5 Grad Celsius. So reduziert sich der Sauerstoffbedarf auf einen Zwanzigstel des Normalverbrauchs.

Sinkt die Temperatur im Bau zu stark (etwa wenn in schneearmen Wintern die isolierende Schneeschicht über dem Bau dünn ist), werden die Murmeltiere wieder warm und erwachen, damit sie nicht erfrieren. Auch bei normalen Verhältnissen tauchen die Tiere alle paar Wochen für Stunden aus dem Koma auf, um in einer separaten Toilettenröhre die langsam voll gewordene Blase zu leeren. Solches temporäre Warmwerden kostet jedoch wertvolle Energie, weshalb die ganze Sippe synchron erwacht und so von der gegenseitigen Wärmeproduktion profitiert. Für die Jüngsten mit ihrem noch geringen Fettinventar ist solch mehrmaliges «Auftauen» überhaupt nur dank der Wärme der Grossen möglich.

Das Murmeltier mag dem Bergwanderer zwar vertraut erscheinen. Da es aber 90 Prozent der Zeit im Dunkeln der Gänge und Kammern lebt - ausser in den Wintermonaten auch während der Sommernächte und in den heissen Mittagsstunden -, ist manches in seinem Tun noch rätselhaft. So weiss man nicht, wie die Tiere im unterirdischen Labyrinth miteinander kommunizieren und sich orientieren.

Und erst Beat Naef hat mit seinen Feldstudien im Berner Oberland um 1980 gezeigt, dass Marmota marmota, das Alpenmurmeltier (es gibt in Nordamerika und in Asien noch 13 weitere Murmeltierarten), in treuer Ehe lebt. Auf ihrem Territorium von etwa drei Hektaren dulden «Bär» und «Katze» keine fremden Artgenossen.

Das Männchen patrouilliert regelmässig entlang der Grenze und reibt das moschusähnliche Sekret seiner Wangendrüsen an Steinen, Wurzeln und Erdstellen. Findet der Hausherr einen Fremdling im Revier, lässt er den gesträubten Schwanz wie einen Propeller wirbeln, katzbuckelt und rasselt mit den Zähnen. Zieht der Eindringling jetzt nicht sofort Leine, stanzen ihm messerscharfe Nagezähne blutige Löcher in den Pelz.

Die Wut des Bären kann auch den Sohn treffen. Die beiden Alttiere dulden die Anwesenheit der Jungen nur bis zu ihrer Geschlechtsreife im dritten Lebensjahr. Mit rasch eskalierender Aggression treiben die Alten die Halbwüchsigen aus dem Revier. Die schwierige Suche nach freiem Wohngebiet und wärmendem Partner überleben kaum zehn Prozent der Emigranten; man hat schon verlorene Söhne und Töchter auf Gletschern und in Felswänden gesichtet.

Das Leben der Murmeltiere hat früher zu wilden Spekulationen geführt. So ging bis in unsere Tage die Mär, die Murmeltiere arbeiteten im Sommer als Wildheuer, indem sie frisches Gras rupfen und dann zum Trocknen auslegen. Und wie sie die für das Winternest nötigen 15 Kilogramm Heu dann in den Wohnkessel bringen, wusste schon Plinius der Ältere: Männchen und Weibchen fassen abwechselnd mit den Pfoten dicke Büschel, legen sich auf den Rücken, packen mit den Zähnen den Schwanz des Partners und lassen sich so mit ihrer Fuhre in den Bau schleppen.

Das vom alten Römer gelieferte Argument, solcher Transport erkläre das bei Alttieren sichtlich abgewetzte Rückenfell, widerlegte bereits Tschudi mit der Beobachtung, dass die fehlenden Fellhaare nicht am Boden, sondern an der Decke der engen Tunnelröhre kleben.

Wie das Heu in den Schlafkessel kommt, weiss man mittlerweile zuverlässig: Die Murmeltiere rupfen gegen Ende des Sommers fleissig verdorrtes Gras, stopfen es für den Transport in die enge Unterwelt quer in den Mund, wobei zu weit abstehende Halme geschickt mit den Pfoten zurechtgerückt werden. Tschudi wehrte sich auch gegen die Legende, in den Murmeltierkolonien gebe es Wächter, die mit Pfiffen die Genossen vor Gefahren warnen und durch dieses selbstlose Tun als Erste einer Attacke zum Opfer fallen. Vielmehr beobachten sämtliche erwachsenen Tiere in kurzem Intervall die Umgebung. Und der Erste, der etwas Verdächtiges sieht, pfeift.

Der Pfiff ist genaugenommen ein Schrei, den das Tier mit geöffnetem Mund als Stimmlaut in seiner Kehle erzeugt. Wie subtil diese akustische Information ist, erhellten neuere Studien: Eine Adlersilhouette wird mit einem Einfachpfiff avisiert. Nähert sich ein Fuchs, ertönen in rascher Folge Kurzpfiffe. Was diese Kooperation nützen kann, zeigt eine Beobachtung im Münstertal, wo ein Adlerpaar zur Aufzucht seines Jungen während eines Sommers 28 Murmeltiere zum Horst brachte.

Adler und Fuchs sind indes für die Murmeltiere keine existentielle Gefahr. Das ist eher der Mensch. Obwohl schon früh von den Behörden verboten, war das winterliche Ausgraben der schlafenden Tiere lange eine beliebte Wilderermethode.

Als auch die legale Jagd mit Abschusszahlen von 16 418 Murmeltieren allein im Jahre 1945 die Bestände in den Schweizer Alpen bedrohlich reduzierte, verstärkten einige Bergkantone den Schutz. Heute schiessen die Bündner Jäger jährlich um die 5000 Tiere. In lokalen Apotheken wird nach wie vor das aus dem Tierfett gewonnene «Munggenöl» angepriesen. Die Naturmedizin soll besonders gegen Rheuma und Gicht wirken. Denn dank diesem Fett bleibe doch auch das Tier in seinem feuchtkalten Winterquartier gesund, argumentiert das gläubige Volk.

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