NZZ Folio 03/03 - Thema: Manchester United   Inhaltsverzeichnis

Spektrum der Wissenschaft -- Dieses ist ein Drohbrief

Von Reto U. Schneider

ERPRESSER HABEN ES nicht leicht. In der Schule haben sie alles mögliche gelernt, nur nicht, wie man einen vernünftigen Erpresserbrief schreibt. Es sei das «Dilemma des Erpressers», dass für die Textsorte Erpresserbrief keine festen Vorgaben existierten, heisst es im Artikel «Feste sprachliche Einheiten in Erpresserbriefen» (Zeitschrift für germanistische Linguistik, Vol. 28, S. 377- 403). Seit die forensische Linguistik den Erpresserbrief als Studienobjekt entdeckt hat, werden die peinlichen Folgen dieses Dilemmas in Fachzeitschriften ausgebreitet.
Die Probleme beginnen mit der Eröffnung. «Dieses ist ein Drohbrief», heisst es über einem der 298 untersuchten Briefe, über einem anderen «Betr: Erpressung». Auch die unfreundliche Anrede will nicht gelingen: Fünfzig Erpresser entscheiden sich in ihrer Ratlosigkeit für «Sehr geehrte Damen und Herren» und versuchen dann, ihre unhöfliche Botschaft in höfliches Beamtendeutsch zu kleiden: «Sollte der Versuch vorgenommen werden eine Beschattung oder Verhaftung vorzunehmen werden die Bomben zur detonation gebracht.»
So richtig schwierig wird es bei der Unterschrift. Hier darf dem Erpresser aus offensichtlichen Gründen kein Fehler unterlaufen. Einer schrieb: «Das wir auf eine Unterschrift verzichten, dürfte sich von selbst verstehen, Unhöflichkeit ist es nicht.»






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