NZZ Folio 01/07 - Thema: Schmerz   Inhaltsverzeichnis

Sportmärchen -- Der Knabe mit den Karos im Kopf

© Markus Roost
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Von Richard Reich

Es lebte einst ein Knabe, der war der Stolz seiner Eltern. Er war schnurgerade gewachsen und auch sonst ordentlich anzusehen. Er hatte festes Haar, eine gute Haut und ehrliche Augen. Er war liebenswürdig und hilfsbereit. Er war ernsthaft und doch nicht verbissen. Er war anspruchsvoll, aber nur gegen sich selber. Denn dieser Junge war von einer Intelligenz, die manchmal schmerzte.

Kaum auf der Welt, konnte der Knabe rascher zählen als Vater und Mutter. Kaum im Kindergarten, rechnete er schneller als die Gymnasiallehrer, in deren Lektionen er sich dereinst langweilen sollte. Kaum im Gymnasium, wusste der Junge erst recht nicht mehr, wohin mit seiner Intelligenz. Sein heisser Kopf vibrierte wie ein Kochtopf, dessen Inhalt niemand abzuschöpfen wusste – nicht seine Eltern, die ihn mehr bewunderten als betreuten; nicht seine Lehrer, für die er kein Kind war, sondern ein Problem; nicht die Schulkameraden, die er abstiess wie Ölzeug das Wasser.

Auch sonst hatte der Bub seine Eigenheiten, zum Beispiel ging er andauernd aufs Klo. Wann genau er damit begonnen hatte, wusste niemand zu sagen.

Jedenfalls sass der Junge eines Tages wie selbstverständlich in der Schulbank, die sich am nächsten bei der Zimmertür befand. Von diesem Platz aus blickte er während des ganzen Unterrichts ohne Unterbruch auf die Wandtafel.

Er tat das auch, wenn es dort nichts zu lesen gab. Wurde er aufgerufen, sagte er immer das Richtige, und nach jeder korrekten Antwort erhob er sich, um zur Toilette zu gehen. In Mathematik- oder Physikstunden konnte das alle fünf Minuten vorkommen. Falls ihn einer der Lehrer auf sein ungewöhnliches Verhalten ansprach, sagte er nur: «Mir ist heiss.» Und darauf ging er ohne weiteres aus dem Zimmer.

Obwohl der Knabe im Lauf der Zeit immer seltener befragt oder überhaupt angesprochen wurde, verliess er das Schulzimmer immer öfter. Bald verbrachte er ganze Lektionen auf der Toilette. Dadurch verpasste er Prüfungen, erhielt ungenügende Zensuren sowie schlechte Betragensnoten. Aber der Knabe nahm das nicht zur Kenntnis. Er fühlte sich wohl in der Schulhaustoilette. Dort war es zu allen Jahreszeiten kühl, man blieb meistens ungestört, und der Geruch der verschiedenen Lösungs- und Reinigungsmittel hatte etwas Beruhigendes. Der Boden war so blank gebohnert, dass man bedenkenlos eine heisse Wange, eine glühende Stirn auf die kalten Kacheln legen konnte. Diese Kacheln waren von quadratischer Form und in einem Karomuster ausgelegt, immer abwechselnd schwarz und weiss.

Am Fenster hatte es einen niedrigen, kaputten Heizkörper. Dort sass der Knabe und wartete, dass der Tag, dass der Unterricht, dass das Leben vorüberging. Während er wartete, starrte er mit gesenktem Kopf auf die Karos und spielte Schach. Das Spielfeld wurde von acht mal acht Kacheln gebildet, die den Boden zwischen Heizkörper und Waschbecken bedeckten.

Mehr brauchte der Knabe nicht. Er bedurfte keiner Holz- oder Elfenbeinfiguren und auch keines Gegenspielers. Mit halb geschlossenen Augen schob er in hohem Tempo unsichtbare Bauern, fliegende Pferde und schwebende Königinnen umher. Ebenso mühelos wechselte er zwischen zwei Zügen im Geiste die Seiten. Das Resultat blieb immer das gleiche: Jede Partie endete unentschieden.

Eines Tages ging der Knabe überhaupt nicht mehr ins Klassenzimmer, sondern suchte gleich nach dem ersten Läuten die Schülertoilette auf; noch in derselben Woche flog er vom Gymnasium. Statt nach Hause ging der Knabe nun ins städtische Hallenbad. Dort schloss er sich in der Toilette ein und legte seinen kochenden Kopf auf die hellblauen, nach Chlor und Javelwasser duftenden Kacheln. Eine Stunde blieb er reglos liegen. Dann ging er zum Bahnhof, fuhr in die Hauptstadt und wurde Schachweltmeister.

Im Oktober 2006 schlug der Russe Wladimir Kramnik den Bulgaren Veselin Topaloff und wurde Schachweltmeister. Im Lauf der Begegnung suchte Kramnik derart häufig die Toilette auf, dass sein entnervter Gegner (erfolglos) Protest einlegte.

Richard Reich ist Autor und lebt in Zürich.


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