NZZ Folio 03/98 - Thema: Die Geburt   Inhaltsverzeichnis

Die Pampers

Der Siegeszug der Wegwerfwindel.

Von Tobias Straumann

«DIE GRÖSSTE TRIEBKRAFT der Geschichte», sagte ein englischer Adliger im späten 19. Jahrhundert, «ist nicht der Traum vom Fortschritt oder das Streben nach Ruhm, sondern der Wunsch nach Verwöhnung.» Er hat recht. 1961, ein halbes Jahrhundert später, wurde der Wunsch erfüllt. Die Verwöhnung kam über die Menschheit, und zwar in Form der Höschenwindeln «Pampers», abgeleitet vom Wort «to pamper» («verwöhnen»).

Allein in Deutschland werden drei- bis fünfmal pro Tag die Windeln gewechselt, und das bei 2,5 Millionen Kindern, was einen Verbrauch von rund 10 Millionen Windeln pro Tag ergibt. Rechnet man diese Zahl hoch auf das ganze Jahr und auf alle westlichen Industrieländer, dann kommt man auf Billionen. Die Verwöhnung ist heute so weit gediehen, dass das Wickeln des Kindes normal geworden ist. Zu Bibelzeiten war das noch ganz anders, wie aus dem Lukas-Evangelium (2,7) hervorgeht: «Und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil kein Platz in der Herberge war.» Die Verfasser von Herders Theologischem Kommentar sehen in dieser Passage ein eigentliches Schlüsselereignis für die christliche Heilsgeschichte: «Dass die Mutter das Kind in Windeln hüllt, bezeugt nicht die schmerzlose Geburt, sondern die völlige Menschlichkeit dieser Geburt.»

Der Weg bis zur Erfindung des Saugkissens aus künstlicher Zellulose, dem Herzstück der Pampers, war lang und beschwerlich. Bei den alten Ägyptern wurden die Kleinkinder wie Mumien bis zum Hals eingewickelt und gefesselt - in der Annahme, die Gliedmassen des Kindes würden dadurch schöner wachsen. Der praktische Nutzen dieser Technik war, dass die Eltern das Kind irgendwo an einen Nagel hängen und ungestört ihren Geschäften nachgehen konnten.

Weder die Griechen noch die Römer, noch die Germanen hatten an dieser Praxis etwas auszusetzen. Erst an der Schwelle zur Neuzeit wurde sie in Frage gestellt. Die Entdecker zuvor unbekannter Länder brachten nämlich nicht nur Gold und Gewürze nach Hause, sie hatten dort auch Völker beobachtet, die ohne Mumienwindeln auskamen und deren Kinder dennoch gerade Wirbelsäulen hatten. Das war der erste Schritt hin zum befreiten Baby.

Trotz Kolumbus änderte sich zunächst noch wenig. Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts hing das halbstrangulierte Baby an einem Nagel und roch schlecht. Erst fünfzig Jahre später setzte sich in bürgerlichen Kreisen die Meinung durch, dass die Kindheit eine eigenständige Lebensphase sei und deshalb besonderer Aufmerksamkeit bedürfe. Mit grossem Eifer wandten sich Mediziner und Philosophen dem neuen Thema zu, und sie schrieben zahlreiche Ratgeberbücher. Am prominentesten wandte sich Jean-Jacques Rousseau mit der Aufforderung «retour à la nature» gegen die herkömmliche Wickeltechnik, die künstlich und unnatürlich sei. In «Emil oder Über die Erziehung» (1762) warnte er die Eltern eindringlich vor den Schäden, die die festen Hüllen der Blutzirkulation und dem Wachstum des Kindes zufügen könnten.

Die neue Anschauung setzte sich allerdings so langsam durch wie die Demokratie in West- und Mitteleuropa. Im 18. Jahrhundert wurden die grossen Ideen formuliert, im 19. Jahrhundert begann der Kampf um ihre Realisierung, und erst nach dem Zweiten Weltkrieg gelang die dauerhafte Implementierung. Um 1850 wurden die luftdichten Korsette durch weichere, luftigere Baumwoll- und Leinentücher ersetzt, welche die Mütter um den kleinen Kinderkörper wickelten. Jetzt bürgerte sich auch das Wort «windelweich» ein. 1880 wurde die Sicherheitsnadel erfunden, womit sich die Wickelkunst noch perfektionieren liess. Und die chemische Industrie stellte Waschmittel her, die das Reinigen der Windeln erleichterten. Aber neue Möglichkeiten bringen neue Bedürfnisse hervor, und der Fortschritt von heute verwandelt sich manchmal sehr schnell in die Last von morgen. Weil das Waschen der Windeln leichter fiel, erwartete die Gesellschaft häufigeres Wechseln. Neue Hygienestandards setzten sich durch, die Ärzte entdeckten das grosse Infektionspotential der kindlichen Exkremente. So schrieb ein Doktor Gernsheim 1911 in einer seitenlangen Abhandlung über die Pflege des Kindes: «Reinlichkeit ist die grundlegende Bedingung für eine gedeihliche Entwicklung des Kindes. Deshalb müssen die Stellen des kindlichen Körpers, an welchem durch Schweiss, Speichel, Kot, Urin usw. Gelegenheit zu Zersetzungen gegeben ist, ganz besonders sorgfältig behandelt werden.»

Solche Sätze schürten alle möglichen Ängste, und so überrascht nicht, dass es in bürgerlichen Kreisen bald üblich wurde, die Windeln bis zu zwanzigmal pro Tag zu wechseln. Ada Ballin, die einflussreiche Redaktorin des englischen Magazins «Baby», vertrat die Meinung, dass jede Mutter ein Set von fünfzig Windeln mit sich herumtragen sollte. Diese astronomische Zahl brachte einige Ärzte dazu, eine vollkommen regulierte Ernährung vorzuschlagen, damit sich das Kleinkind regelmässig wie eine Stechuhr entleerte. Mit diesem System, versicherten sie, sei es möglich, das tägliche Windelnwechseln auf sechs- bis achtmal zu reduzieren.

Das Recycling der Windeln belastete die Mütter stark. Bis in die fünfziger Jahre fehlte ein überzeugendes Konzept, das die neuen Sterilisierungsmethoden und die fortschrittlicheren Materialien zu einem neuen Ensemble verband. Vor allem in der Verbandsstoffherstellung hatte man während der beiden Weltkriege enorme Fortschritte gemacht. Aber niemand kam auf den Gedanken, die Erfahrungen, die auf dem Schlachtfeld gemacht wurden, auf den Wickeltisch zu übertragen.

Doch dann wurde der Amerikaner Vic Mills Grossvater. Mills arbeitete als Angestellter des Seifen-, Waschmittel- und Nahrungsmittelkonzerns Procter & Gamble in Cincinnati (Ohio). Nach anstrengenden Wochenenden als Babysitter soll er die Riesenberge von nasser Babywäsche und verschmutzten Stoffwindeln dermassen satt gehabt haben, dass er zur Tat schritt. Seine Erfahrungen, die er in jungen Jahren bei der Optimierung der Erdnussbutter gesammelt hatte, dürften massgeblich zum Erfolg beigetragen haben. 1956 entwickelte er in Analogie zur Herstellung von Wundverbänden wegwerfbare Höschenwindeln, die er mit einem eingelegten Saugkissen aus hochgereinigter Zellulose ausstattete. Der Prototyp, den er bereits ein Jahr später vorweisen konnte, erwies sich zwar als Flop, denn er war schlicht zu teuer. Aber fünf Jahre später präsentierten Procter & Gamble ein marktfähiges Produkt, das für Mittelstandsfamilien erschwinglich war. Von da an ging es aufwärts. Pampers, so wurde das neue Produkt genannt, wurden bald zum Synonym für alle Höschenwindeln - ob sie nun von Procter & Gamble oder von einer anderen Firma stammten.

«Am Anfang wurden die Wegwerfwindeln als etwas Besonderes betrachtet», sagte Vic Mills in seiner Rede zum 35-Jahr-Jubiläum von Pampers vor zwei Jahren. «Die amerikanischen Familien brauchten sie nur auf Reisen.» Das änderte sich in den sechziger Jahren: Die Antibabypille reduzierte von vorneherein die Zahl der Neugeborenen, und die Pampers sorgten dafür, dass die, die noch geboren wurden, den Eltern weniger Arbeit machten. Die Rationalisierung des Haushalts, die in den fünfziger Jahren mit dem Kühlschrank und der Waschmaschine begonnen hatte, schritt weiter fort.

In Europa dauerte es wesentlich länger, bis die Pampers zum Alltagsgegenstand wurden. Die Mentalität der Sparsamkeit hielt sich über die Kriegszeiten hinaus und machte viele Eltern immun gegen die Vorteile des Wegwerfens. Und die Spitäler haben noch länger gezögert, bis sie sich mit den neuen Abfallbergen anfreunden konnten. In den siebziger Jahren brauchte man dort noch fast keine Wegwerfwindeln. Erst als sich klar herausstellte, dass das Waschen der Stoffwindeln ebenso teuer war, stieg man um.

In der Schweiz sind heute rund 90 Prozent aller Windeln Wegwerfwindeln. Procter & Gamble, die übrigens auch die artverwandten Always-Binden erfunden haben, kontrollieren mit ihren Pampers - nach eigenen Angaben - den Markt zu 70 Prozent. Den Rest teilen sich hierzulande hauptsächlich Migros und Coop mit ihren günstigeren Angeboten. In den USA haben die Pampers ihre Führungsposition an die Konkurrenz abgeben müssen: Die pfiffiger vermarkteten Huggies (Kimberly-Clark Corporation in Dallas) haben einen Marktanteil von rund 40 Prozent, die Pampers nur noch 26 Prozent. Wer Erfolg haben will im lukrativen Windelmarkt, der allein in den USA auf über 5 Milliarden Franken geschätzt wird, muss mit harten Bandagen kämpfen. In zahlreichen Labors wird daran gearbeitet, die Konkurrenz zu überflügeln. Der letzte Schrei - je eigene Windeln für Boys und Girls - soll schon bald wieder einem geschlechtsneutralen Modell weichen. Aus Platzgründen. Zwei Modelle, bei denen sich überdies schlecht vorhersagen lässt, wie viele es von jedem braucht, beanspruchen schlicht zuviel Ladenfläche.

Wie geht es weiter? Die Pampers-Technologie hat eine solche Perfektion erlangt, dass Forschung eigentlich überflüssig geworden ist. Vielleicht liegt noch der eine oder andere Treffer bei der Verbesserung des Saugkissens drin, wo die Zellulose mittlerweile mit hochmolekular vernetztem Polyacrylat ergänzt worden ist. Aber im Grunde kann man die Windeln drehen und wenden, wie man will: Der Wunsch nach Verwöhnung hat sich so weit erfüllt und es ist so einfach geworden, ihn zu erfüllen, dass sich sogar die konservativsten Väter nicht mehr vor dem Wickeln drücken können. Mit anderen Worten: Die Pampers haben uns das wahre Ende der Geschichte beschert.

Tobias Straumann, Historiker, ist Redaktor bei der «Zuger Presse».


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