Gerardo Rodriguez, Ushuaia, Argentinien, ist 43 Jahre alt und ledig. Er hat drei Kinder. Zwei leben in Ushuaia, die älteste Tochter lebt in der nördlichen Provinz Córdoba. Gerardos Hobby ist Webdesign. Er fährt einen Renault Clio, Jahrgang 2001, Zählerstand 287 200 Kilometer.
Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt, hat 65 000 Einwohner und ist die Hauptstadt der Provinz Tierra del Fuego, Feuerland.
Gerardo Rodriguez verdient im Winter rund 780 Franken pro Monat, im Sommer das Zwei- bis Dreifache. Davon lebt er und unterstützt die jüngeren zwei Kinder. Zusammen mit seinem Bruder, der das Taxi besitzt, hat er für 455 Franken im Monat ein 3-Zimmer-Haus gemietet.
Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?
Acht Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Doch das belastet mich nicht, weil es eine ruhige Arbeit in einer schönen Stadt ist.
Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht?
Ferien im klassischen Sinn kenne ich nicht, da ich meistens nur in den Sommermonaten, also von November bis April, arbeite. Den Winter verbringe ich dort, wo es wärmer ist: in der nördlichen Provinz Córdoba. Dort kann ich bei meiner ältesten Tochter leben.
Wie kam es, dass Sie Taxifahrer wurden?
Eigentlich bin ich Webdesigner. Doch damit verdient man zu wenig zum Leben. Und da mein Bruder Sergio sowohl ein Taxi als auch eine Lizenz besitzt, bot er mir an, tagsüber für ihn zu fahren. Er fährt gerne nachts.
Wären Sie nicht Taxifahrer, was wären Sie dann?
Ich würde weiterhin gerne als Webdesigner arbeiten und am liebsten auch Studenten unterrichten.
Welches war Ihre längste Fahrt?
Eine erweiterte Stadtrundfahrt von 150 Kilometern! Ich fuhr die Kunden – ihr Kreuzfahrtschiff hatte in Ushuaia angelegt – zum nahe gelegenen Gletscher und wieder zurück.
Wie verhalten Sie sich im Stau?
In den Stosszeiten ist zwar auf den Strassen viel los, doch völlig zum Stillstand kommt der Verkehr nie.
Gab es Fahrgäste, die Sie nie vergessen werden?
Nein, denn die meisten sind Touristen, die entweder von hier aus mit dem Schiff in die Antarktis fahren oder von dort zurückkehren – sie verhalten sich alle ähnlich. Etwas anders sind die Besucher, deren eigentliches Reiseziel hier liegt, die also Feuerland entdecken wollen. Ich finde interessierte Menschen interessanter.
Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?
Ein Amerikaner aus Las Vegas gab mir 70 US-Dollar für eine Fahrt, die 100 US-Dollar kostete. Sehr grosszügig!
Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?
Das Übliche: Mobiltelefone und Kameras. Um die Fundgegenstände kümmert sich die Zentrale unten am Hafen.
Sprechen Sie mit den Fahrgästen?
O ja! Mit den Einheimischen vor allem über Politik und mit allen anderen übers Wetter. Das ist hier, am Ende der Welt, wo manchmal innerhalb einer Stunde alle vier Jahreszeiten stattfinden, ein Dauerthema!
Wie hoch war Ihre teuerste Busse?
Ich wurde noch nie gebüsst. Ich versuche vorsichtig zu fahren und vor allem nicht gleichzeitig zu telefonieren: Sonst wird’s sehr teuer: 300 US-Dollar!
Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Und was kostet die Fahrt dorthin?
Am schönsten ist es auf dem Hügel beim alten Flugplatz, beim Aeroclub von Ushuaia: Von dort aus hat man einen wunderbaren Blick über die Stadt, den Hafen und die Bucht mit Bergen und Gletschern. Vom Zentrum dorthin kostet es mit Taxameter 1 Franken 20. Doch meist buchen die Touristen Rundfahrten, und wir vereinbaren eine Pauschale.
Was macht in Ihrer Stadt einen guten Taxifahrer aus?
Sauberkeit, gute Englischkenntnisse und die Freude am Fahren. Wichtig sind gute Kenntnisse der Stadt und der Umgebung, denn etwa 90 Prozent meiner Gäste sind ausländische Touristen, die etwas sehen wollen.
Haben Sie Angst vor Überfällen?
Nein, in Feuerland gibt’s keine Kriminalität.
Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?
Eine staatliche Pensionskasse gibt es hier nicht. Und ich denke auch nicht in diesen Kategorien. Ich versuche, einfach und gesund zu leben. Ich esse vegetarisch. Damit bin ich wohl in einem Land wie Argentinien, das sehr viel Fleisch produziert, eine grosse Ausnahme.
Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?
Ich würde nach Mexiko umsiedeln, weil dort das Klima angenehmer ist. Dort würde ich ein Stück Land am Meer kaufen, ein Haus bauen und ein einfaches Leben führen. Und das Tauchen erlernen! Tauchlehrer werden und Unterricht geben – ja! – das wäre schön.
Womit verwöhnen Sie sich?
Manchmal gehe ich in eine Bar, um Musik zu hören, oder ich koche mir etwas Feines mit Fisch, Soja und Vollreis.
Taxameter
Die Grundgebühr beträgt 70 Rappen, jeder weitere Block (etwa 100 Meter) kostet 5 Rappen.
Argentinien
Einwohner: 40 Millionen
BIP pro Kopf: CHF 17 030
Milch: 1 l CHF 0.85
Coca-Cola: 1 l CHF 1.40
Brot: 1 kg CHF 0.80 bis 1.45
Reis: 1 kg CHF 0.40 bis 1.00
Benzin: 1 l CHF 0.78
Kinobillett: CHF 2.40
Zigaretten: CHF 1.20
Nafta-Treibstoff (pflanzlich): 1 l CHF 0.86
Daniel B. Peterlungerist ist Journalist; er lebt in Murten.