NZZ Folio 04/96 - Thema: Eherne Ehe   Inhaltsverzeichnis

Von Mutterliebe und Vaterpflicht

Wenn aus einem Paar eine Familie wird.

Von Andreas Heller

DER HERR ERZIEHUNGSDIREKTOR, ein bekannter Förderer der Sportvereine und nicht zuletzt dank seiner stattlichen Hausmacht der Turner ins hohe Amt gewählt, will sich dem Anliegen nicht grundsätzlich verschliessen. Er anerkenne durchaus, bemerkt er einleitend, dass sich auch die Schule dem gesellschaftlichen Wandel anzupassen habe. «Die Schule muss sich ständig verändern», ruft der allseits beliebte Magistrat des Voralpenkantons ins bis auf den letzten Platz gefüllte Säli. Allerdings, so fährt er fort, müsse er auch auf einige «leidige» Sachzwänge hinweisen, auf die gegenwärtig angespannte Finanzlage zum Beispiel, welche dem Handeln gewisse Grenzen setze.

In einer Ostschweizer Landgemeinde, die in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr zu einem Vorort der nahen Stadt geworden ist, haben sich etwa 60 Frauen und ein gutes Dutzend Männer im Restaurant Rössli eingefunden. Angesagt ist ein Orientierungsabend zum Thema Schule, an dem unter anderem ein regierungsrätlicher Kommentar zu den kommunalen Bestrebungen, auf der Unterstufe eventuell Blockzeiten einzuführen, zu erwarten ist. Eine Vertreterin der Frauengruppe, die das Begehren lanciert hatte, meint, es gehe nicht länger an, dass mit unregelmässigen und zerstückelten Stundenplänen Müttern faktisch die Berufsausübung verwehrt bleibe. Eine Mutter von drei Kindern klagt, dass sie praktisch nicht mehr aus dem Hause komme, weil ständig ein Kind entweder von der Schule zurückkehre oder in die Schule geschickt werden müsse. Der Erziehungsrat zeigt, wie gesagt, Verständnis, meint aber auch: «Ich kenne die Situation aus eigener Erfahrung, doch sollte man nicht übersehen, dass es durchaus seinen Reiz haben kann, wenn einmal nur ein Kind zu Hause ist, mit dem man sich dann intensiv beschäftigen kann.» Das sage jedenfalls seine Frau.

Die junge Mutter im Cashmere-Pullover, Ehefrau eines Bankvizedirekors, ergänzt: «Weil für mich das Wohl der Kinder an erster Stelle steht, macht es mir nichts aus, zu Hause zu bleiben. Blockzeiten sind der erste Schritt zur Tagesschule - und wohin das führt, sehen wir in Amerika: zu Verwahrlosung und zum Niedergang der Familie.» Mit dieser Ansicht steht sie nicht allein. «Wer Kinder haben will, der muss halt in Kauf nehmen, dass man in vielen Dingen zurückstecken muss», tönt es aus einer andern Ecke des «Rössli»-Säli.

Es kümmert heute kaum mehr einen, ob ein Paar kirchlich getraut ist oder nur standesamtlich, ob es mit oder ohne Trauschein zusammenlebt. Und auch die Rollenverteilung in der Ehe ist gemäss dem neuen Eherecht den Ehepaaren selbst überlassen: wer das Geld verdient, wer die Wäsche wäscht, wer welche Rechnungen bezahlt und wer für den Fisch in Salzkruste zuständig ist - das soll jedes Paar selber regeln. Doch die Toleranz nimmt ein jähes Ende, sobald aus dem Paar eine Familie wird.

Ist dem Staat, auch der geschätzten Verwandtschaft oder den Nachbarn ziemlich egal, wie ein kinderloses Paar zusammen lebt, so bestehen überall um so präzisere Vorstellungen darüber, was sich für einen Haushalt mit Kindern gehört: Die Eltern sollen gefälligst verheiratet sein und die Rollen unter sich so verteilen, wie es immer war. Es regiert - allen Debatten und gesellschaftlichen Umwälzungen zum Trotz - das Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie; es findet seinen Ausdruck im Sozialversicherungswesen, in der Arbeitswelt, in der Organisation der Schule, und es sorgt dafür, dass der Traum einer partnerschaftlichen Ehe für viele mit der Geburt des ersten Kindes ein abruptes Ende nimmt.

Wenn Papa einen Station Wagon kauft und noch ein bisschen zielstrebiger seine Karriere verfolgt, während Mama sich aus dem Berufsleben zurückzieht, um sich ganz dem Kleinen zu widmen, nennen dies die Soziologen «Traditionalisierung der Familienverhältnisse». Das Verhaltensmuster ist in der Schweiz noch immer weit verbreitet: 70 Prozent aller Mütter mit einem Säugling im Haushalt waren gemäss der Volkszählung von 1990 nicht erwerbstätig - ein europäischer Spitzenwert. Ist es ein besonders ausgeprägter Muttertrieb, der den Töchtern der Helvetia innewohnt und sie nach der Geburt des ersten Kindes ins traute Heim, an Herd und Wiege treibt? Oder ist es einfach der in der Schweiz noch immer hohe Wohlstand, der viele Familien mit nur einem Einkommen ein Auskommen finden lässt? Oder sind nicht eher lediglich gesellschaftliche Zwänge dafür verantwortlich?

Umfragen unter jungen Müttern belegen, dass der Wunsch, sich ausschliesslich um das Kind zu kümmern, weiter verbreitet ist, als es fortschrittlichen Frauen lieb sein kann. Mit der Aussage «Am besten ist es immer noch, wenn der Mann arbeitet und die Frau für Kinder und Haushalt sorgt» erklärten sich im Jahre 1988 bei einer Umfrage 39 Prozent der Schweizerinnen einverstanden. Es ist anzunehmen, dass sich dieser Anteil seither, entsprechend dem Trend zu neuen Lebensformen und einer partnerschaftlichen Rollenverteilung, etwas verringert hat. Ganz erheblich ist der Anteil traditioneller Familienmuster auf Grund neuerer, allerdings nicht für die ganze Schweiz repräsentativer Umfragen aber noch immer. Dies ist anzuerkennen, ob es einem nun passt oder nicht. Andererseits ist der Anteil auch nicht mehr so überwältigend, dass die ganze Familienpolitik darauf ausgerichtet werden sollte.

Zur traditionellen Familienpolitik gehört, dass sich das Gemeinwesen auf den Standpunkt stellt, Kinderbetreuung sei Privatsache der Eltern - sprich: der Mütter. (So denkt übrigens auch unser im «Rössli» referierender Erziehungsdirektor, derweil er Subventionen für Sportvereine und die Bereitstellung der nötigen Infrastruktur inklusive 400-Meter-Tartanrundbahn selbstverständlich für eine öffentliche Aufgabe hält.) Entsprechend rar oder, sofern das Angebot vorhanden ist, teuer sind Krippenplätze und andere Betreuungsangebote. Bis zu 2100 Franken monatlich werden beispielsweise in Zürich eingefordert, wenn ein Kind während fünf Tagen die Woche eine öffentliche Krippe besucht.

Als Aufgabe der Gesellschaft und des Staates ist höchstens das Eingreifen in dringenden Notfällen akzeptiert, etwa wenn es um die Betreuung von Kindern von Eltern geht, die aus wirtschaftlichen Gründen auf zwei Einkommen angewiesen sind. Kaum Unterstützung können jedoch Eltern erwarten, die ihre Kinder ausser Haus betreuen lassen, weil sie finden, man könne Beruf und Familie durchaus unter einen Hut bringen. Und wer es dennoch versucht, stösst weitherum auf Unverständnis. «Aha, Sie wollen Ihr Kind in eine Krippe bringen», kommentiert die Nachbarin, gelernte Krankenschwester und seit Jahren Mutter und Hausfrau. «Für mich wäre das undenkbar, denn der kleine Max braucht mich doch jetzt ganz besonders.» Und Tante Frieda zeigt sich ebenfalls irritiert, dass die Nichte bereits wieder an ihren Beruf denkt, wo sie doch erst Mutter geworden ist. «Ist das nötig? Ich habe mich doch auch ausschliesslich meinen Kindern gewidmet und bin deswegen nicht unglücklich gewesen.»

Das traditionelle Familienbild äussert sich weiter in der Organisation des Kindergarten- und Schulalltags, wo es - in der Deutschschweiz zumindest - die Regel ist, dass Kindern bis zur vierten Klasse nicht mehr als zwei Stunden pro Vormittag und Nachmittag an Unterricht zugemutet wird. Dies zu ändern und den neuen Bedürfnissen anzupassen, ist vor allem in ländlichen Gebieten ein heikles Unterfangen. Lehrer meinen, dass die Kinder mit Blockzeiten schnell einmal überfordert sein könnten, und das Wohl der Kinder wird auch von Frauen ins Feld geführt, die sich ausschliesslich den Kindern widmen.

Wer genau hinhört, bemerkt allerdings bald einmal, dass Diskussionen um das «Wohl unserer Kinder» eben immer auch Debatten über die Rolle der Mütter und darüber hinaus über den Platz aller Frauen in unserer Gesellschaft sind. Die Frau, die sich mit der Mutterrolle begnügt, tut dies für das «Wohl der Kinder» und nie, weil sie die Doppelbelastung von Beruf und Familie fürchten würde. Das «Wohl der Kinder», obwohl nie näher definiert und erläutert, wird zum zentralen Begriff, der die traditionelle Rolle der sich aufopfernden Mutter rechtfertigen soll. Bequem ist an dieser Haltung nicht zuletzt, dass in ihr unterschwellig der Vorwurf mitschwingt, dass berufstätige Mütter in jedem Fall schlechtere Mütter seien - auch wenn der Alltag ein anderes Bild vermittelt: besonders entnervt und gereizt im Umgang mit ihren Kindern erscheinen da gerade jene Mütter, die sich ausschliesslich um ihren Nachwuchs kümmern.

Mit denselben Scheinargumenten wird auch am Orientierungsabend im Restaurant «Rössli» gefochten. Die Initiative zur Einführung von Blockzeiten mit einem Mittagstisch, wo die Schüler über Mittag verpflegt werden sollen, wurde von Frauen ergriffen. Frauen sind es aber auch, die dem Anliegen den härtesten Widerstand entgegenbringen - während sich die Männer, was zu ergänzen wäre, weitgehend desinteressiert zeigen. Eine alleinerziehende Mutter klagt, dass der gegenwärtige Stundenplan eine Teilzeiterwerbstätigkeit, auf die sie angewiesen wäre, verunmögliche. Eine Zahnärztin führt an, dass es in ihrem Beruf undenkbar sei, für mehrere Jahre auszusteigen, ohne den Anschluss zu verpassen - und ohnehin: «nur» als Mutter und Hausfrau fühle sie sich unterfordert.

Eine Mutter von drei Kindern hält dagegen: «Wer Kinder hat, muss in Kauf nehmen, dass sich das Leben verändert.» Dass Mutterschaft wesentlich mit Aufopferung und Selbstlosigkeit verbunden ist, ist für sie ganz offensichtlich eine Selbstverständlichkeit. Eine andere empfindet bereits die Einrichtung eines Mittagstisches als Angriff auf die Familie: «In unserer Gemeinde herrschen doch noch intakte Familienverhältnisse. Wir müssen die Kinder nicht zum Essen in die Schule abschieben.» Wer in dieser Gemeinde - gemäss Steueraufkommen eine der reichsten des Kantons - seinen Wohnsitz habe, so meint sie, sei - von ein paar Ausnahmen abgesehen - nicht auf ein doppeltes Einkommen angewiesen. «Ich sehe deshalb nicht ein, warum ich mir meine Kinder wegnehmen lassen soll, nur weil das ein paar sogenannte emanzipierte Frauen für richtig halten.»

Die Emotionen schlagen hoch. Wie bei andern familienpolitischen Themen wird eine Art Zweiteilung der Bevölkerung sichtbar. Angesprochen werden Werthaltungen und Emotionen, die nicht einfach eine Sachfrage (Blockzeiten ja oder nein) berühren, sondern die eng mit tiefverankerten Anschauungen, Ängsten und persönlichen Familienerfahrungen verbunden sind. Von Frauensolidarität keine Spur - eine Ohrenweide für alle Väter, die gelassen an ihren Gläsern nippen. Denn solange die Frauen sich nicht einig sind, wird ihre Rolle kaum hinterfragt. Warum Väter, entgegen wohlfeilen Beteuerungen, Hausarbeit, Kinderbetreuung und Schule als Angelegenheit für Frauen betrachten; warum Männer in der Regel vollzeitlich beschäftigt sind, während Teilzeitstellen - mit entsprechend geringeren Karrierechancen - stillschweigend mehrheitlich von Frauen besetzt sind: solche Themen müssen im «Rössli» gar nicht erst angeschnitten werden.

Die Institution der Ehe, heisst es immer wieder, sei wichtig für die Kinder. Und die gleichen Kreise beklagen den Niedergang der Familie oder besser: einer bestimmten Vorstellung von der Familie. «Der Staat kann die Familie nicht ersetzen», mit diesen Worten schliesst der Herr Regierungsrat die Diskussion, während Ida Fässler, Wirtin des «Rössli», die nächsten Bestellungen entgegennimmt.

Das sei ja hoch zu und her gegangen, bemerkt die Wirtin schmunzelnd, und beim allerletzten Glas berichtet sie, wie es ganz früher war: Die Kinder gingen zur Schule, den ganzen Vormittag und zwei Stunden am Nachmittag, und es gab keine Diskussionen um das «Wohl der Kinder». Das «Rössli» führt Ida Fässler, seit sie verheiratet ist, und das sind mittlerweile 39 Jahre; die Wirtschaft ist ihre Domäne, derweil sich der Ehemann um den Landwirtschaftsbetrieb kümmert. Ob diese Arbeitsteilung unter den Fässlers zu Diskussionen über die Rollenverteilung geführt hat, wissen wir nicht. Ida sagt bloss: «Es hat sich so ergeben, und wir wollten es so.»




Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.