NZZ Folio 03/98 - Thema: Die Geburt   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Tödlicher Stress

Von Herbert Cerutti

MIT IHREM OLIVGRAUEN bis rostbraunen Fell und dem langen, dichtbehaarten Schwanz gleichen die Tupajas den Eichhörnchen. Die kleinen Säuger, wegen ihrer spitzen Schnauze auch Spitzhörnchen genannt, schätzen ein Leben in trauter Zweisamkeit, wobei ein Pärchen einige tausend Quadratmeter südostasiatischen Tropenwald mit Vehemenz gegen fremde Artgenossen verteidigt. Dazu patrouilliert das Männchen immer wieder die Reviergrenze entlang, reibt Bauch und Hals kräftig am Boden oder an einem Ast und setzt so moschusartige Duftmarken als Grenzsteine. Wagt sich dennoch ein anderes Männchen oder Weibchen ins Revier, gehen die Einheimischen sofort zum Angriff über, was meist innert Sekunden mit der Flucht des Eindringlings endet.

Der deutsche Verhaltensforscher Dietrich von Holst hat vor dreissig Jahren Tupajas in Gefangenschaft untersucht und dabei erstaunliche Beobachtungen gemacht. Setzt man einem Tupaja-Pärchen einen fremden Artgenossen ins Gehege, beginnt das übliche Gerangel. Bald schon verdrückt sich der unterlegene Fremde in einen geschützten Winkel, wo er sitzt und die Sieger beobachtet. Nur wenn ihn der Hunger treibt, huscht er für einen schnellen Happen zum Napf. Für die Sieger ist der Fall erledigt; sie interessieren sich überhaupt nicht mehr für den ausmanövrierten Genossen. Nach ein paar Tagen aber ist der Fremde tot. Obschon er keinerlei Verletzungen erlitt und sich ausreichend Nahrung verschaffen konnte.

Wie weitere Experimente zeigten, hätte der Verlierer seine Niederlage überstanden, wäre sein Rückzugsgebiet im Gehege mit einer kleinen Wand vom Lebensraum der Sieger abgetrennt gewesen. Die Schutzwand muss aber undurchsichtig sein, ein Maschengitter reicht nicht. Der Unterlegene stirbt offensichtlich aus purer Angst; der dauernde Anblick des Siegers wirkt wie tödliches Gift.

So rätselhaft solches Angststerben erscheinen mag, es hat eine nachweisbare physiologische Basis. Der Körper des unglücklichen Tupaja zeigt typische Veränderungen wie markanten Gewichtsverlust und Harnstoffvergiftung infolge Nierenversagens. Was das Tier zu Tode brachte, war nichts anderes als übermässiger Stress.

«Oh, hat mich Kurt heute gestresst», oder «Ferienreisen sind heute mehr Stress als Spass», solche Sätze sagen wir tagein, tagaus. Den Begriff Stress brauchen wir für fast alles, was uns irgendwie missfällt. Dabei hat das Wort eine präzise wissenschaftliche Bedeutung. Anfang der dreissiger Jahre machte der junge Arzt Hans Selye in Prag die Entdeckung, dass seine Patienten, schon bevor sie richtig krank wurden, gewisse Anzeichen körperlicher Unstimmigkeit zeigten wie erhöhte Körpertemperatur, Kopfschmerzen oder Verdauungsstörungen. Selye interpretierte dies als eine erste Anpassung des Organismus an eine sich anbahnende grössere Störung.

1932 emigrierte Selye nach Kanada, wo er seine Idee an Ratten systematisch prüfte. Er behandelte (Kritiker solcher Versuche würden sagen: quälte) die Tiere auf unterschiedliche Weisen - extreme Kälte, chirurgische Verletzungen, erzwungene Dauerbewegung, Giftstoffe. Und immer reagierte der Organismus gleich: Während der ersten 6 bis 48 Stunden schrumpften Milz, Leber, Lymphknoten und Thymusdrüse, Fettgewebe baute sich ab, Magen und Darm entwickelten Geschwüre. Zwei Tage nach Beginn der experimentellen Störung vergrösserten sich die Nebennieren, der Körper hörte jedoch zu wachsen auf. Führte man die Störung auf moderatem Niveau weiter, schien sich das Tier mit der Belastung zu arrangieren. Nach ein paar Wochen aber waren die Reserven aufgebraucht - das Tier verendete an genereller Erschöpfung.

Hans Selye publizierte seine Rattenversuche 1936 auf einer halben Seite im Fachjournal «Nature» und weckte damit weltweites Interesse. Zwar nannte Selye diese unspezifische Anpassung des Körpers an eine Störung damals noch «General adaption syndrome». Erst Jahre später holte er sich aus der Welt der Physik den Begriff Stress. Seither haben sich Bibliotheken gefüllt mit wissenschaftlichen Arbeiten über das Naturprinzip Stress und dessen Folgen für Pflanze, Tier und Mensch.

Was passiert im gestressten Körper? Ein starker Knall, ein stechender Geruch in der Luft, der plötzliche Angriff eines Räubers oder auch schon das Auftauchen einer Sache, von der ein Individuum glaubt, sie sei gefährlich, wird vom limbischen System des Mittelhirns reflexartig als Gefahr taxiert, worauf über das Rückenmark augenblicklich Nervensignale als Alarmzeichen zu verschiedenen Organen geschickt werden. Sofort spannen sich die Skelettmuskeln, die Herz-, Gefäss- und Darmmuskeln werden zusätzlich aktiviert, und das Nebennierenmark schüttet die Hormone Adrenalin und Noradrenalin in den Kreislauf aus.

Diese chemischen Botenstoffe bewirken eine Umverteilung des Blutes im Körper, indem Herz und Hirn vermehrt durchblutet werden. Auch setzen die Hormone in der Leber gespeicherten Zucker zur besseren Energieversorgung frei und lassen das Herz schneller schlagen. All dies sind Massnahmen der Natur, um den Körper darauf einzustellen, entweder der Gefahr durch rasche Flucht zu entgehen oder aber mit aller Kraft den Kampf aufnehmen zu können. Hält die Belastung weiter an, schüttet die Nebennierenrinde das länger wirkende Stresshormon Cortisol aus, wodurch Fettgewebe und Eiweiss für die Energieversorgung abgebaut werden. Seltsamerweise reduziert das Cortisol auch die Immunabwehr.

Insgesamt ist Stress also eine durchaus nützliche physiologische Notmassnahme. Lässt man einem unterlegenen Tupaja jedoch nicht die Möglichkeit, bald in eine ferne Urwaldecke auszuweichen und so die Schlappe zu vergessen (oder sieht sich der Homo sapiens am Arbeitsort, in der Familie, im Stau auf der Autobahn immer wieder den gleichen Ängsten, demselben Frust ausgesetzt), wird aus der lebensrettenden körperlichen Sofortreaktion eine zerstörerische Dauerbelastung. Und es ist solcher chronischer Stress, welcher schliesslich Tier und Mensch zugrunde richtet - mit typischen Überlastungsschäden am Herz-Kreislauf-System, am Magen-Darm-Trakt sowie mit einer erhöhten Anfälligkeit für Infektionen (und möglicherweise für Krebs) infolge der verminderten Immunabwehr.

Die Tupajas sind zu Lieblingen der Stressforscher geworden, weil man ihnen Stress von weitem ansieht: Ist das Tier gestresst, richten sich seine Schwanzhaare zur buschigen Bürste auf, und der Prozentanteil der Tagesdauer mit solcher Erregung dient mit dem «Schwanzsträubwert» (SST) direkt als Stressmass. Hält man ein fremdes Männchen und ein Weibchen paarweise in einem Käfig, klappt die Partnerschaft in etwa zwanzig Prozent der Fälle bestens: Der SST sinkt nach kurzer Angewöhnung auf wenige Prozent. Die beiden schlecken sich immer wieder gegenseitig die Schnauze und haben alle 45 Tage ein bis vier Junge. Misst man den Herzschlag, ist er tiefer als vor der Paarung, und bei Belastung steigt der Pegel der Stresshormone weniger stark als bei Einzeltieren. Die andern achtzig Prozent solcher erzwungener Partnerschaften aber enden entweder rasch mit dem eingangs zitierten Angsttod eines der beiden Tiere oder führen schliesslich zum Tod durch Herz-Kreislauf-Schäden.

Der SST erlaubt sogar eine präzise Zuordnung der verschiedenen Stressschäden zur jeweiligen Stresshäufigkeit. Steigt beim Weibchen der SST auf über zwanzig Prozent, bringt es zwar noch Junge zur Welt, frisst sie aber umgehend. Beim SST 60 reifen in den Eierstöcken keine Eier mehr. Beim Männchen verringert sich ab SST 50 die Samenproduktion. Und bei einem SST über 70 wandern die Hoden in die Bauchhöhle zurück und verlieren rasch an Gewicht - das Tier wird unfruchtbar. Solche negative Wirkung von Stress auf das Sexualleben hat ihren Sinn: in Zeiten akuter Gefahr braucht der Organismus sämtliche Reserven für das momentane Überleben und verzichtet deshalb auf den eher langfristigen Nutzen von Sex.

Bleibt noch die Frage, ob solche Stressversuche mit Tieren in Gefangenschaft überhaupt aussagekräftig sind. Sie dienen sicher dem besseren Verständnis, wie Lebewesen überhaupt mit Stress umgehen und was im Körper dabei passiert. Mittlerweile hat die Verhaltensforschung auch in freier Wildbahn Stress untersucht. Eine der häufigsten natürlichen Stressursachen ist auch hier das Zusammenleben. So hat man in Paviangruppen in Kenya bei den Männchen mit niedriger sozialer Stellung einen erhöhten Cortisolspiegel mit vermehrter Arteriosklerose und Herzkrankheiten gefunden.

Umgekehrt ist es bei den afrikanischen Wildhunden im Serengeti-Nationalpark: Dort stellten Forscher eine erhöhte Konzentration an Stresshormonen bei den dominanten Alphatieren fest. Denn die Leader müssen ihre Position immer wieder durch aggressives Verhalten bestätigen, während ein Unterhund Konfrontationen ausweicht. Wie Beobachtungen an Javaneraffen zeigten, litten jedoch nur jene dominierenden Männchen, die sich in unstabilen Gruppen behaupten mussten, an Stresskrankheiten. Wo sich eine feste Hierarchie etablierte, lebten sowohl Chefs wie Untergebene ein stressarmes Leben.


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