NZZ Folio 12/01 - Thema: Erinnern und vergessen   Inhaltsverzeichnis

Richtig leben mit Geri Weibel -- Geris Erwachen

Von Martin Suter

GERNE HÄTTE GERI gewusst, wie spät es ist. Aber um auf seinen Wecker zu schauen, hätte er die Augen öffnen müssen. Und das wagt er nicht. Lieber bleibt er mit geschlossenen Augen noch ein wenig liegen und redet sich ein, Aira sei noch hier. Er kann sie riechen. Hören nicht, aber das muss nicht bedeuten, dass sie nicht mehr hier ist. Es gibt Menschen, die atmen praktisch lautlos. Besonders die schönen. Schönen Menschen fällt alles leichter, auch das Atmen.

Vor zehn? zwanzig? dreissig? Minuten hat er Stocker, den Bewohner des Dachstocks, auf der Treppe gehört. Das hiess sechs Uhr fünfundfünfzig.

Eigentlich müsste Geri auch aus den Federn. Aber falls Aira noch hier ist, hat sich sein Leben sowieso geändert. Und falls nicht, ist sowieso alles egal.

Geri wagt nicht, sich zu bewegen. Aira liegt möglicherweise wenige Millimeter neben ihm. Was heisst möglicherweise? Nach dieser Nacht kann sie nicht weiter als zwei, höchstens drei Millimeter entfernt liegen, ohne sich einsam zu fühlen. Wenn er sich bewegt, muss er sie berühren. Falls er sie nicht berührt, wird es schwer, sich vorzustellen, sie sei nicht leise aufgestanden, habe ihm keinen Zettel an den Kühlschrank geklebt und sei nicht gegangen. Falls sie gegangen ist, wird er nie mehr im Steel auftauchen. Ein zweites Mal würde er das nicht durchstehen: bei Aira einen Drink bestellen und tun, als wäre nichts gewesen.

Geri konzentriert sich auf seinen Atem. Nicht zu hörbar, sonst weckt er sie. Aber auch nicht so unhörbar, dass er selbst das Atmen eines schönen, zwei bis drei Millimeter entfernten Menschen hören müsste. Denn falls er dann nichts hört, würde es ihm schwerfallen, die Frage, ob sie noch hier ist, in der Schwebe zu halten.

Nie mehr im Steel auftauchen würde natürlich auch heissen: Goodbye Robi Meili, Susi Schläfli, Carl Schnell, Freddy Gut und Alfred Huber. Denn im SOFORT! könnte er sich dann auch nicht mehr blicken lassen, wenn er nicht erklären wollte, warum er das Steel meidet. Nein, es hiesse Abschied nehmen. Wenigstens vorübergehend. Bis zum Tag, an dem das Steel out ist. Und was in?

Geri atmet weder zu laut noch zu leise und geht im Geist die Lokale durch, die das Steel ablösen könnten. In welchem wird er, wenn die des Steels überdrüssige Clique dort auftaucht, längst Stammgast sein? Immer nur, falls er das Steel ab heute meiden muss, falls Aira sich wieder mit der Bitte um Diskretion fortgeschlichen hat. Falls sie aber zwei, drei Millimeter neben ihm liegt, müsste er ihre Wärme spüren. Zumindest einen Temperaturunterschied zwischen seiner rechten und seiner linken Körperhälfte. Die Haut ist bekanntlich das sensibelste Organ unseres Körpers. Und soweit er es beurteilen kann, trägt er momentan nur Haut.

Geri richtet sein ganzes Sensorium auf die Temperaturunterschiede seiner Haut. Aber sosehr er sich anstrengt, er fühlt nichts als gleichmässig verteilte wohlige Wärme. Kein Unterschied. Oder doch? Was? Mehr Wärme? Nein, mehr Stille. Geri hat vor lauter Konzentration zu atmen vergessen. Und jetzt dröhnt die Stille durch das schalldämpfende Kissen an sein rechtes Ohr. So lautlos atmen nicht einmal die schönsten Menschen. - So long Aira. Ciao Steel. Adiós Robi, Susi, Carl, Freddy, Alfred und all die andern.

Andrerseits, wenn er es über ein Jahr geschafft hat, zu tun, als sei nichts geschehen, weshalb sollte er es nicht ein weiteres Jahr schaffen? Vielleicht gehört Aira zu den Frauen, die nur einmal im Jahr einen Mann brauchen. Und wenn er dieser Mann ist, damit liesse sich leben.

Geri ist den Umgang mit Kompromissen gewöhnt und freundet sich auch mit diesem so weit an, dass er bereit ist, die Augen aufzuschlagen. Da dringt ein Geräusch an sein linkes Ohr. Es kommt aus der Richtung des Bades und hört sich an wie ein laufender Wasserhahn. Ist es möglich? Ist Aira gar nicht abgeschlichen, sondern einfach im Bad?

Das Wasser wird zugedreht, die Scharniere seines Spiegelschränkchens quietschen. Hoffentlich sieht sie seine Zahnbürste nicht, fährt es ihm durch den Kopf. Er hat sie gestern diskret im Spiegelschrank verschwinden lassen. Sie müsste nämlich dringend ersetzt werden. Seit Monaten, ehrlich gesagt.

Die Badezimmertür wird geöffnet. Aira kommt auf das Bett zu. Wahrscheinlich angewidert mit der Zahnbürste in der Hand. Geri stellt sich schlafend.

«Deine Zahnbürste», sagt Airas Stimme.

«Was ist damit?» fragt Geri, ohne die Augen zu öffnen.

«Du musst dir eine neue kaufen, falls ich hier einziehen soll.»

Diese Kolumne ist als Hörtext auf CD erhältlich.


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