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Wer wohnt da? -- Bibliothek des Lebens
© Fotos: Heinz Unger
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| Überall Holz: Es konserviert Geschichte und Geschichten der Bewohner. |
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Spanisch sprechende Appenzeller? Ein gesegneter Ethnologe? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.
Aufgezeichnet von Gudrun Sachse
Die Psychologin
Wie in einem gut gefüllten Estrich versammelt sich in diesem Refugium ein ganzes Leben. Jedes noch so kleine Ding scheint eine Geschichte der Bewohner zu erzählen.
Im Laufe vieler Jahre und aus weiten Ländern wurden die Sachen zusammengetragen. Sie berichten von Begegnungen, Reisen, Erinnerungen und verströmen Vergangenheit und Gegenwart zugleich – sie bilden eine Art Bibliothek des Lebens. Der Bleibe haftet nichts Museales an, trotz antiken Büchern und Daunen aus Grossmutters Zeiten. Hier haben sich zwei Weitgereiste ihre heimatliche Basisstation eingerichtet, gut bestückt mit persönlichen Zeugnissen. Aus den Landen der Inkas oder Azteken? Sie scheinen jedenfalls mit Süd- oder Zentralamerika eine enge Verbundenheit zu haben. War dort vielleicht eine Zeitlang ihre zweite Heimat, haben sie in einer Landkooperative gelebt, als Historiker oder Ethnologen Feldforschung betrieben, sich karitativ engagiert? Und sind nun back to the roots im Heimetli mit Kuhglocken angekommen?
Jung sind die beiden nicht mehr, aber auch nicht wirklich alt. Hier wohnt vermutlich ein stimmiges Paar, das sich versteht, sich gegenseitig beisteht und zusammen alt werden möchte. Sie mögen noch gut Treppensteigen, und Bücherlesen und Musikhören gehören zu ihrem Alltag. Haben die Bewohner auch einen etwas mystisch-verschrobenen Touch? Die Puppe neben dem Bett: Vertreibt sie böse Geister, oder gehört sie zur Familie? Zu dritt im Schlafzimmer, das ist doch eher ungewöhnlich… Aber der «Altar» neben dem Feuerlöscher bannt wohl alles Ungemach und beschützt Haus, Herd und Bewohner.
Ingrid Feigl
Der Innenarchitekt
Die Räume sind klein, Holz ist allgegenwärtig – es konserviert Geschichte und Geschichten. Renovationen scheint es keine gegeben zu haben. Vermutlich gab es keinen Grund.
Das Haus stammt aus einer Zeit, in der man noch nicht mit Halbwertszeiten von Materialien rechnete. Selbst die Küche hat bereits länger als fünfzig Jahre gehalten. Der Herd steht allein, das unsägliche Wort «Küchenkombination» existiert nicht. Geschirr und Esswaren stapeln sich diskret hinter einem Vorhang.
In diesem Haus bekommt Zeit eine neue Dimension. Und trotzdem, und das mag verblüffen, sprudeln die Räume von bewahrtem Wissen und gepflegter Kultur. Auffallend sind die Chlausenhauben, die Urnäscher Männer zu Silvester auf dem Kopf tragen. Zusammen mit der Bauweise des Hauses könnten sie ein Hinweis auf die Lage sein. Befinden wir uns in einer der lieblichen Hügellandschaften des Appenzells?
Die Gegenstände im Haus fokussieren aber nicht nur auf eine Region. Fotos erzählen von einem bewegten Leben, das sich bestimmt nicht nur innerhalb der Schweizer Landesgrenzen abgespielt hat.
Mindestens sprachlich scheinen hier zwei Kulturen zu wohnen. Mit Gott, der jede Ecke des Hauses segnet, und den guten Weinen wird in der spanischen Sprache kommuniziert. Eine Decke aus den Anden legt sich schützend über die beiden Betten. Wahrscheinlich wohnt hier ein offenes und vielseitig interessiertes Ehepaar.
Ein direkter Rückschluss auf die Berufe und die Herkunft der beiden kann eigentlich nur in einer Vermutung enden. Aber was zählt schon eine Berufsbezeichnung in einem reichen Leben?
Jörg Bohner
Mäddel und Marisa Fuchs, Fotograf und Lehrerin
«Wir wohnen hier, weil Christoph Marthaler aus dem Fenster spuckte. Das war in den 1970er Jahren, in unserer WG im Zürcher Niederdorf. Eines Abends redete er nicht nur davon, ins Getümmel zu spucken, sondern tat es auch. Er hat wirklich ein untrügliches Gespür für Dramatik: Er traf nämlich just den Kopf eines Kellners, der der Geliebte unserer Hausbesitzerin war. Natürlich flogen wir im hohen Bogen aus der Wohnung. Da Zürich immer teurer wurde, entschied ich mich, zurück ins Appenzell zu ziehen.
Ich suchte nach einem Häuschen ohne Komfort, in dem ich tun und lassen konnte, was ich wollte. Ich bin eine Mischung aus Denker und Feuerkopf. Es braucht nicht jeder zu wissen, wann ich abends die Lichter lösche. Hier auf 1100 Metern, auf Alphöhe, kümmert das keinen. Unser Haus in Gais sollte eine Basisstation werden: eine günstige Loge, von der aus man herumreisen konnte. Ich hatte nie im Sinn, Wurzeln zu schlagen, die wuchsen von allein, und ich war Christoph sehr bald dankbar für seine – nennen wir es – Tat. Gesehen habe ich manches: Nach dem abgebrochenen Medizinstudium ging ich nach Amerika, anschliessend 1975 auf den obligaten Afghanistan-Indien-Trip.
Heute gibt es eigentlich nur noch einen fixen Termin in meinem Kalender, die Romería del Rocío, die grösste Wallfahrt Andalusiens. Es ist ein eigenartiges, intensives Zusammensein zu Ehren der Jungfrau Maria, ein religiöses Fest, bei dem auch geprasst, gelacht und sehr viel getanzt wird. Der Weg führt 80 Kilometer von Sevilla in den kleinen Ort El Rocío und wieder zurück und dauert insgesamt neun Tage.
Wie wir dazu kamen? Meine Frau führte in Zürich ein Kleintheater, dort schwärmten uns Flamencotänzer von dieser Wallfahrt vor. Nun sind wir seit über 20 Jahren mit dabei. Als Protestanten. Voller Herzblut.
Marisa und ich lernten uns 1986 kennen, ein Jahr später heirateten wir. Wir stehen uns wahrlich bei und sind nun schon über zwanzig Jahre daran, zusammen alt zu werden. Wir haben zwei Katzen, die uns zugelaufen sind, und einen Fuchs, der jeden Abend vorbeischaut. Als wir sahen, wir er den Kompost durchwühlte, sagten wir ihm, er könne es auch einfacher haben, und legen ihm seither vor dem Küchenfenster Essensreste bereit. Er mag alles bis auf Reis.
Das erste Mal stieg ich zu Fuss hier hinauf, es war Winter, und die Strasse war geschlossen. Der Aufstieg dauert eine Stunde. Viele Jahre schleppten wir schwere Rucksäcke. Auf den Winter waren wir kaum vorbereitet. Manchmal mussten wir hinunter ins Tal, um eine Gasflasche zu holen, weil uns bei minus 15 Grad das Gas ausgegangen war. Heute kaufen wir im Herbst auf Vorrat ein, etwa Wintergemüse, das sich gut lagern lässt.
Bis 1991 lebten wir ohne Strom und fliessendes Wasser, einzig mit einem Generator für den Staubsauger, die Musikanlage und den Fernseher. Das Haus ist 150jährig, der Stall doppelt so alt. Drei Monate waren die Zimmerleute zugange, ich selbst machte nur die Kleinarbeit.
Mit der Raumhöhe im Appenzell ist das so eine Sache, wir sind ja beide gross. Nachdem man fünfzigmal den Kopf an den niederen Deckenbalken angestossen hat, lernt man, rascher zu reagieren. Aber es klappt nicht immer. Immer wenn ich nachdenke oder zu aufrecht durchs Leben gehe, rumst es.
Ich weiss, was mich umgibt: der Alpstein – der Hohe Kasten –, der Fähnern, dann die Stauberen. Ich kenne die Sennen und bin gern bei ihnen, aber ich bin kein Bergsteiger. In den Zürcher Zeiten trieb ich viel Sport, heute esse ich lieber. Ich sitze oft am Tisch, am liebsten in Gesellschaft, die ich gern bekoche. Ich mag die gehobene rustikale Küche. Für meinen Risotto darf ich mich loben. Im Herbst gibt es den mit selber gesammelten Pilzen. Die rufen mich regelrecht. Hier oben lernt man, sehr bewusst mit der Natur zu leben, sie zu beobachten.
Wir wären sicher andere, wären wir in der Stadt geblieben. Kürzlich fragte mich ein Freund: ‹Sag mal, warst du immer schon so ruhig?› Man wird schon anders, bekommt ein anderes Gefühl für die Zeit. Auch meine Arbeiten dauern Jahre. An einer Fotoserie über Zäune sitze ich seit 14 Jahren. Anders als meine Frau gehe ich eher spät ins Bett. Sehr spät sogar, wenn ich hier oben in der Abgeschiedenheit noch abgeschiedener in meinem Labor arbeite.»
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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