SO ABGEDROSCHEN das Bild des Vierbeiners im Sträflingskleid auch ist, begegnet man in der ostafrikanischen Savanne einer Herde Zebras und sieht sie mit stiebenden Hufen davongaloppieren, erscheint das schwarzweisse Geschehen auf dem gelben Grasteppich doch wundersam. Dabei ist exzentrische Mode im Tierreich keineswegs selten. Die uns vertraute Pferdefigur aber in einem derart ausgefallenen Kostüm zu sehen muss zum Nachdenken anregen.
«Warum haben Zebras Streifen?» fragen sich nicht nur Kinder, sondern auch Zoologen. Das Warum und Wozu verdient um so eher Aufmerksamkeit, als sich die Biologen heute einig sind, dass ausgeprägte Körper- und Verhaltensmerkmale im Kampf um das genetische Überleben irgendwie von Vorteil sein müssen. Andernfalls wäre die Auffälligkeit im Strom der Evolution längst versunken oder überhaupt nie aufgetaucht.
Um es vorwegzunehmen: Die Frage nach dem Zweck des Zebrakleides harrt noch immer einer überzeugenden Antwort. Der Katalog der Lösungen, die von Fachleuten bis heute vorgeschlagen wurden, ist lang und gleicht einem Résumé der verschiedenen Funktionen animaler Fell- und Pelzmuster. In seinem Buch «Animalwatching» hat der englische Zoologe Desmond Morris eine Auswahl der Hypothesen zusammengestellt.
Lange Zeit weitgehend akzeptiert worden war die Erklärung, die Zebrastreifen dienten der Tarnung, weil das Muster die Körperkonturen optisch auflöse. Dies komme den Tieren zugute, wenn sie in der Dämmerung - der bevorzugten Jagdzeit von Löwen und Leoparden - regungslos im Unterholz verharrten. Zebras sind unter diffusen Licht- und Umgebungsverhältnissen auf Distanz tatsächlich kaum zu sehen. Die Hypothese verlor allerdings an Überzeugungskraft, nachdem Zoologen das Verhalten der Zebras in freier Wildbahn besser erforscht hatten: Die Tiere ziehen sich zum Schutz vor Feinden keineswegs ins Buschwerk zurück, sondern grasen mit Vorliebe am Tag wie in der Nacht gruppenweise in der Savanne. Dort sind sie fast immer in Bewegung und pflegen einen durchaus lärmigen Lebensstil. Sie verhalten sich also keineswegs wie Kreaturen im Tarnanzug.
Vielleicht ist der Streifen Sinn just das Gegenteil - sie sollen, so ein anderer Erklärungsversuch, einem Feind ins Auge springen. Nähert sich eine Raubkatze einem Zebrarudel, wird sie irgendwann von den wachsamen Tieren bemerkt, worauf sich die Vegetarier blitzartig auf die Hufe machen. Will jetzt der Jäger zur Attacke ansetzen, sieht er vor lauter blinkenden Streifen das einzelne Tier nicht mehr und muss das schwarzweisse Chaos ziehen lassen, lautet ein anderer Erklärungsversuch.
Aber auch diese Vermutung wurde mit Beobachtungen entkräftet. Denn Raubkatzen folgen in aller Regel einem Trupp Huftiere, bis ein Junges oder ein schwächeres ausgewachsenes Tier hinter der Herde zurückbleibt. Erst wenn der Jäger sein Opfer fest im Auge hat, lanciert er den kräftezehrenden Spurt. Die Praxis des Jagdverhaltens widerlegt auch die verwandte Hypothese, der Löwe verpasse ein Zebra selbst noch im Sprung, weil das Op-art-Muster des Tieres ein präzises Distanzschätzen verunmögliche. Ist der Jäger nahe genug dran, landen seine Pranken und Zähne mit tödlicher Sicherheit im fremden Fell - sei dies nun gleichmässig gazellenbraun oder unruhig zebragestreift.
Körperzeichnungen dienen im Tierreich nicht selten der internen Kommunikation. Zebras haben einen ausgeprägten Familiensinn, was individuelles Erkennen untereinander nötig macht. Das Streifenkleid könnte deshalb als Personalausweis dienen. In der Tat trägt jedes Zebra seinen individuellen Streifencode, ähnlich dem Fingerabdruck beim Menschen. Die Unterschiede sind so deutlich, dass sie auch von den Zoologen genutzt werden, um die einzelnen Tiere auseinanderzuhalten.
Mittlerweile weiss man auch, dass Zebrafohlen ihre Mutter am Streifenmuster erkennen. Neugeborene Zebras haben den Instinkt, irgendeinem Tier der Herde nachzulaufen. In den ersten Stunden nach dem Gebären schaut die Mutter deshalb eifersüchtig zu ihrem Jungen und vertreibt jede andere Stute aus ihrer Nähe. Vermutlich prägt sich in diesen ersten Lebensstunden das mütterliche Streifenmuster fest ins kindliche Gemüt.
Die Hypothese vom Streifenmuster als Identifikationsmittel steht aber insofern auf wackligen Beinen, als das Zebrafohlen seine Mutter auch am Geruch und an der Stimme erkennt. Und wäre das Streifenmuster für das Sozialleben von entscheidender Bedeutung, hätten wohl auch die den Zebras nahe verwandten Wildesel und Pferde ein gestreiftes Kleid.
Auf subtile Psychologie stützt sich der Vorschlag, das optische Muster wirke wie beim FC Kickers der Mannschaftsdress und verstärke den Gruppenzusammenhalt. Zebras sind sich gegenseitig (falls nicht gerade sexuelle Ambitionen im Wege stehen) durchaus friedlich zugetan. So knabbern sie einander immer wieder am Hals, wo sie sich nicht gut selbst pflegen können. Haben die Zebras beim Freundesdienst nun das markante Streifenmuster dicht vor Augen, könne dies die sozialen Bande stärken, wird argumentiert. Aber warum denn Streifen und nicht sonst ein hübsches Muster? Und weshalb haben die andern Arten aus der Familie der Pferde diesen optischen Kick nicht nötig?
Ganz anders ist die Parasitenhypothese. Als afrikanische Ureinwohner sind die Zebras gegen die von der Tsetsefliege übertragenen Trypanosomen, die Erreger der Schlafkrankheit, weitgehend immun. Für Rinder wie für Hauspferde sind die Tsetsefliegen in manchen ost- und südafrikanischen Gegenden jedoch eine grosse Plage. Das brachte Fritz Bronsart von Schellendorf im damaligen Deutsch-Ostafrika auf die Idee, Zebras in grossem Stile einzufangen und zu zähmen. Der Einsatz solcher «Tigerpferde» als Nutztiere war dann aber doch heikler als erwartet, denn ihr ungestümes Temperament wie auch ihre relativ schwachen Beinknochen standen der Verwendung als Reit- und Zugtiere im Wege.
Der deutsche Gutsbesitzer Friedrich von Falz-Fein - er machte sich mit der Zucht der Przewalski-Wildpferde einen Namen - versuchte in seinem russischen Tierpark sogar, Zebras mit Hauspferden und Eseln zu kreuzen. Solche «Zebroiden» oder «Zebrulen» sind unfruchtbar und auch nur noch teilweise gestreift. Als Arbeitstiere sollen sie sich aber durchaus bewährt haben.
Die Vermutung geht nun dahin, dass Zebras nicht nur die Parasiten gut verkraften, sondern von den Tsetsefliegen gar nicht erst als Opfer anvisiert werden. Denn das leuchtende Schwarzweiss sei als Landeplatz derart merkwürdig, dass die Insekten sich lieber auf das ruhige Braun der Gazellen und Rinder setzten. Das Gegenargument: In einem grossen Teil des Verbreitungsgebietes der Zebras spielen Insekten keine grosse Rolle, weshalb ein entsprechender Selektionsdruck eher zweitrangig gewesen sein müsse.
Als letzte Hypothese sei noch ein wärmetechnisches Argument erwähnt: In der Tropensonne erwärmen sich die schwarzen Streifen des Zebrafelles stärker als die das Licht reflektierenden weissen, was entlang der Streifenränder zu lauter kleinen Luftwirbeln führt, die dem Tier angenehme Kühlung verschaffen. Aber auch hier fanden Kritiker ein Gegenargument: Das im kühleren afrikanischen Süden beheimatete Bergzebra zeigt besonders markante Streifen, während der streifenlose Wildesel Nordafrikas in einer der heissesten Zonen der Welt lebt.
So sind die Biologen trotz jahrzehntelangem Schmieden von Hypothesen kaum klüger als zuvor. Wie so oft in der Natur wird wohl auch im Falle des Zebrastreifenrätsels die Lösung keine simple sein. Durchaus möglich, dass vom Potpourri der Vorschläge mancher mindestens teilweise im Laufe der Evolution eine Rolle spielte und schliesslich seinen Beitrag zur Optimierung des seltsamen Kerls im Streifenkleid beitrug. Herbert Cerutti
Ein Löwe erkenne vor lauter Streifen keine Einzeltiere, so eine augenfällige, sonst aber unplausible Erklärung für das schöne Kleid.