NZZ Folio 08/99 - Thema: Kiosk   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Das Ende der lebendigen Wolken

Von Herbert Cerutti

«DIE LUFT war buchstäblich mit Tauben erfüllt und die Nachmittagssonne durch sie verdunkelt wie bei einer Finsternis. Der Unrat fiel in Massen wie Schneeflocken herab. Das Sausen der Flügelschläge schläferte mich fast ein. Während ich in Youngs Wirtschaft auf das Mittagessen wartete, sah ich noch unermessliche Legionen vorüberziehen, in einer Breite, die sich vom Ohio bis zu den fernen Waldungen erstreckte.»

Die Schilderung aus den dreissiger Jahren des 19. Jahrhunderts könnte eine Phantasterei sein, stammte sie nicht von John James Audubon, dem wohl renommiertesten amerikanischen Ornithologen jener Zeit. Audubon nahm auch eine Schätzung der Anzahl Tiere im Riesenschwarm vor, indem er aus der Breite und der Dichte des Vogelzuges, der Fluggeschwindigkeit sowie den drei Stunden Vorbeiflug die Population berechnete. Audubon kam auf die astronomische Zahl von 1,12 Milliarden Tieren. Aus dem Tagesbedarf von einem halben Pint Körnern pro Vogel berechnete er dann weiter, dass dieser Schwarm täglich 240 Millionen Kilogramm Futter benötigte.

Der Fachmann hatte auch ästhetischen Sinn für die ziehenden Vögel: «Unmöglich ist es, die Schönheit ihrer Luftschwenkungen zu beschreiben, wenn ein Falke versuchte, eine aus dem Haufen zu schlagen. Mit einem Male stürzten sie sich dann unter Donnergeräusch wie ein lebendiger Strom hernieder, fielen bis zum Boden herab und strichen über ihn in unvergleichlicher Schnelle dahin, stiegen dann senkrecht empor, einer mächtigen Säule vergleichbar, um sich in grosser Höhe zu einer Linie zu entwickeln, gleich den Gewinden einer ungeheuren Schlange.»

Was Audubon schilderte, war das vertraute Bild des damals häufigsten Vogels Nordamerikas, der Wandertaube (Ectopistes migratorius). Mit ihren 40 Zentimetern Körperlänge war sie die stattlichste der amerikanischen Turteltauben. Der schieferblaue Kopf, ein pupurvioletter Metallglanz auf Rücken und Hals, die weinrote Brust und weisse Federsäume an den Schwingen machten sie vollends zur Augenweide. Die Wandertaube bewohnte den ganzen Osten Nordamerikas, von den Laubwäldern Massachusetts bis zu den Feldern des Mittleren Westens, von Mississippi bis nach Nova Scotia hinauf. In der kalten Jahreszeit verzogen sich die Millionenheere in den wärmeren Süden; von Frühling bis Herbst durchstreiften sie die ausgedehnten östlichen Laubwälder und ernährten sich dort von Bucheckern und Eicheln, von Wildkirschen, Maulbeeren und Felsenbirnen. Auch schätzten sie Insekten, fanden Gefallen an Roggen und Weizen, sobald die Siedler mit dem Ackerbau solche Verlockungen zu offerieren begannen.

Ihre Brutkolonien richteten die Wandertauben ebenfalls im baumreichen Osten ein. Dazu suchte sich der Vogelschwarm eine Gegend mit futterreichen Wäldern und liess sich dort 30 Tage lang nieder - die Zeit für den Nestbau und die Eiablage, für das Brüten und das Füttern der Jungen. Das Gelege eines Taubenpaares bestand meist nur aus einem Ei, wobei bis zu 100 Nester auf einem einzigen Baum versammelt waren. Ein brütender Schwarm konnte gigantisch sein: In Wisconsin besetzte 1871 eine Brutkolonie von 136 Millionen Vögeln 2200 Quadratkilometer - eine Fläche, grösser als der Kanton Zürich.

Wenn ein Schwarm dann weiterzog, sah das Brutgebiet aus, als ob ein Wirbelsturm darüber gefegt wäre. Unter dem Gewicht der Nester zusammengebrochenes Astwerk bedeckte den Boden in wirren Haufen, die Bäume selber waren «so völlig kahl, als ob sie mit der Axt behandelt worden wären», beschreibt Audubon die Szene. Nach einer solchen Verwüstung mieden die Wandertauben die Gegend für viele Jahre. So suchten sie sich laufend neue Nistplätze, weshalb das Auftauchen der Riesenschwärme für die Lokalbevölkerung jeweils überraschend kam.

Sich als lebendige Riesenwolke zu bewegen, in millionenfacher Gesellschaft zu brüten und am Abend ganze Wälder für das gemeinsame Schlafen zu besetzen, ist eine Strategie mit enormem Überlebensvorteil. Denn Millionen von Augenpaaren entdecken aus der Luft schnell die guten Fressorte, Attacken einzelner Raubvögel sind lediglich Nadelstiche, die Chance, einen Geschlechtspartner zu finden, ist allgegenwärtig. Nur mit dem Menschen hatte die Macht der grossen Zahl nicht gerechnet.

Die Wandertauben waren den Farmern lästig. Und das Fleisch der Vögel schmeckte gut. Wie die Leute die Sache regelten, berichten wiederum Augenzeugen: «Es war ein entsetzliches Schauspiel. Tausende von Tauben wurden kurz nach Sonnenuntergang von Männern mit Pfählen von den Schlafbäumen geschlagen. Und die Männer schossen, aber man sah nur das Aufblitzen des Pulvers, denn im Aufruhr der Vögel hörte man das Abfeuern der Gewehre nicht . . . Töpfe, in denen Schwefel brannte, spien tödliche Dämpfe aus, an denen die Vögel erstickten . . . Bei Sonnenaufgang begannen die Farmer die toten, sterbenden und verstümmelten Tauben aufzulesen. Man warf die Vögel auf Haufen, bis jeder so viele hatte, wie er wünschte. Dann liess man herbeigetriebene Schweine los, um sie am restlichen Taubenfleisch zu mästen.»

Die Kadaver wurden von den Familien der Farmer gerupft, ausgenommen und fassweise gepökelt oder eisgekühlt in die Städte des Ostens geschickt, wo man auf den Märkten pro Vogel fünf Cent bezahlte. Um 1850 wurde die «Wandertaubenernte» mit Hilfe der neuen Eisenbahn- und Telegraphennetze zur Grossindustrie. Der Telegraph verbreitete die Kunde über den Standort neuer Nistkolonien unverzüglich, und die Eisenbahn brachte innert Tagen Scharen professioneller Taubenjäger aufs Schlachtfeld. Per Eisenbahn wurde die Beute dann tonnenweise und noch frisch auf die grossen Verbrauchermärkte gebracht.

So unglaublich es erscheinen mag: Innert weniger Jahrzehnte war das Riesenvolk der Wandertauben - mit vermutlich gegen fünf Milliarden Individuen zahlreicher als die damalige Menschheit - ausradiert. 1887 brütete eine letzte grössere Nistkolonie in Wisconsin; im März 1900 wurde in Ohio zum letztenmal eine Wandertaube auf freier Wildbahn geschossen; am 1. September 1914 starb im Zoo von Cincinnati «Martha», die letzte Vertreterin der einst so dominanten Turteltaubenart.

Besonnene Stimmen hatten schon früh das masslose Abschlachten der Vögel angeprangert und gewarnt, dass man mit dem Raubzug auf die Nistkolonien und der Vorliebe für die fetten Jungvögel die Wandertauben im Lebensnerv treffe. Vergeblich. Die scheinbar grenzenlose Fruchtbarkeit der Tiere verleitete die Behörden zur Sorglosigkeit. So liess im Jahre 1857 in Ohio der Gesetzgeber verlauten: «Die Wandertaube braucht keinen Schutz. Keine Zerstörung kann sie dezimieren oder den Myriaden, die jährlich erzeugt werden, erkennbare Verluste zufügen.» Fünfzig Jahre später wurde eine Belohnung von 1500 Dollar ausgesetzt für den Nachweis auch nur eines einzigen Brutpaares. Ohne Erfolg.

Für den rasanten Niedergang der Wandertaube trägt der Mensch zweifellos die Hauptverantwortung. Trotzdem rätseln die Fachleute bis heute, wie die völlige Ausrottung in so kurzer Zeit möglich war. Denn spätestens als die Milliardenheere auf einige tausend dezimiert waren, dürfte die kommerzielle Jagd unrentabel geworden sein und der Handel aufgehört haben.

Vermutlich ist der Vogel letztlich an der Spezialisierung auf ein Leben im Riesenschwarm gescheitert: Die innert weniger Jahre drastisch reduzierten Bestände standen hilflos einer unverminderten Zahl von Falken und Adlern gegenüber; an guten Brut- und Fressplätzen konnten sich die Wandertauben nun nicht mehr mit ihrer erdrückenden Mehrheit gegen die Konkurrenz anderer Vögel behaupten; das Verstreutsein der Restpopulation über ein sehr grosses Gebiet machte es für das einzelne Tier schwierig, einen Geschlechtspartner zu finden. Und wie man von anderen sozial brütenden Tieren weiss, kamen wohl auch die Wandertauben erst in Brutstimmung, wenn sie sich im Nistgebiet in grösserer Zahl versammelt hatten.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.