NZZ Folio 09/02 - Thema: Märkte   Inhaltsverzeichnis

E-Mail aus dem Cyberspace -- Verschwörung gegen die Laien

© Katrin Laskowski
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Von Franz Zauner
LEUTE SAGEN sich oft seltsame Dinge, besonders in der Technik:

«Br.» - «Br?» - «Br!»

Wer «Br» sagt, sagt etwas, so viel steht nach diesem Minidrama fest. Aber was? «Br» gehört zu den vielsagenden Lauten, wir machen ihn gerne: Die Suchmaschine Google findet für den Suchbegriff «Brr» 78 500 Einträge. «Brr» tritt im surrealistischen Theaterstück ebenso auf wie im realistischen Wildwestfilm, wo es rauen Kehlen entschlüpft, sobald Pferde gestoppt werden müssen: «Brrrrr.»

Auf der Strasse kann man das Schnarrgeräusch hören, wenn ein meteorologisches Verhängnis zu beklagen ist: «Brrr, kalt heute.» Und selbstverständlich existiert das allgegenwärtige «Br» auch in der EDV. Man äussert damit den Wunsch nach einer neuen Zeile: "br".

Hiermit geschehen. Aber manchmal geschieht es eben nicht. Während das «br» in der Mensch-Tier-Beziehung keine Fragen offenlässt und in der Mensch-Mensch-Interaktion zuverlässig Verständigungsprozesse einleitet, gibt es an der Mensch-Maschine-Schnittstelle Rätsel auf. Dann entsteht Leidensdruck, und Leidensdruck wird in der Technik durch Lektüre überwunden. Warum, wieso und vor allem wann schreibe ich "br"?

Techniker brüten oft in für ihre Art charakteristischen Papiernestern. Über einer dicken Schicht aus aufgeschlagenen Fachbüchern liegt eine dünnere Lage aus Selbstgedrucktem: allgemeine Standards und Spezifikationen, unverbrüchliche Worte letzter Instanzen, formuliert in rätselhaften Formelsprachen. Dann gibt es noch speziellere Bulletins wie die «Request for Comments», kurz RFCs genannt. In denen teilen sich die Ingenieure allerletzte Neuigkeiten mit.

Damit kein unpräziser Plauderton einreisst, wurde sogar der tiefere Sinn von Wörtern wie «müssen», «sollen», «empfohlen» und «verboten» in einem eigenen Papier (RFC 2119) definiert. Kein Wunder, es geht schliesslich um so grosse Dinge wie das Internet, das aus so kleinen Teilchen wie dem «br» zusammengesetzt ist. «The BR element forcibly breaks (ends) the current line of text», sagt der HTML-Standard: "br"!

Das ist aber in der Computerei beileibe nicht der einzige Weg zu einer neuen Zeile. Manchmal muss man «n» sagen, dann wieder darf es «CRLF» oder sonst was sein. Eine Empfehlung ist also immer willkommen: «Wenn du eine neue Zeile willst, kannst du hier kein Backslash-n nehmen. Du musst ein BR hinschreiben.» - «Etwa das BR aus dem HTML-Standard?» - «Ja, natürlich, genau dieses BR!» Techniker drücken das natürlich nicht so weitschweifig und umständlich aus, sondern klar und direkt: «Br.» - «Br?» - «Br!»

Oft genug erschöpft sich Technik darin, winzige Hürden mit einem Riesenanlauf zu überspringen. Da alle Berufe Verschwörungen gegen die Laien sind (George Bernard Shaw), fällt es nicht weiter auf.

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