NZZ Folio 02/07 - Thema: Teheran   Inhaltsverzeichnis

Richtig oder falsch?

Stimmt es, dass Popmusik in Teheran verboten ist? Wie steht es um das Küssen in der Öffentlichkeit? Ist die Stadt wirklich eine Hochburg der Drogensüchtigen? Jugendliche Teheraner klären auf.
1. Popmusik ist verboten.
Stimmt, jedenfalls ausländische. Aber es gibt sie trotzdem. Man kann sie ohne weiteres von Strassenhändlern oder unter dem Ladentisch in den traditionellen Musikshops kaufen. Iranische Künstler verbreiten ihre Alben im Internet oder auf selbstgebrannten CD und kopierten Kassetten.

2. Alkohol ist verboten.
Stimmt. Alkohol kauft man in Teheran, indem man per Handy einen Kurier bestellt, der frei Haus liefert. Die «Alkohol»-Szene hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Früher konnte man ja nur Selbstgebranntes kaufen, heute bringen Schmuggler die bekannten internationalen Spirituosenmarken über die irakische Grenze.

3. Homosexualität ist illegal.
Stimmt. Das Gesetz verbietet Homosexualität. Gesetze bedeuten uns aber nicht viel. Die einzige wirkliche Folge des Vebots ist, dass man sich nicht in der Öffentlichkeit zeigt.

4. Es ist verboten, sich in der Öffentlichkeit zu küssen.
Stimmt. Man macht es aber trotzdem. Jeder kennt eine Geschichte von Freunden, die von den Revolutionswächtern aufgegriffen wurden, weil sie mit einem Mädchen durch den Park geschlendert sind. Aber das ist vorbei, man sieht heute viele Pärchen Hand in Hand durch die Stadt schlendern. Grundsätzlich gilt bei uns: Wer sich erwischen lässt, ist selber schuld.

5. Wer trotzdem erwischt wird, dem drohen Peitschenhiebe.
Stimmt. Auf Alkoholkonsum stehen 80 Hiebe, auf Alkoholhandel bis zwei Jahre Gefängnis. Öffentliches Küssen kann bis zu 99 Hiebe nach sich ziehen. Auf Homosexualität steht offiziell die Todesstrafe. Aber das ist Theorie. Mit Geld oder Beziehungen lassen sich diese Strafen leicht abwenden oder mildern.

6. Teheran ist die Hochburg der Drogensüchtigen.
Stimmt. In keiner anderen Stadt der Welt gibt es so viele Drogensüchtige wie hier. Opium ist historisch die Droge Nummer eins. Aber seine betäubende, einschläfernde Wirkung ist bei den Jugendlichen weniger angesagt, inzwischen beherrschen Aufputschmittel und Designerdrogen die Teheraner Jugendszene.

7. Der E-Mail-Verkehr wird vom Staat kontrolliert.
Stimmt nicht. Die meisten Teheraner haben internationale E-Mail-Accounts (Yahoo ist besonders populär). Allerdings werden viele Internetseiten kontrolliert und gefiltert. In Iran gibt es etwa 100 000 aktive Blogger, die sich immer wieder der Überwachung entziehen.

8. Ausländische Medien sind zensuriert.
Stimmt nicht. Zensur gibt es für die einheimische Presse. Magazine wie «Der Spiegel» oder «Newsweek» sind nicht verboten. Als «Zensur» wirkt höchstens der hohe Preis.

9. Es ist verboten, ein Mädchen oder einen Jungen mit nach Hause zu nehmen.
Stimmt. Da die meisten Unverheirateten noch bei ihren Eltern leben, ist eine gewisse Kreativität gefragt. Aber es gibt genug Begegnungsmöglichkeiten. Man trifft sich zum Beispiel im Tulpenpark in der Nähe der Universität.


10. An jeder Strassenecke stehen bärtige Revolutionswächter.
Stimmt nicht. Die Pasdaran, die Revolutionswächter, sind im Strassenbild kaum mehr präsent. Ebenso wenig die Basij, die freiwilligen Sittenwächter. Beide Organisationen sind inzwischen der Polizei unterstellt. Am ehesten treten die Basij an religiösen Feiertagen in Aktion und weisen Frauen zurecht, die «nicht schicklich» gekleidet sind.

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