NZZ Folio 05/05 - Thema: Computerspiele   Inhaltsverzeichnis

Sportlexikon -- Helvetia im Unterholz

Von Richard Reich

Orientierungslauf: Lauf- und Denk sport mit dem Ziel, in Feld und Wald verteilte Posten schnell anzulaufen und abzuhaken. Material: naturfreundliche Nockenschuhe, reiss festes Tenu, Knieschoner gegen Dornen, Speziallandkarte, Kompass. Kartierungsregel: «Die Signatur eines nur periodisch vorhandenen Sumpfes darf, um die Belaufbarkeit darzustellen, mit Vegetationssignaturen kombiniert werden.»

Ob es Zufall war, dass der erste aktenkundige Orientierungslauf der Welt zu Halloween stattfand? Also ausgerechnet in jener düsteren Jahreszeit, deren Witterung mitunter auch Spaziergänger in die Irre führt? Jedenfalls trafen sich im Zwielicht des 3 1. Oktober 1897 acht unverzagte Norweger, um unweit von Oslo mit einer Landkarte in der Hand wettkampfmässig durchs geisterhafte Unterholz zu spurten und dabei nicht Trolle, sondern Kontrollpunkte zu suchen. Wer von diesen OL-Pionieren damals Erster wurde, ist nicht bekannt. Und auch nicht, ob jedermann vor Allerseelen wieder heimfand.

Sicher ist hingegen, dass der Orientierungslauf wie die zur selben Zeit entstandene Pfadfinderei einen militärischen Hintergrund hat. Nachdem die europäischen Heere im 19. Jahrhundert allmählich aufgehört hatten, sich fair auf offenen Schlachtfeldern zu prügeln, bekam der Geländelauf plötzlich grosse Bedeutung. Die ortskundige und doch rasche Fortbewegung auf wechselhaftem und unübersichtlichem Terrain konnte für Kriegsleute matchentscheidend werden. Deshalb begann man in Skandinavien, das dazu nötige Rüstzeug, also Orientierungssinn, Antizipationsfähigkeiten und Durchhaltevermögen, mit dem OL gezielt zu trainieren.

Im restlichen Europa hingegen war man in der Belle Epoque vorerst noch damit beschäftigt, die Körper der jungen Menschen im Rahmen des ebenfalls gerade erfundenen Turnunterrichts zu stählen. Hier wurde der OL erst am Vorabend des Zweiten Weltkriegs richtig entdeckt: In Deutschland machten sich Mitte der 1930er Jahre Führungskräfte von Wehrmacht, Waffen-SS und Hitlerjugend gemeinsam daran, sogenannte Findigkeits- oder eben Orientierungsläufe durchzuführen. Diese wurden von Anfang an zum Breitensport erklärt; laut dem OL-Historiker Bernd Wollenberg stellten Mädchen und junge Frauen bis zu einen Drittel der Teilnehmer.

In der Schweiz wurden die ersten Orientierungsläufe ab 1933 zwar von Vereinen wie der Gymnastischen Gesellschaft Bern organisiert, doch die Basis zu einer eigentlichen Wettkampftätigkeit wurde ebenfalls von Uniformierten gelegt: 1942 adelte die Militärdirektion des Kantons Zürich das Orientierungslaufen, indem man es offiziell in den «militärischen Vorunterricht» aufnahm und gleich auch noch den ersten Zürcher OL anberaumte.

Womöglich ist der Ausgang des Zweiten Weltkriegs indirekt mitverantwortlich dafür, dass das Schweizer Volk dem Orientierungslauf bis heute verbunden geblieben ist. Denn während man sich in Deutschland und Österreich mit dem OL nach 1945 wohl gerade seiner militärischen Vorgeschichte wegen schwertat, hatte man hierzulande als «moralische Siegermacht» keine Berührungsängste.

Es dauerte zwar lange, bis ein selbständiger OL-Verband gegründet wurde (1978), und auch der erste Schweizer Titel an OL-Weltmeisterschaften liess auf sich warten (1991). Dessen ungeachtet wurde bald diese Feld-Wald-und-Wiesen-Disziplin zum Nationalsport: Jahr für Jahr wird hierzulande von Januar bis Dezember jedes Wochenende kreuz und quer über alle Rösti- und Risottogräben hinweg OL gelaufen. Das Angebot 2005 reicht vom 1. Amriswiler Stadt-OL über den 33. Mu ba-OL, den 44. Münchenbuchseer Nacht- OL bis zum Sie-und-Er-OL am Erdmannlistein oder dem Engadiner Ski-OL. Und an den Weltmeisterschaften räumt das Schweizer Team inzwischen so gründlich ab, als gelte es, der Nationalbank neue Goldreserven zu äufnen.

Passend zu diesem fröhlichen Wildwuchs, bei dem Familien- und Spitzensport in friedlichem Miteinander gedeihen, treibt auch die OL-Terminologie treffliche Blüten. Dazu ein Beispiel aus dem offiziellen OL-Lexikon des Landesverbandes: Blocher, m. (meist pejorativ): schneller Läufer, dessen OL-Resultate aber zu wünschen übriglassen, weil er immer wieder Kartenlesefehler macht. Blocherlauf, m.: OL, der geistig wenig fordert.


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