NZZ Folio 07/97 - Thema: Aus Eis und Schnee   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Christoph Schaubs offener Raum

© Christian Känzig
Der 39jährige Christoph Schaub ist Filmemacher. Letzte grosse Arbeit war 1995 der Dokumentarfilm <Rendez-vous im Zoo>. In der umgebauten Fabrik wohnt er seit April. Linktext
Von Lilli Binzegger

«DIESES HAUS war bis vor ein paar Jahren eine Elektroapparatefabrik, die, wie viele Firmen in der Stadt Zürich, ihre Produktion in die Agglomeration verlegt hat. Es steht an der Zypressenstrasse im Kreis 4. Ein paar Leute haben sich zusammengetan, um das Gebäude zu erwerben, und es nach den Plänen der Architekten Marcel Meili und Matthias Bischoff umbauen lassen. Der Umbau dauerte 14 Monate, am 1. April wurden die Wohnungen bezogen. Es war spannend, mitzuerleben, wie gute Architektur entsteht.

Es war nie die Meinung, eine Hausgemeinschaft zu schaffen, in der man gegenseitig auf die Kinder aufpasst und dergleichen, wie das bei solchen Projekten oft der Fall ist; es wohnen nicht einmal alle Initianten hier, sondern zufällig zusammengewürfelte Mieter. Die Idee war vielmehr, für die Fabrik eine gute urbane Nutzung zu finden. Darunter verstehen wir, dass in dem Haus nicht nur gewohnt, sondern auch gearbeitet wird.

Entstanden sind in den oberen drei Geschossen 19 Wohnungen, von der Einzimmerwohnung bis zur 190 Quadratmeter grossen Fünfeinhalbzimmer-Dachwohung. Unsere hat dreieinhalb Zimmer und ist quer durch die ganze Tiefe der Fabrik gelegt, die 16 Meter beträgt. Dieser Raum ist somit 16 Meter lang und von beiden Schmalseiten her belichtet. Er ist eine Art öffentlicher Raum, in dem Funktionen wie Essen, Arbeiten und so fort hintereinander gestaffelt sind. Die  privaten  Bereiche sind dann wie Ausbuchtungen links und rechts angehängt, man stellt sich den Grundriss am besten wie einen Knochen vor. Die Geschosshöhe hat man überall belassen. Hier oben, wo früher die Büros waren, beträgt sie 3,3 Meter, im Parterre, das für gewerbliche Nutzung nur sanft renoviert worden ist, ist sie 4 bis 8 Meter hoch. Auch die Trägerstrukturen sind beibehalten worden, die sieht man hier gut.

Aufgewachsen bin ich am Zürichberg in einer Wohnung mit grossem Garten, in dem man auf Bäume klettern und Hütten bauen konnte. Später habe ich vor allem in WGs gewohnt, einmal aber auch in einer hundskommunen Dreizimmerwohnung. Ich mag es aber lieber, wenn an einem Ort gewohnt und gearbeitet wird. So wie hier, wo ich im Haus Leute antreffe, die zur Arbeit kommen, wenn ich es morgens verlasse. Arbeit ist ja nicht einfach der schlechtere Teil des Lebens, den man vom guten, der Freizeit, abtrennen muss.

Die Umgebung ist teils ein wenig heruntergekommen, teils erzbieder. Die Ernastrasse nebenan etwa ist wohl eine der saubersten Strassen der Stadt. Verkehrsberuhigt und herausgepützelt, der Stolz der vereinigten Hauswarte. Und diese Wohnung verbindet gleich nochmals zwei Welten. Auf der einen Seite die Stadt mit ihren Geräuschen. Zur anderen Seite die Bullingerwiese, von dort hört man die Vögel und riecht die blühenden Bäume. Man glaubt, man sei auf dem Land. Im Winter sieht man durch die laublosen Bäume zu den Hochhäusern der Hardau, ein Ausblick ein wenig wie über den Central Park zur Skyline New Yorks. Eigentlich hatte man die Fabrikfassade nicht mit Balkonen verfremden wollen, baute zu dieser Seite hin aber dann doch welche an, nüchterne schöne Betontröge. Es wäre doch schade gewesen, an dieser Lage darauf zu verzichten. Die Horrorvorstellung aller ist natürlich, dass die Leute sie mit Geranienkästen behängen. Anfänglich waren Parkettböden erwogen worden, doch dann hat man sich - auch eine Reminiszenz an die frühere industrielle Nutzung - für Linoleumböden entschieden.

Ich wohne mit meiner Freundin Christine hier. Eingerichtet sind wir noch ziemlich provisorisch, zum Beispiel hängen noch keine Bilder an der Wand. Vielleicht wollen wir auch gar keine. Wir finden die weissen Wände schön, vor allem, wenn die Sonne einfällt und Muster darauf zeichnet. Das grüne Sofa ist geliehen. Wir bekommen von Christines Eltern ein neues geschenkt. Den Stuhl habe ich von meiner Mutter auf den dreissigsten Geburtstag bekommen. Die übrigen Möbel hatten wir halt einfach, sie sind im Laufe der Zeit so zusammengekommen. Wir schieben sie noch dauernd herum. Normalerweise sind in Wohnungen die Räume definiert, es gibt gar keine anderen Nutzungsmöglichkeiten. Dass das hier nicht so ist, empfinde ich als Qualität.

Raum, Räume sind für mich auch ein Arbeitsthema. In Filmen schaffen wir oft virtuelle Räume. Man nimmt ein Zimmer aus dem einen Haus und ein anderes aus einem zweiten und macht die Aussenaufnahmen an einem dritten Ort. Dann werden die Teile zu einem neuen, in sich glaubwürdigen Ort verbunden, indem man ein Geräusch, sagen wir Baulärm, mitlaufen lässt, die Farben wiederholt, auf die Lichtführung achtet, die Einstellungen geschickt aneinanderreiht. Bei Nahaufnahmen setzt der Betrachter den Raum ohnehin von sich aus dazu. Dass es im Kino dunkel, der Kinoraum eine Black Box ist, die die Wirklichkeit fernhält, erleichtert diese Illusion. Oft ist es dann wie ein Schock, wenn man aus dem Dunklen ins Freie tritt, vor allem, wenn es noch Tag ist. Ich mag die Kinos nicht, aus denen man nach dem Film sozusagen direkt auf die Strasse fällt. Ein gutes Kino sollte einem die Chance geben, sich allmählich wieder nach aussen zu adaptieren, und einem Zeit lassen, wieder in die reale Welt überzublenden.

Mein Traumraum? Der hier, aber alles doppelt so gross und doppelt so hoch. Ich liebe grosszügige Räume. Das Bedürfnis nach geschützten Ecken ist mir, ausser zum Schlafen, fremd. Mein Albtraumraum? Ein Chalet mit niedrigen Räumen in einem engen Bergtal.»


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