AUF WANDERUNGEN ist der Kuhfladen eher lästig. Feuchtglänzendfrisch kann er das Gehen leicht zur Rutschpartie machen; als trockene Scheibe liegt er noch immer unangenehm im Weg. Geradezu subversiv sind jene Fladen, die trocken scheinen, im Innern aber noch flüssig sind: Sie locken zum sorglosen Tritt - und zieren dann den Hosenboden mit jener Bräune, die für den Rest des Tages Schadenfreude garantiert.
Für den Bauern sind Kuhfladen eine gute Sache. Sie düngen die Wiesen; in baumlosen Gegenden sind sie wertvoll als Brennmaterial. Kuhfladen stellen für manche Lebewesen sogar die Existenzgrundlage dar. Kaum liegt der dampfende Brei auf dem Boden, setzen sich die ersten Fliegen der Gattung Scathophaga (Kot-Esserin) darauf. Sie legen Eier auf den Fladen; die nährstoffreiche Unterlage dient dann den Maden als Kinderstube und Nahrungsquelle. Auch ein Jagdrevier ist der Kuhfladen. Die Kotfliegen fressen die kleinen, schwarzen Dungfliegen, die ebenfalls hier ihren Nachwuchs deponieren wollen. In vielen verschiedenen Arten kreuzen ausserdem Mistkäfer auf. Und bei all dem Insektenbetrieb ist der Kuhfladen auch noch beliebter Treff für weitere Wirbellose sowie für Mikroben, was wiederum den Insektenmaden zusätzliche Leckerbissen verschafft. So trivial also der Kuhfladen in der Landschaft erscheinen mag, er ist ein Ort grösster biologischer Mannigfaltigkeit.
Die Insekten sind nicht nur Profiteure. Mit ihrer Bohr- und Fressarbeit zerlegen sie den Kuhfladen und machen ihn für die Pflanzen nutzbar. So kehren die von der Kuh nicht verwerteten Stoffe in den Biokreislauf zurück. Wie subtil ein solches ökologisches Zwischenglied funktionieren kann, mussten die australischen Viehzüchter erleben. Bereits im 18. Jahrhundert hatten englische Siedler Kühe aus Europa mitgebracht - an die dazugehörenden Mistfliegen und -käfer dachte niemand. Ein Fehler, der im Laufe der Jahrzehnte zur Katastrophe wurde. Denn die in Australien heimischen Dungkäfer waren an die kleinen, trockenen Kotballen der Känguruhs gewöhnt und konnten mit den feuchten Rinderfladen wenig anfangen. Die Kuhfladen blieben immer zahlreicher im Gras liegen - 1979 produzierten 35 Millionen Rinder gegen eine halbe Milliarde neuer Fladen pro Tag. Den Kuhfladen als günstige Brutstätte entdeckt hatten mittlerweile aber zwei blutsaugende Fliegenarten. Sie vermehrten sich mangels Konkurrenz in den Fladen massenhaft und wurden für Mensch und Vieh zur Landplage. Australien packte das Übel an der Wurzel. Wissenschafter suchten weltweit nach Mistkäfern, die sowohl den Rinderdung als auch das trockenheisse Klima der australischen Viehzuchtgebiete schätzen. Sie wurden in Afrika fündig, wo es dank der Vielfalt an Pflanzenfressern Tausende von kotverwertenden Käferarten gibt. Man züchtete über vierzig dieser Mistkäferarten und setzte sie ab 1967 auf den australischen Viehweiden im grossen Stil frei. Gut zwanzig Arten haben sich mittlerweile etabliert und das Kuhfladenproblem endlich gelöst.
Und die Schweizer Kuhfladen? Am Zoologischen Museum der Universität Zürich interessiert man sich seit Jahren für die Kuhfladenfauna. 1990 untersuchte Anita Wilhelm im Rahmen ihrer Diplomarbeit im Tessin das Wirken der verschiedenen Kuhfladengäste. Zusammen mit ihrem Diplomvater, dem Ökologen Paul Ward, publizierte sie 1994 die Ergebnisse. Etliches, was Kuhfladenforscher schon anderswo gefunden oder vermutet hatten, wurde im Tessin bestätigt. So legen die Fliegen ihre Eier möglichst bald in die oberste Schicht des frischen Fladens. Hat sich nach wenigen Stunden die Oberfläche verkrustet, ist die Chance für das Eierverstecken vorbei.
Anders die Käfer. Sie können sich auch durch die Kruste graben und deponieren ihre Nachkommen tief im Innern des Fladens. Mit ihrem Buddeln und Bohren versehen die Käfer den Kuhfladen mit zahlreichen Lüftungsschächten, was der ganzen Larvengesellschaft den lebensnotwendigen Sauerstoff bringt. Fehlt die Insektengemeinschaft, fehlen auch die zersetzenden Prozesse. Die Kuhfladen bleiben jahrelang auf der Wiese mehr oder weniger intakt liegen und hindern das Gras am Wachsen. Dies hatte man nicht nur am Beispiel der Rinder in Australien erlebt. Vielerorts werden an Weidetiere routinemässig Mittel gegen Parasiten verfüttert. Im Kot während mehrerer Wochen ausgeschieden, tötet das Antiparasitikum auch die Larven der dungbrütenden Fliegen und Käfer.
Neue Erkenntnisse ergaben die Zürcher Arbeiten, was die spezifische Rolle der Fliegen und der Käfer in der Kuhfladenökologie betrifft. Dazu wurden aus frischem Rinderdung Kuhfladen einer bestimmten Grösse geformt und auf der Tessiner Versuchswiese ausgelegt. Mit verschiedenen Anordnungen feinmaschiger Gitter hielt man entweder nur die Fliegen oder nur die Käfer oder beide Insektengruppen vom Fladen fern. Als Vergleich wurden einige der Testfladen der normalen Insekteninvasion überlassen.
Die Ergebnisse waren deutlich: Fliegen und Käfer zusammen liessen innert sechzig Tagen den 2,2 Kilogramm schweren Standardfladen verschwinden. Liess man nur Käfer ans Werk, ging der Abbau zwar in den ersten Wochen etwas langsamer; nach zwei Monaten war aber auch da der Kuhfladen praktisch weg. Fliegen allein arbeiteten wesentlich weniger effizient. Sie reduzierten die Kuhfladenmasse nur halb so schnell wie die Käfer und waren auch nach zwei Monaten mit dem Job noch nicht zu Ende. Die Forscher erklären die Differenz mit dem Löchergraben der Käfer. Durch diese Belüftung kann nicht nur das Wasser schneller aus der Masse entweichen, die effizientere Sauerstoffversorgung lässt auch die Larven und damit die eigentlichen Kotfresser besser gedeihen. Jene Fladen aber, denen weder Käfer noch Fliegen zur Verfügung standen, trockneten lediglich aus, und die organische Substanz war nach zwei Monaten noch unverbraucht.
Bei den raffinierten ökologischen Abhängigkeiten zwischen Kuhfladen und Insekten müsste sich auch das Wirken der Evolution zeigen. Paul Ward hat mit seinen Mitarbeitern entsprechende Hinweise gefunden. Sie sammelten Gelbe Mistfliegen (Scathophaga stercoraria) von Kuhfladen auf höher gelegenen Alpweiden sowie von Wiesen im Schweizer Mittelland und testeten dann im Labor, wie sich die Hochlandfliegen und die Tiefländer bei verschiedenen künstlich produzierten Tageslängen und Temperaturen vermehrten. Es zeigte sich, dass die unterschiedliche Natur in der Tat entsprechend angepasste Mistfliegen selektioniert hatte. Schlüpfte bei 20 Grad Celsius Umgebungstemperatur und 15 Stunden Tageslicht bei beiden Fliegentypen gleich viel Nachwuchs, fiel bei 15 Grad und 12 Stunden Tageslänge die Schlupfrate der Hochlandtiere im Vergleich mit den Tiefländern deutlich zurück.
Die Erklärung: Die 15 Grad und 12 Stunden entsprechen in den Hochlagen etwa dem Septemberklima. Da aber im September im Hochland mit baldigen Frösten zu rechnen ist, haben Fliegenpuppen durch natürliche Selektion «gelernt» bei solch heiklen Aussichten nicht mehr zu schlüpfen. Anders die Tiefländer, die auch im September noch mit guten Aussichten ihr Fliegenleben beginnen können. Das Laborergebnis bestätigt sich in der freien Natur, wo im Gebirge die Gelbe Mistfliege nur von Juni bis September, im Tiefland jedoch von April bis November anzutreffen ist. Im Juli und August allerdings machen sich die Mistfliegen im Tiefland rar, weil ihnen dann wohl das Klima zu heiss wird. Dieser Sachverhalt liess sich ebenfalls im Labor nachvollziehen, indem eine Erhöhung der Temperatur von 20 auf 25 Grad die Schlupfraten deutlich sinken liess.
Der Kuhfladen ist auch Ort des Geschlechterkampfes. Kaum liegt der duftende Fladen auf dem Boden, sausen die Männchen der Gelben Mistfliege herbei. Und warten auf die Weibchen, die zum Fladen kommen, um ihre Eier eins nach dem andern zu legen. Die Männchen kopulieren sofort mit den Weibchen und lassen die Partnerin nicht los, bis alle Eier gelegt sind. Das Schäferstündchen verläuft jedoch alles andere als friedlich. Konkurrenzierende Männchen versuchen immer wieder, den Liebhaber von seiner Braut zu vertreiben, um selber zum Zug zu kommen. Beim Liebesgerangel haben indes nur grosse Männchen eine Chance; die kleineren hängen in der Umgebung des Kuhfladens herum, in der Hoffnung, allenfalls ein Weibchen unterwegs zu erwischen.
Paul Ward und weitere Forscher untersuchten das Verhalten der Fliegenfrau genauer. Und es zeigte sich, dass sie nur scheinbar die männlichen Interessen passiv zu akzeptieren hat. Das Weibchen kann den Samen früherer Kopulationen längere Zeit im Körper speichern und dann auf dem Kuhfladen die Eier während des Legens sowohl mit dem neuen Samenangebot wie mit dem alten Vorrat befruchten. Um nun gezielt den Samen eines grösseren (und deshalb genetisch tüchtigeren) Männchens bevorzugen zu können, verfügt das Fliegenweibchen über drei verschiedene Samenvorratskammern, die es mit Muskelbewegungen so füllen und entleeren kann, dass ein bevorzugter Samen für die Befruchtung eher bei den Eiern ist als das zweitrangige Angebot.