NZZ Folio 10/96 - Thema: Jenseits von Washington   Inhaltsverzeichnis

Hello, Holy Ghost!

Vom Heiligen Geist ergriffen: Gottes Reich ist nah.

Von Peter Haffner

IN EINEM WORKSHOP über den multiplen Orgasmus würde John Wimber keinen schlechten Animator abgeben. Beschwörend, flehend dringt er auf die mehrheitlich jungen Frauen ein: «Lasst es raus! Lasst es kommen!» Als einzelne dann, die Augen geschlossen und am ganzen Körper zitternd, unversehens von einem Lachen geschüttelt werden, das wiederum weitere ansteckt, als manche zu weinen beginnen, schreien, jauchzen, lässt er seinen Blick in die Runde schweifen und sagt befriedigt: «Davon kann ich nie genug kriegen.»

Doch was sich zu Pastor Wimbers Füssen abspielt, ist ein Werk des Heiligen Geistes und so keusch wie eine Kirchenmaus. Und es bedeutet bloss: «Jesus ist hier!»

John Wimber gründete die Vineyard Christian Fellowship 1977, nachdem er, ein bekennender Heide wie alle Barden der sechziger Jahre, mit seiner Band The Righteous Brothers durch die Staaten getingelt war, Autos verkauft und mit beidem nicht übermässig Kundschaft gefunden hatte. Ein Gastspiel bei den Quäkern endete rasch; als seine Frau Carol eines Tages aus einem Traum erwachte, in Zungen daherredete und damit nicht mehr aufhören wollte, wurden sie beide hinausgeworfen.

Heute zählt Wimbers Klientel rund 140 000 Mitglieder, stösst nach Europa vor und ist - wie jede der neu auf den Markt drängenden Kirchen in den USA - die mit der höchsten Zuwachsrate. 2000 Gemeinden von Vineyard soll es bis zum Jahr 2000 geben - «Power Evangelism» heisst das Programm. (Auch in der Schweiz gibt es bereits Niederlassungen, so die Berner Basileia, die, wie es im Jargon heisst, eigene «Schüttelparties» veranstaltet.) Mit ihrem Glauben an die Kraft des Heiligen Geistes und die nahe Wiederkunft Jesu Christi ist Vineyard Teil der sogenannten charismatischen Bewegung, die mittlerweile weltweit über 400 Millionen Anhänger hat und in kürzerer Zeit mehr Leute bekehrt als der Islam. Es ist dies die sogenannte dritte Welle in diesem Jahrhundert. Und nicht wenige glauben, es sei die letzte, Vorbote des Tausendjährigen Reiches, des Jüngsten Gerichts und der Herrschaft des Erlösers.

John Wimbers Firma kann sich sehen lassen. Das Zentrum in Anaheim, Los Angeles, das sie vor vier Jahren bezog, ist ein moderner, ausufernder Gebäudekomplex, in dem früher die Aerospace logierte. Nun geht's auf andere Weise himmelwärts. Aber nicht minder organisiert. Was als loser Zusammenschluss von Bibelgruppen im kalifornischen Costa Mesa begonnen hatte, ist heute ein multinationaler Konzern mit einer Infrastruktur, die dem Verkauf von Vitaminpillen, Bauchtrimmern oder einem sonstigen Stück des amerikanischen Traums ebenso von Nutzen wäre. Die Versuche in Ekstase, die vor der Bühne unter Johns Regie ablaufen, versickern in Spannteppichen, während von den zwei Videoleinwänden sein Gesicht bis in die hintersten Reihen des wohl tausendplätzigen klimatisierten Saales leuchtet. Ein Manager des Herrn von hartnäckiger Freundlichkeit.

Der Mann, der in jüngeren Jahren Tag für Tag drei bis vier Menschen Jesus zuführte, muss ein Charisma haben. Es ist schwer auszumachen, wenn man ihn da vorne sieht. Er hat die Sechzig überschritten, und mit seinem kurzärmeligen Paisley-Hemd, den grauen Haaren und dem Kinnbart wirkt er unscheinbar. Da er an Mundkrebs leidet, greift er öfters zum Spray. Für jemanden, der in Büchern wie «Power Healing» wie einst der Heiland zu heilen versprach, ein nicht eben erfreuliches Schicksal. Jetzt macht er den Eindruck eines Mannes, der seinen Garten bestellt hat und kaum noch ein Apfelbäumchen pflanzen würde, wenn morgen die Welt unterginge.

Doch dass John Wimber der Mann ist, zu dem Gott eines Morgens sagte: «Ich will meine Kirche zurückhaben!» steht für Scott Ross ausser Zweifel. Der junge, sportliche Hilfspastor von Vineyard Monrovia, einer kleinen, etwas über hundert Mitglieder zählenden Kirchgemeinde in Pasadena, verströmt den Enthusiasmus des Offiziersanwärters, dem die Aussicht auf die neue Uniform jede Entbehrung versüsst. Eines Tages hatte Scott genug davon, Eier und Käse zu verhökern, und absolvierte am Fuller Theological Seminary in Los Angeles, dem Ausbildungszentrum für Evangelikale, ein vierjähriges Abendstudium. Nun wird er nach Omaha in Nebraska ziehen, um da eine neue Gemeinde zu gründen. Es ist ein hartes Pflaster, denn Omaha ist von Katholiken und Lutheranern okkupiert. Aber es gibt ein paar Anhänger von Vineyard, und ein halbes Dutzend Paare aus Monrovia werden ihn begleiten. Es wird eine richtige Mission. Und wie der Heilige Geist den Aposteln geholfen hat, weiss Scott, wird er ihm helfen.

Scotts Existenz hängt davon ab. Wenn der Herr auch für die Seinen sorgt, seine Schäfchen muss man schon selber ins Trockene bringen. 17 000 Dollar hat Vineyard Monrovia im vergangenen Monat an Spenden kassiert, auf 18 500 Dollar beliefen sich die Ausgaben. Gut 100 000 Dollar sind in der Kriegskasse. HATTE DER KONGRESS in Anaheim, ungeachtet der Performance des Heiligen Geistes, den Charme der Generalversammlung eines Pharmakonzerns, so war der Gottesdienst in Monrovia ein Woodstock in der Puppenstube. Steve Summerell, der Pastor, hätte mit seinem Seehundschnauz und dem aufdatierten Hippie-Schopf als Double von Country Joe («and the Fish») in jedem Remake Bestnoten gekriegt, und so inbrünstig, wie dessen Publikum einst jenes four letter word buchstabierte, so beseelt intonierte seines jetzt only you. Ein verschmustes Pärchen, Hand in Hand, sang das Liebeslied, als gelte es ganz und gar nicht dem Erlöser. Mit ihren Hot pants und dem neonfarben gestreiften, nabelfreien Leibchen schienen sie und ihr Lockenkopf von Beach Boy eher an den Strand von Malibu zu gehören als in diese Turnhalle mit ihrem Geruch nach Schweiss, Bohnerwachs und frommem Frohsinn. Jeden Sonntag baut da, in der Arcadia High School, die Gemeinde ihre Instantkirche auf, die Verstärkeranlage der Popband, den Hellraumprojektor für die Songtexte, die Kaffee-und-Kuchen-Bar. Nach dem Gottesdienst wird alles zusammengeklappt und im Lagerraum verstaut bis nächsten Sonntag.

Wenn Pastor Summerell predigt, den Pager am Gurt, das Mikrophon in der einen und die andere Hand in der Hosentasche, macht er es so schlicht wie knapp. «Ich habe euch nirgendwo anders hinzuführen», sagt er, «als zu Jesus. Und der ist hier.»

Es klang ganz nach «Das-ist-mein-Job-und-dafür-werde-ich-von-euch-bezahlt».

Wie alle amerikanischen Gottesdienste, ist auch der von Vineyard eine Folge schneller Schnitte. Kontemplation ist seine Sache nicht. Es wird viel gesungen und in die Hände geklatscht, mit hocherhobenen Armen. Gelobt wird der Allmächtige, der sich nie ändert, immer für einen da ist in dieser rasch sich ändernden Welt, in der keiner Zeit für einen hat. Zwischendurch legen einzelne laut Zeugnis ab von ihrem Weg zu Jesus. Die meisten sind um die Dreissig, in T-Shirts und Turnschuhen, und der einzige Schwarze steht da wie zur Erinnerung, dass alle anderen weiss sind.

Man kann es sehen, dass nur vor dem Herrn alle gleich sind. Die dralle Blondine, die immer als erste die Hände zum Himmel streckt, als könnte sie ein Stück davon herunterholen, oder der kränklich aussehende, fettleibige junge Mann, auf dessen Sweatshirt in Tattoo-Manier des Gekreuzigten blutende, nageldurchbohrte Hand prangt mit dem Slogan «His Pain - Your Gain»: Sie beide mögen am «Icecream Giveaway», im «Weightdown Workshop» oder in der Basisgruppe, in der man sich unter der Woche privat trifft und von seinen Problemen erzählt, ihre Familie gefunden haben. Und was immer die Frau, die weinend am Boden kauert, für einen Schmerz empfinden mag, sie wird getröstet von anderen, die schützend die Hand über sie halten, neben sie hinknien, sie umarmen. «Healing» ist das grosse Versprechen der charismatischen Bewegung. Kraft des Heiligen Geistes überträgt man mit Handauflegen Energie, lindert Schmerzen und besiegt Krankheiten - selbst so schlimme Krankheiten wie die Homosexualität.

Das allerdings müsste nicht gerade sein, findet Bob Patton, der zu Vineyard gewechselt hat, als die Anglikanische Kirche, der er angehörte, schwulen Paaren den Segen gab. Bob, mit seinem Jungengesicht und den prallgefüllten Bluejeans ein Bilderbuchamerikaner, hat nichts gegen die Schwulen - Bruce, einer seiner besten Freunde, gehört dazu -, hält aber dafür, was die Bibel Sünde nenne, solle Sünde bleiben. So gibt er sich politisch korrekt und ist doch prinzipientreuer Republikaner. Von Beruf Rechtsanwalt, will Bob, der gegen die Dreissig geht, Politiker werden, tut demnächst Dienst in der Army in Frankreich (Europa) und füllt sorgsam Blatt um Blatt des Pflichtenheftes eines Präsidentschaftskandidaten, dem man einmal nicht soll nachsagen können, er habe seinem Land nicht gedient oder Marihuana inhaliert. Dass er während des Gottesdienstes ab und zu seinen Terminkalender konsultiert, hat mit den ehrgeizigen Plänen zu tun, denen, so dürfte er vermuten, eine zukunftsträchtige christliche Kohorte wie Vineyard sicher entgegenkommen wird. In All Saints, wo Bob früher zur Kirche ging - nie ohne Krawatte -, hätte er sich nicht so locker gegeben. Und das will etwas heissen in einer Konfession, die sich politisch weiter vorgewagt hat als sonst eine. DIE ALL SAINTS CHURCH in Pasadena hat nichts von jener Atmosphäre ursprünglichen Christentums, die Vineyard zu inszenieren versucht. Das Kirchenschiff unter anglikanischer Flagge hat die Fahrt über den Atlantik ohne Havarie überstanden, und die sakrale Kühle der kolossalen englischen Gemäuer ist einem aus dem Alten Europa lieb und vertraut. Doch der Geist, der hier herrscht, ist schicke linke Sozialdemokratie. Anne B. Peterson, eine elegante, einnehmende Mittvierzigerin mit rotlackierten Fingernägeln, einem massgeschneiderten, modisch grauen Deux-pièces und assortierten hochhackigen Schuhen, wirkt als rechte Hand des Rektors. Bis im Frühjahr letzten Jahres hatte George F. Reagas dieses Amt inne, und unter seiner Ägide hat All Saints Schwule und Lesben zu trauen und Frauen zu ordinieren begonnen. 1977 stand die erste Priesterin auf der Kanzel, warmherzig willkommen geheissen von einem neugierigen Publikum. Als 1991 dann das erste Männerpaar getraut wurde, sorgte das für einige Aufregung, aber Leute wie «Bobby Bible», der Sonntag für Sonntag antrat und gegen Sodom und Gomorrha wetterte, haben mittlerweile aufgegeben. Das einzige, was jetzt noch fehlt, ist eine schwarze Priesterin. Aber Anne ist zuversichtlich. Als engagierte Feministin macht sie sich für eine redigierte Bibel stark, in der Gottvater nicht männlich und ein Patriarch ist und Jesus und Maria . . . Nun ja, ganz einfach wird das nicht werden. Was bereits erreicht ist, kann sich schon sehen lassen in einer Kirche, die früher sogar die Wiederverheiratung Geschiedener abgelehnt hat. Man plädiert für das Recht auf Abtreibung, hat sich gegen den Golfkrieg engagiert und Shell boykottiert, unterhält ein Aids Service Center und eine Ökostation, versorgt die Homeless und die Waisen und gibt sich alle Mühe, dem Rollback der neuen christlichen Rechten standzuhalten, die sich in Pressure Groups wie James Dobsons Focus on the Family oder Pat Robertsons Christian Coalition formiert hat. All Saints macht genau das, was die nicht müde werden zu verteufeln: «weltlichen Humanismus».

Die Verhältnisse stehen auf dem Kopf. Was den Anschein des Konservativen macht, ist heute progressiv. Wenn Vineyard in Gruppen wie Living Waters Homosexuelle mit exorzistischen Ritualen zu heilen versucht, wird sie sich erst durchsetzen müssen in einem Staat wie Kalifornien, in dem die Heterosexuellen immer wieder eine Minderheit zu werden fürchten. AMERIKAS GESCHÄFTSBILANZ weist, was Glaubenswerte angeht, imponierende Zahlen aus - nicht umsonst trägt jede Dollarnote Gottes Namen. 95 Prozent aller Amerikaner sind gläubig, 85 Prozent zahlende Mitglieder einer Religionsgemeinschaft; der Kirchenbesuch rangiert noch vor dem Sportanlass.

Der Staat hat diese Konjunktur gefördert, indem er sich aller Massnahmen enthielt. Als die Gründerväter im First Amendment von 1789 Jeffersons «Mauer der Trennung zwischen Kirche und Staat» in der Verfassung verankerten, taten sie es notgedrungen. Die Glaubensgemeinschaften der Einwanderer, in ihrer Heimat von der Staatskirche verfolgt und mit dem Ketzertod bedroht, wollten sich nicht in ein neues Korsett zwängen lassen.

Die Folgen machen jeden froh, der die Erlösung von dem Bösen im freien Markt sucht. Über 1200 verschiedene Denominationen sorgen für einen kundenorientierten, innovativen Wettbewerb im Religionsmarkt. Ob man nun Bedürfnisse erkennt oder schafft - vermag man sie zu befriedigen, schlägt sich das in Wachstumsraten und erhöhtem Marktanteil nieder. Der Anreiz, eine neue Kirche aus der Taufe zu heben, ist um so grösser, als der Staat diese von der Einkommensteuer befreit und die Donatoren ihrerseits Spenden von der Steuer absetzen können. Und es kann das bessere Geschäft sein, als irgendeinen Laden aufzutun. Kaum ein Prediger, der nicht Verkäufer war, bis ihm die Erleuchtung zum Branchenwechsel kam.

Wer nicht mithält, geht unter. Religionszappen ist ein verbreiteter Sport, und wenn einem dieser Kanal zu Gott nicht gefällt, schaltet man eben um zu jenem. Bei den Protestanten verlässt ein Drittel die Denomination, der die Eltern angehörten, zugunsten einer anderen. Dass es einer traditionellen Kirche wie der Southern Baptist Convention kürzlich eingefallen ist, die Juden jetzt zum Christentum bekehren zu wollen, gehört mit zum Konkurrenzkampf.

So hat Amerika Glaubensgemeinschaften hervorgebracht, die so christlich sind wie Osterhase und Weihnachtsbaum. Die Shakers, die auf Sex verzichten, missionieren, da sie sich auf natürliche Weise nicht vermehren, und die Frauen der Children of God missionieren, indem sie in Missionarsstellung gehen. In einer Kirche für Hippies ist LSD ein Sakrament, in einer anderen für Indianer Peyote. Es gibt eine Kirche für Schwule und einen Haufen Kirchen gegen Schwule; auch Hitlers Portrait ist schon neben einer Kanzel gesehen worden, von der herab der Pastor zum Genozid aufruft. Fürchten die einen den Weltuntergang und die Wiederkunft Jesus' des Terminators, zählen andere auf Errettung durch Ausserirdische. Eine Kirche, die sich Snake Handlers nennt, hält auf Grund des Markus-Evangeliums Bisse von Giftschlangen für ein Glaubensgebot; auch sie ist, trotz Todesfällen, nicht ausgestorben. HEUTE SIND ES DIE CHARISMATIKER und die Evangelikalen, die den etablierten Kirchen - Presbyterianern, Methodisten, Episkopalen - das Wasser abgraben. Sie machen es einem nicht schwer, wenn man im Geiste wiedergeboren werden will. Alles, was es dazu braucht, sagt etwa die Telefonauskunft der Church on the Way in Van Nuys, sei weisse Unterwäsche und ein Handtuch, und dass man bitte eine Stunde vor Beginn des Gottesdienstes zur Stelle sein möge. Die Kirche liegt im San Fernando Valley und praktiziert Wassertaufen - 374 134 waren es letztes Jahr weltweit. Im Swimmingpool, in dem das vor sich ging, standen schliesslich, in eierschalenfarbene Plastic-Kutten gehüllt, fünf junge Männer und ein kleiner schwarzer Junge, der die Augen verdrehte, als spiele er eine Rolle in «Onkel Toms Hütte». Einer nach dem anderen wurden sie von Pastor Jim Nelson mit über der Brust gekreuzten Armen untergetaucht, tauchten auf mit zum Himmel erhobenen Händen, riefen Hallelujah und versuchten sich, ganz vom Heiligen Geist ergriffen und ein bisschen vom Pastor ermuntert, im Zungenreden. Der Festakt fand in einem vollkommen leeren Saal statt, wurde aber per TV in den Nachbarsaal übertragen, wo die Gemeinde die Sache formatfüllend auf dem Videoschirm hatte. Als es vorbei war, blieb der Pastor, ein gedrungener Fünfziger mit schweren Händen und Augen so blau wie das Chlorwasser, eine Weile im Pool stehen, zufrieden wie ein Bauer, der seinen Stall besorgt hat. Hernach betete man für die Opfer des TWA-800-Crashs und gegen die Zulassung der Abtreibungspille RU 86.

Das erinnerte wenig an den fulminanten Start der Erweckungsbewegung in jener Aprilnacht im Jahre 1906, als der Heilige Geist in die kleine Gemeinde des schwarzen Wanderpredigers William Joseph Seymour fuhr, der in Los Angeles sein Glück suchte. Seymour, ein Sklavensohn, hatte ihr versprochen, Gott schicke ein neues Pfingstfest, wenn sie nur genug betete - mit Flammen, Zungenreden, Wundern und allem Drum und Dran. Was in jener Nacht in einem Schuppen begann, dauerte drei Jahre und breitete sich aus über die Stadt und die Staaten bis nach Übersee. Prediger, die auszogen, von all dem Spektakel zu künden, erhielten das Bahnticket per Luftpost von Gott. Das Azusa Street Revival war der Fingerzeig: Gottes Reich war nah, die letzten Tage hatten begonnen. Wer wollte nicht zu den ersten gehören, welche die Chance der Rettung wahrnahmen?

Das Gefühl der Dringlichkeit ist heute, in der dritten Welle - die zweite brandete in den sechziger Jahren -, nicht anders. Man muss nur in eine jener Kirchen gehen, deren Publikum wie damals mehr mit Glauben als mit Glück und Geld gesegnet ist. Harvest Tabernacle zum Beispiel, ein hübsches braunes Kirchlein in Eagle Rock, das zur United Pentecostal Church gehört, wartet im Innern mit einem grossen Lehnsessel auf, in den niemand sich zu setzen wagt: Da vorne wird Jesus, der König der Könige, thronen, wenn er wiederkommt. Und das wird bald der Fall sein - 1996 ist, so steht es in flammenden Lettern hinter dem Altar geschrieben, das Jahr der Ernte. Wenn Pastor Bernard Elms zum Elektrobass greift, John Hermann den Rhythmus schlägt, bis er die Engel singen hört und die Frauen und Männer sich von ihren Bänken reissen, sich zu winden, zu tanzen und in Zungen zu reden und zu prophezeien beginnen - ja dann, ist man versucht zu sagen, ist der Teufel los. Doch der wird, bekommt man demonstriert, unter den Füssen zertreten und in den Boden gestampft wie ein Wurm.

Das hebt die Stimmung. Eine junge Frau mit einem Blick, der an der Decke nicht endet, weiss unter Applaus zu berichten, wie sie den Verführer mit Gebeten verwirrt hat, und eine Chinesin, kugelrund wie ein Pingpongball, rühmt sich so beredt wie selbstvergessen, bei ihrem kürzlichen Vorstoss hinter die Grosse Mauer ganze fünfundzwanzig nach dem Evangelium lechzende Taxifahrer bekehrt zu haben. Tatendurst kommt auf; im Schweisse seines Angesichts singt am Mikrophon, wer singen kann, und das sind eine ganze Menge. Rennt einer durch die Kirche zum Seitengang hinaus und zum Mittelgang wieder hinein, rennen die anderen hinterher, als ginge es zum Himmelstor.

Die Mexikaner in ihren blendendweissen Hemden, mit ihren Krawatten und den schwarzen, von breiten Trägern gehaltenen Hosen haben sich mit dem Stolz einfacher Leute fein gemacht und das Haar so poliert, dass jeder Sonnenstrahl ins Schleudern kommt. Die Frauen tragen lange, schlichte Kleider, und die paar Schwarzen stecken in Anzügen, um die sie Adam beneidet hätte. Da ist nichts von der Freizeitschlampigkeit der weissen Mittelschicht. Pastor Elms, im gutgeschnittenen Fischgratjackett, in Oxfordschuhen und mit einem Schlips, auf dem die halbe Space-Odyssee drauf ist, weiss, was er seinem Sprengel schuldig ist. Man ist bereit für den Einzug in die Himmlische Stadt, das Neue Jerusalem der Offenbarung.

Die Gemeinde ist arm - 69 Dollar hat die letzte Kollekte gebracht -, aber es scheint, je weniger das Geld fliesst, desto mehr tut es der Heilige Geist. Ob die Leute lallen, stammeln oder wirre Worte hervorstossen, Zungenreden gilt als Zeichen seiner Gegenwart wie damals an Pfingsten, als «vom Himmel her ein Brausen» kam. Und alle sind sie, wie damals, Brüder und Schwestern - der Fluch von Babel, der Völker und Sprachen verwirrte, ist aufgehoben.

Klingen tut es nicht ganz so. Schliesst man die Augen, glaubt man sich in einer Kneipe, in der Spiritualität mit einem harten Drink verwechselt wird. Viele Drogensüchtige und Alkoholiker - ehemalige, wie es heisst - sind Stammgäste. Sah man die geweiteten Pupillen, konnte man sich fragen, wovon sie wirklich high waren.

In seiner Predigt gab Pastor Elms die Geschichte vom verlorenen Sohn zum besten. Das Publikum war ergriffen, aber als es dann darum ging, für die Mitglieder einer durchreisenden Jugendtheatertruppe Nachtherberge zu finden, hatte er kaum weniger Mühe damit als die Heilige Familie zur Weihnachtszeit. AUCH ROBERT H. SCHULLER profitiert vom Geist - jedoch nicht vom Heiligen, sondern vom eigenen. Der erfolgreichste Tele-Evangelist der Welt, dessen «Hour of Power» rund um den Globus von Utah bis in die Ukraine ausgestrahlt wird, hat Norman Vincent Peales «Kraft des positiven Denkens» mit der frohen Botschaft aufgemöbelt. Was dabei herausgekommen ist, liest sich, als hätte eine Werbebude sich die Bibel vorgeknöpft. Von den Umschlägen seiner 25 Bücher und zahlreichen Broschüren, die Titel tragen wie «Be Happy Today, Always & Forever», lächelt Schullers Dauerlächeln, als sei es mit Gummiriemen hinter den Ohren festgezurrt.

Grund dazu hat er. Der Farmerssohn, der 1955 in einem Autokino in Garden Grove von einer Snackbar herab zu predigen begann, mit 500 Dollar Startkapital und seiner Frau als einzigem Gemeindemitglied, gebietet heute über ein Familienimperium von Multimillionären. Und es ist nicht so, dass man das nicht sehen soll. Schullers sternförmig angelegte Crystal Cathedral in Orange County vis-à-vis von Disneyland, 1980 eingeweiht, ist ein Werk von Philip Johnson, dem Doyen der Architektur in den USA. Mit ihren dreissigtausend im Sonnenlicht gleissenden, in Stahl gefassten Glasscheiben, ihrem Altar aus rotem spanischem Marmor und dem Wassergraben mit den zwölf die Apostel symbolisierenden Springbrunnen im Mittelgang ist das Juwel ein Beleg dafür, wie es auch aussehen kann, wenn das Wort Fleisch wird. Jede der 16 823 Pfeifen der Orgel, natürlich die grösste der Welt, pfeift das Lob ihres Herrn, und der Turm aus poliertem Stahl glänzt gerade wie ein Cruise Missile. Schuller, reformiert und im Gegensatz zu anderen Fernsehpredigern unpolitisch, zählt zwar nur rund 11 000 Mitglieder in seiner Gemeinde. Aber die Milliardäre und Millionäre darunter wissen es ihm zu danken, wenn er nicht müde wird ihnen zu versichern, dass sie mitsamt ihren Jachten, Villen und Privatjets bequem durchs Nadelöhr gehen.

Was Schuller dieser Welt zu sagen hat, hört diese Welt gern. Bevor man seinen Nächsten liebt, wie Jesus es fordert, muss man sich selber lieben, und da dies genug zu tun gibt, lässt man es damit auch meist bewenden. Golf, Scheidungs- und Karriereprobleme sind Themen einer ganzen Reihe von Gruppenkursen, unter denen «Fear of Success Anonymous» diejenigen trösten mag, deren Reich noch nicht gekommen ist.

Es hat etwas Erhebendes, wenn da an einem schönen Sommersonntag Beethovens «Ode an die Freude» angestimmt wird, der schmucke Schwarzenchor singt und die Springbrunnen jubilieren, während das hohe zweiflüglige Glasportal sich öffnet und den Blick auf den Parkplatz freigibt, wo Tausende von glänzenden Limousinen auf ihre Besitzer warten, die drinnen vom Sony-Jumbotron-Videoschirm unter dem Goldkreuz Sprüche lesen dürfen wie «God loves you and so do we». Kürzlich sind die dreitausend Polstersessel ersetzt worden; die ausgedienten hat man den Indianern geschenkt. Darin sitzen sie nun wohl und lesen Bücher von Schuller wie «Success Is Never Ending, Failure Is Never Final».

Mit im Geschäft und designierter Nachfolger des 70jährigen ist Schullers Sohn, der 41jährige Robert A. Schuller, der per Radio predigt und, wenn sein Vater wieder einmal ein erbauliches Wertpapier schreibt, in der Kathedrale Dienst tut. In seinem grauen Ornat mit den drei breiten, goldgefassten schwarzen Ärmelstreifen, mit seinem scharfen Scheitel und den blendendweissen Zähnen hätte er als Rivale von Ken bei Barbie gute Chancen. In seiner Predigt über «Balanced Living» Teil vier - unterbrochen von Werbespots für die Produkte seiner Firma - preist Schuller junior die Wohltaten eines Vollbades und bestärkt seine frischgebadete und shamponierte Gemeinde in der Wichtigkeit der Pflege der Haut, des, wie er sagt, grössten Organes des Körpers. Noch wirkt er wie ein Schauspielschüler, der seine Gestik vom Blatt liest. Er hält sich zugute, zur Macht des Geistes, die sein Vater pries, den Körper hinzugefügt zu haben; die Trinität von Geld, Geist und Wellness darf als Vollendung des Schullerschen Evangeliums gelten.

In der rege besuchten Geschenkboutique der Kirche kann man die Kreationen dieses parfümierten Christentums erwerben. Zurzeit sind Fläschchen mit Salböl Aktion, adrett mit ihren flamingofarbenen Schlaufen und den eingelegten Blüten und Gewürzen. Davor steht ein Reklametäfelchen mit der Passage aus dem Matthäus-Evangelium von der Frau, die Jesus salbte und damit, wie es in der Bibel heisst, «ein gutes Werk» tat.

Allerdings ist nicht die ganze Stelle zitiert, die endet mit Jesus' Prophezeiung an die Jünger: « . . . und dass sie das Öl auf meinen Leib gegossen hat, das hat sie für mein Begräbnis getan.»


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