NZZ Folio 06/10 - Thema: Die Ärzte   Inhaltsverzeichnis

Doppeltes Leid

© Suzanne Schwiertz, Zürich
«Das war ein Behandlungsfehler, für den ­ich die Schuld trage»: Urban Laffer, Chefarzt am Spitalzentrum Biel, bemüht sich darum, seine Patienten ehrlich zu informieren. Linktext
Ärzte, denen ein Behandlungsfehler unterlaufen ist, gelten oft als Kriminelle. Dabei wollten sie eigentlich nur heilen. Zwei Betroffene berichten.

Von Frederik Jötten

Der Anruf, mit dem die Katastrophe ihren Anfang nahm, kam um vier Uhr morgens an einem Samstag im Oktober 1998. Hans Sorg, Landarzt im Bernbiet, hatte an diesem Wochenende turnusgemäss den Notfalldienst übernommen. Die Frau am anderen Ende der Leitung sagte, ihr Mann habe hohes Fieber. Bestimmt eine Grippe, entgegnete Sorg, geben Sie ihm ein fiebersenkendes Schmerzmittel, und kommen Sie um 8 Uhr 30 in die Sprechstunde. So steht es in den Gerichtsakten.

Hans Sorg, der nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden möchte, sitzt in seinem Büro bei einer Versicherung, wo er heute arbeitet. Die Praxis hat er aufgegeben. Der 62jährige spricht leise und bedächtig durch seinen dichten, grauen Vollbart. Die Ärmel seines Hemdes hat er hochgekrempelt, seine Unter­arme sind gebräunt. Fotos an der Wand zeigen, dass er mit seiner Frau gern Skitouren macht und wandern geht. Sorg hat seine Arbeit geliebt, das merkt man, wenn man ihm zuhört. Viele Patienten, sagt er, wollten mehr als Pillen und Salben von ihm. Auf den Abend legte er Termine mit den Menschen, die vor allem reden wollten, über ihre Probleme bei der Arbeit, in der Ehe, mit den Kindern. Weinende Patienten habe er auch schon einmal in den Arm genommen, sagt Sorg.

Wie vereinbart brachte die Frau an jenem Samstagmorgen den fiebrigen Patienten in die Praxis. Er war sehr geschwächt und konnte kaum gehen. Der Mann war 49 Jahre alt, die Frau erzählte, dass er 17 Jahre zuvor die Hodgkin-Erkrankung, eine Form von Lymphdrüsenkrebs, gehabt habe. Während der Therapie musste ihm die Milz entfernt werden, ein Eingriff, das wusste Sorg, der Menschen anfällig für Infekte macht. Er untersuchte Hals, Nasen, Ohren, Herz und Lunge – konnte aber nichts finden. Auch ein Röntgenbild ergab keinen Befund.

Die Frau sagte, Sorg solle ihrem Mann doch Penizillin geben. Der Arzt entgegnete, er könne nicht einfach ein Antibiotikum geben, wenn er noch nicht einmal wisse, was ihr Mann habe. Schliesslich sei eine Grippe wahrscheinlich, wogegen ein Antibiotikum nicht helfe. Er gab dem Mann eine Injektion mit einem fiebersenkenden Schmerzmittel und sagte der Frau, sie solle sich am nächsten Morgen melden oder sobald sich an seinem Zustand etwas ändere. Das war ein Fehler, und er war tödlich.

Sorg erstellt heute medizinische Gutachten. «Ich habe getauscht: geregelte Arbeitszeiten und einen festen Lohn gegen den Verlust des Patientenkontakts und vieler Freiheiten.» An seiner neuen Tätigkeit schätze er vor allem, dass er nun Kollegen habe. «Als Landarzt war ich ein Einzelkämpfer», sagt er.

24 Stunden nach der ersten Konsultation rief die Frau des Patienten in der Praxis an. Das Fieber sei auf 38,5 Grad gesunken, aber es gehe ihrem Mann noch immer schlecht, zusätzlich habe er jetzt noch Schmerzen in der Nierengegend. Sorg bat um eine Urinprobe, konnte darin aber keine Zeichen einer Infektion finden. Er glaubte immer noch an eine Grippe, verordnete ein stärkeres Schmerzmittel und bat die Frau, ihn zu informieren, wenn sich etwas ändern sollte. Um 20 Uhr rief sie wieder an. Sie war wütend, der Zustand ihres Mannes habe sich weiter verschlechtert. Sorg bot an, vorbeizukommen. Die Frau erwiderte, sie wollten lieber am nächsten Tag zu einem anderen Arzt gehen. Sorg sagte, sie solle ihren Mann bitte sofort ins Spital bringen. Das tat sie nicht. Erst um 0 Uhr 45, der Mann war kaum noch bei Bewusstsein, wurde er als Notfall ins Krankenhaus eingeliefert. «Warum bloss sind Sie nicht früher gekommen?» fragte der aufnehmende Arzt. Man verabreichte direkt starke Antibiotika, doch es war zu spät. Der Patient hatte eine akute Blutvergiftung, die Organe waren befallen, drei Wochen später starb er.

Hans Sorg auf dem Nachhauseweg. Die untergehende Sonne spiegelt sich auf den Schienen, eine Weiche schickt die Züge in zwei Richtungen. «Es hat etwas mit Glück zu tun, wenn einem als Arzt nie so ein schwerwiegender Fehler passiert», sagt er. Viele Menschen habe er sterben sehen. «Aber nur einmal hatte der Tod eines Patienten mit einem Fehler von mir zu tun», sagt er. «Ich habe nächtelang kaum geschlafen.» Die Frau des Patienten rief an, beschimpfte ihn, kurze Zeit später reicht sie eine Klage ein.

Den meisten Ärzten unterläuft in ihrer Karriere ein Behandlungsfehler. 92 Prozent von 3000 Medizinern aus den USA und Kanada gaben 2003 in einer Befragung an, diese Erfahrung gemacht zu haben, 57 Prozent berichteten von einem Fehler mit schwerwiegenden Folgen. Die Hälfte jener Mediziner leidet danach an Schlaflosigkeit, zwei Drittel leben in ständiger Angst, wieder einen Irrtum zu begehen. Selbst wenn ein Schaden gerade noch verhindert werden konnte, arbeiten über 50 Prozent der Ärzte nach dem Vorfall in ständiger Furcht, wieder einen Fehler zu machen. Dabei sind sie meistens nicht allein verantwortlich – oft sind Systemfehler entscheidend: Stress, Überarbeitung, Missverständnisse in der Kommunikation.

Im Spitalzentrum Biel macht sich Chefarzt Urban Laffer auf den Weg in den Operationssaal. Einer Frau, die sich suchend umschaut, zeigt er den Weg, überall grüsst er lächelnd. Laffer ist Professor und angesehener Chirurg, aber auch ihm ist schon einmal ein gravierender Fehler unterlaufen. Während seiner chirurgischen Facharztausbildung arbeitete er in einem kleinen Spital. Eine Frau mit Gallensteinen wurde eingeliefert, der Chefarzt entschied, dass die Gallenblase entfernt werden sollte. Laffer durfte operieren. Er durchtrennte einen Gang, entnahm die Gallenblase. Alles schien gutgegangen. Doch am nächsten Tag hatte die Frau Schmerzen und eine gelbe Gesichtsfarbe. Sie wurde geröntgt – und es zeigte sich, dass Laffer nicht wie geplant den Gallenblasengang durchtrennt hatte, sondern die lebenswichtige Verbindung zwischen Leber und Darm. «Das war ein Behandlungsfehler, für den ich die Schuld trage», sagt Laffer. «Die Anatomie bei der Frau war ungewöhnlich. Es gab bei ihr keinen Gallenblasengang, deshalb habe ich ihn nicht gefunden und stattdessen den falschen Gang durchtrennt.» Ausserdem sei er noch kein erfahrener Operateur gewesen.

Es gibt keine verlässlichen Zahlen über Behandlungsfehler an Schweizer Kliniken. Die Schweizer Stiftung für Patientensicherheit, eine Organisation, die sich zur Aufgabe gemacht hat, die Zahl der Behandlungsfehler zu senken, schätzt, dass in der Schweiz jährlich 700 bis 1600 Menschen durch Behandlungsfehler in Spitälern sterben. Das ergäben Rechnungen, basierend auf Studien aus Ländern mit vergleichbaren medizinischen Standards. Über Fehler in Arztpraxen gibt es keine Statistik, weder aus der Schweiz noch aus anderen Ländern. Allerdings geht man davon aus, dass durch niedergelassene Ärzte weniger Menschen geschädigt werden als in Krankenhäusern.

Im OP-Trakt des Spitals Biel läuft diesmal alles wie geplant. Urban Laffer reibt sich die Unterarme mit Desinfek­tionsmittel ab. Durch ein Bullauge sieht er, wie der Patient, den er gleich mit seinem Oberarzt operieren wird, narkotisiert wird. Ihm wurde vor zwei Monaten ein Dickdarmkarzinom entfernt. Damit die Naht heilen konnte, hatte man dem Mann einen künstlichen Ausgang gelegt: Es wurde ein Loch in die Bauchdecke geschnitten, der Darm durchtrennt und das Ende an der Öffnung festgenäht. Jetzt ist die Wunde im Dickdarm verheilt, der künstliche Ausgang soll geschlossen werden. Dazu muss zunächst der Darm wieder zusammengenäht werden. Zieht der Operateur die Fäden nicht fest genug an, kann die Naht sich öffnen, eine Blut­vergiftung droht.

Die Tage nach seinem Fehler als Assistenzarzt beschreibt Laffer als schreckliche Zeit der Schuldgefühle. Seine Frau und die Kollegen hätten ihn gestützt. Mit dem Chefarzt ging er zur Patientin und berichtete ihr von dem Fehler. Sie reagierte gefasst. Vier Tage später fuhr Laffer mit ihr nach Basel, wo ein bekannter Spezialist für Rekonstruktionen der Gallengänge arbeitete. Dem assistierte Laffer bei der Operation. Nach einem halben Jahr war die Wunde verheilt, die Patientin genesen.

«Wichtig ist, dass man dem Patienten offen schildert, was passiert ist», sagt Laffer. Streit und Gerichtsverfahren gebe es meistens, wenn Mediziner versuchten zu vertuschen. Auch in seiner Klinik habe es Behandlungsfehler gegeben, so sei vor wenigen Jahren bei einem Patienten übersehen worden, dass ein Schultergelenk ausgerenkt gewesen sei. «Ich habe mich entschuldigt bei dem Patienten, wir haben seine Mehrkosten, zum Beispiel für die Physiotherapie, übernommen», sagt Laffer. «Hätten wir das nicht gemacht, würden wir vielleicht heute noch prozessieren.»

Er zieht die OP-Maske über, tritt an den Operationstisch, gegenüber steht der Oberarzt. «Time-out – ich habe hier den Patienten Kurt Maier, dem wir den künstlichen Darmausgang entfernen», sagt er. «Ich habe auch den Kurt Maier, dem wir den künstlichen Darmausgang entfernen», sagt der Anästhesist. Das «Time-out» ist das letzte Glied eines vierstufigen Sicherheitschecks, um Verwechslungen im Operationssaal zu vermeiden. Es wurde auf Basis interna­tionaler Konzepte von der Stiftung für Patientensicherheit entwickelt. Laffer arbeitet mit der Organisation zusammen und hat das System in der Bieler Klinik eingeführt.

Der Sicherheitscheck beginnt damit, dass der Patient bei der Ankunft im Spital nicht mehr mit seinem Namen angesprochen wird, sondern mit «Guten Tag, wie heissen Sie?» «Viele Patienten sind so aufgeregt, wenn sie eingeliefert werden, dass sie auch auf ‹Müller› antworten, wenn sie Maier heissen», sagt Laffer. Beim Aufnahmegespräch wird anhand der Krankenakte der Patient identifiziert. Auf der Station wird dann der Eingriffsort, zweite Stufe, mit einem wasserfesten Stift markiert. Vor der Narkose wird, drittens, durch die OP-Schwester anhand der Krankenakte und eines Gesprächs mit dem Patienten kontrolliert, ob es sich um den richtigen Patienten für den richtigen Saal handelt.

Heute ist Laffer ein Vorreiter für Patientensicherheit – und das hat wohl damit zu tun, dass er früh in seiner Kar­riere erfahren musste, was es für einen Arzt heisst, einen Behandlungsfehler zu machen. Beim Operieren wurde er immer dann langsamer, wenn er sich dem Gallengang näherte. «Mach vorwärts!» raunzten ihn die Oberärzte an. «Ich war einige Male kurz vor der Blockade», sagt Laffer. Mittlerweile hat er in seiner Laufbahn etwa tausend Gallenblasen entfernt. Aber noch denke er jedes Mal an die Frau von damals. Er lacht, schüttelt ungläubig den Kopf. «Wenn ich den jungen Ärzten bei der Operation assistiere, dann sage ich immer: ‹Da unten ist der Gallengang, und da ist die Gallenblase›, damit die mir das noch mal bestätigen, bevor wir den Schnitt setzen.»

Die Bauchnaht ist geöffnet, der Oberarzt zieht ein Stück Dünndarm heraus. Es zischt, wie wenn man ein rohes Ei in eine heisse Pfanne gibt, es riecht nach verbranntem Fett. Laffer hält mit einer Klammer den Darm, der Oberarzt schneidet mit einem Elektrokauter, einem Gerät, das aussieht wie ein sehr dünner Schraubenzieher, der sich durch das Gewebe brennt. Dann lässt sich der Oberarzt Faden und eine Nadel geben. Er näht den Darm zusammen, plötzlich spritzt eine Blutfontäne in die Höhe. Laffer weicht ein Stück zurück. «Hey, hey, da hast du nicht fest genug angezogen», sagt er zu seinem Kollegen. Sein Kittel ist mit Blut besprenkelt. «Du hast die Klemme nicht fest genug gehalten», frotzelt der Oberarzt. Beide lachen, Stressabbau durch Humor nennt Laffer das. Die Blutung ist gestoppt, der Routineeingriff geht ohne Probleme zu Ende.

Von seinem Büro aus ruft Laffer die Frau des Patienten an, um ihr zu sagen, dass die Operation gut verlaufen sei. Vor vier Jahren hat er im Spitalzentrum Biel das «Critical Incident Report System» (CIRS) eingeführt, ein Computerprogramm, mit dem anonym Beinahefehler in Kliniken erfasst werden können. «Am häufigsten wurde gemeldet, dass Patienten fast die falschen Medikamente bekommen hätten», sagt Laffer. Menschen mit ähnlichen Namen seien verwechselt worden und Verpackungen, die sich geglichen hätten. Auch seien Namen von Arzneimitteln falsch von der Krankenakte auf die Pflegedokumentation übertragen worden. «Jetzt haben wir überall das Vier-Augen-Prinzip, und die Anzahl dieser Fehler konnte minimiert werden», sagt Laffer, der auch Präsident des Verbands der chirurgisch und invasiv tätigen Ärzte ist.

Die Stiftung für Patientensicherheit betreibt Cirrnet, ein Computernetzwerk, in dem Vorfälle an eine zentrale Datenbank gemeldet werden können. Dort werden sie ausgewertet. Alle Meldungen, die relevant für die gesamte Schweiz sind, können von den 24 angeschlossenen Kliniken eingesehen werden. Ausserdem werden die Ergebnisse ausgewertet und daraus Sicherheitsempfehlungen für die gesamte Schweiz entwickelt. «Durch das System lernen wir Ärzte, über Fehler zu diskutieren», sagt Laffer. «Wir Mediziner müssen davon abkommen, zu meinen, wir würden keine Fehler machen – allerdings müssen die Pa­tienten und die Öffentlichkeit das auch einsehen.»

Hans Sorg sitzt mit seiner Frau Ingrid auf der Terrasse seines Hauses, mit dem Rücken zu der Wand, hinter der einst seine Praxis war. Vor vier Jahren hat Sorg sie aufgegeben, seither gibt es in dem Dorf keinen Arzt mehr. Ingrid Sorg, kurze, blondierte Haare, schwarze Brille, war zehn Jahre lang Sorgs Sprechstundenhilfe, er nennt sie «mein emotionales Gedächtnis». «Es war ein Zusammenbruch», sagt sie. «Wie hätte er nach diesem Urteil weiter als Arzt arbeiten sollen?»

Alle Schriftstücke, die mit dem Prozess zu tun haben, hat Hans Sorg in einem roten Ordner gesammelt. Die Vorladung zur ersten Vernehmung. «Sie werden aufgefordert, im Rahmen des gegen Sie geführten Strafverfahrens wegen fahrlässiger Tötung am 3. November 2000 um 13.30 im Untersuchungsrichteramt als Beschuldigter zu erscheinen», steht da. Das Wort Beschuldigter ist fett gedruckt. Der Prozess fand zweieinhalb Jahre später, am 56. Geburtstag von Hans Sorg, statt. Entscheidend war im Prozess das Gutachten eines Professors für Infektiologie. Darin heisst es: «Das Krankheitsbild der fulminanten Pneumokokkensepsis ohne Primärherd mit disseminierter intravasaler Gerinnung war dem Notfallarzt offenbar nicht bekannt. Die meisten praktizierenden Ärzte haben wegen der Seltenheit dieser Infektion das Krankheitsbild nie selbst gesehen.»

Sorg wurde trotzdem vorgeworfen, er hätte die Blutvergiftung aufgrund der Symptome vermuten und den Patienten sofort ins Spital einweisen müssen. Die Überlebenschance wäre damit von 25 auf 50 Prozent gestiegen. Sorg wurde der fahrlässigen Tötung für schuldig befunden, musste eine Busse von 6000 Franken bezahlen, seine Ver­sicherung 300 000 Franken Schadenersatz an die Angehö­rigen.

Ein Arzt, verurteilt wegen fahrlässiger Tötung, was ist der noch wert, vor seinen Patienten, vor sich selbst?

«Das ist das Schlimmste», sagt Sorg mit gepresster Stimme, «als überzeugter Arzt so verurteilt zu werden.»

Haben Sie einen Fehler gemacht?

«Ich glaube schon. Nichtwissen ist keine Entschuldigung. Ich wusste, dass Menschen mit entnommener Milz anfälliger sind für Infekte. Aber dass auch eine Blutvergiftung vorkommen kann ohne Organbefall, war mir damals nicht bekannt. Die Leute haben Fieber wie bei einer Grippe, man findet sonst nichts.»

Tragen Sie Schuld?

«Ich habe ein schlechtes Gewissen.»

Haben Sie das Urteil verdient?

«Nein, dass die volle Schuld mir angelastet wurde, war nicht gerecht. 36 Stunden nachdem der Patient zu mir gekommen war und ich ihn ins Krankenhaus schicken wollte, ist er ja immer noch nicht gegangen.»

Können Sie verstehen, dass die Frau gegen Sie geklagt hat?

«Ja. Sie wollte Penizillin für ihren Mann und hatte recht, das wäre die richtige Therapie gewesen.»

In einigen Teilstaaten der USA, in Florida und Michigan zum Beispiel, hat man Gesetze erlassen, die es Ärzten erlauben, sich zu entschuldigen, ohne juristisch belangt zu werden. Dort geht die Anzahl der Klagen zurück. In der Schweiz dagegen hat sie in den letzten zehn Jahren, laut der Patientenschutzstiftung SPO, stark zugenommen.

Die Lokalzeitung berichtete über das Verfahren gegen Hans Sorg. Sie nannte zwar seinen Namen nicht, wohl aber das Dorf, in dem er praktizierte – und dort war er der einzige Arzt. Die Patienten sprachen ihn nicht darauf an, aus Respekt, meint Sorg. Es seien nach dem Urteil weniger Menschen in die Praxis gekommen, sagt seine Frau. Er arbeitete weiter, am nächsten Tag, in den nächsten Wochen, Monaten, aber es war nicht mehr das Gleiche. «Er war verunsichert, depressiv – wie sollte er so seine Sicherheit als Arzt behalten?» sagt seine Frau. «Wir sind aus dem Gericht raus, ich habe dich gestützt, und du hast den ganzen Weg geweint. Da ist eigentlich alles kaputtgegangen.»

Der ehemalige Hausarzt blättert durch den Ordner, nach den Prozessakten folgen ein handgeschriebener Fax, auf dem ein Freund schreibt, dass er und seine Familie in Gedanken bei ihm seien und alle Daumen drückten für die Zukunft. Es war eine schwierige Zeit damals, jeder Zuspruch wichtig. Ein Jahr nach dem Urteil begann Sorg bei der Versicherung zu arbeiten, zunächst halbtags, dann, nach zwei Jahren, gab er die Praxis endgültig auf.

Sorg zieht an seiner Pfeife, starrt in die Rauchschwaden. Er sieht aus, wie man sich einen Landarzt vorstellt. Aber er wird keine Patienten mehr untersuchen. Seine Praxis bleibt geschlossen.

Frederik Jötten ist freier Journalist; er lebt in Frankfurt.


Leserbriefe:

Zu Doppeltes Leid - NZZ-Folio Die Ärzte (06/10)

Ist, was rechtens ist, auch immer richtig? In der Verantwortung eines Landarztes, eines Hans Sorg zu stehen, heisst, umfassend tätig zu sein für Menschen, Werden und Vergehen als ständige Begleiter zu erleben, die sich Raum nehmen im eigenen Dasein. Unmittelbar, nie passend, geschehen Brüche, die uns zum Umdenken in nie geplante Richtungswechsel zwingen. Wenn das Gericht Recht spricht, ergeben sich Konsequenzen. Was zählt da die Ebene des Verurteilten? Die Frau des Verstorbenen hat für sich Recht beansprucht und Recht bekommen. Der Volksmund sagt, wer auf Recht poche, setze dadurch den Andern ins Unrecht. Was, wenn es doch so wäre, dass des Menschen Lebens-zeit vorbestimmt ist? Dass keine einzige Lebensuhr nachjustiert werden kann?
Ein Landarzt weniger. Er hat seine Verantwortung sehr ernst genommen. Seine Konsequenz gezogen. Ist die Welt durch seine Verurteilung weiter gekommen, ist sie glücklicher geworden oder hätte es genau diesen "Charakter mit Herz" gebraucht? Vielleicht als Markstein, der Grenzen aufzeigt, an dem keiner vorbeikommt? In Sachen Menschlichkeit werte und urteile noch einmal jeder für sich selbst.
Elsbeth Huggenberger, Dottikon



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