NZZ Folio 06/92 - Thema: Fremdenangst, Fremdenhass   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Jeder von uns

Von  Claudia Kühner

Die grosse Mehrheit der Schweizer sei nicht fremdenfeindlich und nicht rassistisch, beruhigen uns und sich die offiziellen Stellen. Tatsächlich zündet die Mehrheit keine Unterkünfte von Asylbewerbern an und pöbelt auch nicht den Ausländer neben sich ohne Anlass an. Untermauert wird dieser Befund unter anderem von einer kürzlich in einer Schweizer Zeitschrift publizierten Erhebung, nach der 83 Prozent der Befragten fremdenhasserischen Terror verurteilen. Ein bisschen aber ist es mit solchen Umfragen wie mit dem halbvollen und dem halbleeren Glas Wasser. Denn 14 Prozent der Befragten haben «Verständnis» für solche Anschläge, und 59 Prozent sind der Auffassung, das Boot sei voll. Das sind nicht wenige.

Aus solchen Zahlen schon blanken Rassismus herauszulesen würde allerdings in die Irre führen. Immerhin zeigen sie aber, dass Ablehnung des Fremden weit verbreitet ist. Würde man noch allgemeiner nach dem Verhältnis zu den Fremden fragen, ergäbe sich wohl, dass ausnahmslos jeder den Abwehrreflex kennt. Das werden nun manche weit von sich weisen. Doch diesen Reflex nicht zur Kenntnis zu nehmen oder sich in multikulturellen Schwärmereien zu verlieren tut der Sache nichts Gutes. Denn verdrängte Wahrheiten gehen im Unbewussten ihrer eignen Wege. Mehr noch, wer vom Fremden nur fasziniert sei, könne unbewusst viel dazu beitragen, es gerade zu zerstören, sagt der Psychoanalytiker Mario Erdheim im Gespräch mit uns. Auf den bewussten Umgang also kommt es an, darauf, sich mit dem Unbequemen überhaupt auseinanderzusetzen. Dazu gehört auch, dass sich die Verantwortungsträger nicht mehr an Beschwichtigungsformeln klammern, sondern die Dinge beim Namen nennen.

Und ein Weiteres lässt sich sagen, belegt durch sozialwissenschaftliche Forschung: Fremdenfeindliche Vorurteile nähren sich nicht aus der Realität - sonst wären es ja keine. So rührt denn auch der Eindruck vom «vollen Boot» kaum von persönlich erlebter Enge und Bedrängnis her und auch nicht von persönlichen Kontakten mit Ausländern. Genauere Kenntnis des Fremden führt nämlich meist zum Abbau feindlicher Gefühle. Nützen kann ausserdem, wie immer, auch hier das Lesen.


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