KAUM ETWAS PRÄGT die Geschlechterbeziehungen mehr als die Nachahmung des Geburtsvorgangs durch Männer. In der Literatur und in theologischen, wissenschaftlichen und philosophischen Werken beschreiben männliche Autoren seit eh und je männliche Kulturtaten, Produkte, Konzepte und Theorien mit Hilfe von Bildern des Gebärens leiblicher Kinder oder geistig geschaffener, aber als lebendig phantasierter Körper. Lange kam keiner auf die Idee, diese Aussagen wörtlich zu nehmen und auf ihren Effekt auf das Geschlechterverhältnis hin zu befragen. Die Varianten des Mannes, der Gebärfähigkeit der Frau eine Ersatzleistung entgegenzustellen, blieben bis in unser Jahrhundert hinein praktisch unbeachtet. Das unnatürliche geistige und soziale Gebären der Männer erscheint für die zählebige ungleiche Aufgabenverteilung der Geschlechter entscheidender als die Tatsache, dass Frauen die Kinder bekommen.
Die Ethnologin Margaret Mead und der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim waren die ersten, die auf das Phänomen der männlichen Nachahmung weiblicher Körperfunktionen aufmerksam machten. Es sollte aber einige Jahrzehnte dauern, bis das Thema wissenschaftlich und gesellschaftlich entdeckt wurde. Inzwischen hat sich die neuere feministisch orientierte Forschung des «Gebärneids» angenommen. Sie weist ihm fundamentale Bedeutung zu und sieht in ihm einen Hauptgrund für die asymmetrische Beziehung der Geschlechter.
Wir blicken auf viele Jahrhunderte ausschliesslich männlicher Beschäftigung mit dem weiblichen Körper und der weiblichen Seele zurück. Nun dreht die feministische Wissenschaft den Spiess um und wendet sich dem Mann als dem dunklen Kontinent zu.
Die Konjunktur der neuen Betrachtungsweise lockt seit neuem auch Männer auf den Plan. Endlich scheinen sie - so wie sie seit der Antike bis zu Freud ad nauseam alle Defizite der Menschheit der Frau anlasteten und nicht müde wurden, sie als Mängelwesen zu beschreiben - eine Einsicht in ihre eigenen stammesgeschichtlichen Unzulänglichkeiten und psychischen Defizite gegenüber der Frau zu gewinnen. So sind sie, zusammen mit den Frauen, mit von der Partie, wenn es darum geht, Quellen neu zu lesen, die für die heutige Sicht auf die zahlreichen Ausdrucksformen des Gebärneids relevant sind.
Dass Vorstellungen von männlichem Gebären und männlicher Mütterlichkeit in vielen Kulturen der Welt eine zentrale Rolle für die Polarisierung der Geschlechter und damit das gesamte gesellschaftliche Leben spielen, ist ein vielfach belegtes, bisher allerdings kaum fokussiertes Faktum. Der Ritus der Aufnahme in einen Geheim- oder Kriegerbund zum Beispiel ist mit einer ausgeprägten weiblichen Symbolik verbunden und ahmt oft drastisch den natürlichen Geburtsvorgang nach. Männer scheinen nahezu universell das Kind, das die Frau zur Welt bringt, als unvollständig anzusehen. Erst wenn sie es verändern, sozusagen nachgeburtlich behandeln, etwa durch Beschneidung, Taufe, Kommunion, Konfirmation, Schinderei beim Militär usw. wird das unfertige Wesen durch die sogenannte soziale Geburt durch Männer vollendet und ein vollgültiger Mensch.
Die griechische Mythologie liefert uns das grandiose Beispiel der Geburt der Athene aus dem Kopf des Zeus. Die älteste Version stammt von Hesiod, der um 700 v. Chr. seine Theogonie verfasste, ein grossartiges Gesamtsystem der griechischen Götterwelt, das die verwirrende Fülle von Abstammungen ordnet und deutet und in das sich vorgriechische Mythen in unverhohlen propagandistischer Absicht verweben. Als Ziel dieser Konzeption gilt die theologische Rechtfertigung des herrschenden Zeus als Gott der Gerechtigkeit. Laut Hesiod erzählen Athenes eigene Priester im Tempel von Athen die folgende Geschichte über ihre Geburt: Zeus begehrte die weise Titanin Metis zur Geliebten. Aber aus Furcht, ein Kind, das sie gebären würde, könnte ihn stürzen, wie es das Orakel der Gaia vorausgesagt hatte, verschlang er sie. Nun sass sie in seinem Bauch und, so behauptete er, gab ihm Ratschläge. Nach einer Weile plagten ihn auf einem Spaziergang am Tritonsee in Libyen plötzlich heftige Kopfschmerzen, als ob ihm der Schädel zerspringen wollte. Sein Schmerzgeschrei rief Hermes herbei, der sofort die Sachlage erkannte und Hephaistos befahl, mit Hammer und Keil den Schädel des Zeus zu öffnen. In kriegerischer Rüstung von schimmerndem Gold entsprang ihm mit einem Schlachtruf auf den Lippen das Mädchen Athene.
Das Dogma von der Geburt aus dem Kopf des Zeus hat sich mit der ikonographischen Unterstützung der schwarzfigurigen Vasenmalerei durchgesetzt und ist auch bei uns bis auf den heutigen Tag unumstritten. In einschlägigen Lexika heisst es immer nur knapp, Athene sei die Tochter des Zeus.
Zeus war nach einer späteren Überlieferung ein zweites Mal schwanger. Bei der Begegnung von Göttern mit sterblichen Frauen in der griechischen Mythologie endet die Beziehung oft mit den Leiden oder der Vernichtung der Frau, so auch die von Zeus (in Gestalt eines Sterblichen) mit der von ihm geschwängerten thebanischen Königstochter Semele. Als sie ihn zwingt, seine wahre Identität zu enthüllen, tötet er sie mit einem Blitzstrahl, entnimmt ihrem Leib den sechs Monate alten Embryo und pflanzt ihn in seinen Oberschenkel ein. Nach drei Monaten gebar er Dionysos.
Durch das zweifache Gebären des Zeus, das heisst durch die Geburt der Athene und des Dionysos aus einem Mann, ist, so schreibt die Altphilologin Sarah Pomeroy, der Beweis erbracht, «dass der Vater der eigentliche, wahre Elternteil eines Kindes ist». Wie um diese Auffassung noch zu bestärken, lässt Hesiod auch Aphrodite auf Männerweise zur Welt kommen: Sie wurde aus dem Schaum des Meeres geboren, der sich um die abgeschnittenen Genitalien des Himmelsgottes Uranos angesammelt hatte. In seinem gesamten Wirken verweigert Zeus den Frauen jegliche Macht und macht ihnen sogar ihren Alleinanspruch auf die Mutterschaft streitig.
Die Bezeichnung männliche Allmachtsphantasie - oder besser: Geburtsphantasie - trifft auch auf die biblische Genesis zu, die die Grundlage der Geschlechterbeziehung in der abendländischen Kultur bildet. Immerhin hat Gott im ersten Schöpfungsbericht Mann und Frau nach seinem Ebenbild geschaffen, wenngleich die Frau erst lange nach dem Mann. Im zweiten Schöpfungsbericht wird - in Umkehrung zur Biologie - die Frau zum Produkt des Mannes. Aber bereits die Erschaffung Adams ist eine Geburt durch den männlichen Gott. Nach jüdischen Kommentatoren wurde die Erde auf Gottes Befehl von Adam entbunden. Weitere Kommentatoren bemühen ebenfalls das Bild der Schwangerschaft, um die ungeheuerlichen Vorgänge der Schöpfung zu veranschaulichen: «Die Elemente Feuer, Wasser, Luft und Dunkel vereinigten sich im Schoss der Erde, um Lebewesen hervorzubringen, doch obschon alle ihre Abkömmlinge am ersten Tag empfangen wurden, erschienen die Pflanzen am dritten Tag, die Meerestiere und Vögel am fünften Tag und das Landgetier und der Mensch am sechsten Tag.»
Nach der hebräischen Überlieferung war Adam eifersüchtig auf die sich liebenden Tiere, die alle paarweise erschaffen worden waren, und paarte sich aus Einsamkeit mit ihnen. Er fand dies jedoch unbefriedigend und bat Gott um eine passende Gefährtin. Nach einigen vergeblichen Versuchen schuf Gott Chawah. Er liess Adam in einen tiefen Schlaf fallen, entfernte eine seiner Rippen, formte sie zur Frau und verschloss die Wunde. Gott schmückte die Frau wie eine Braut, und Adam war entzückt. Adam gab ihr den Titel «Mutter alles Lebenden», eine alte Bezeichnung für die Muttergöttin.
Unter bewusster Veränderung des alttestamentarischen Gedankens der Erschaffung der Eva aus der Rippe schuf man im 11. Jahrhundert nicht von ungefähr das Bild einer Geburt der Eva aus dem Leib Adams. Erfinder dieses Bildes war der namenlose Schöpfer der Bronzetafeln des Domportals in der süddeutschen Bischofsstadt Augsburg. Dort erschien zum erstenmal eine merkwürdige Hieroglyphe, die drei in enger Beziehung stehende Figuren abbildet, zwei Männer und eine halbe Frau, denn von ihr sieht man nur den Oberkörper. Der Rest ihres Körpers ist noch im Inneren eines der beiden Männer verborgen.
Das Bild, das nicht der biblischen Erzählung folgt, sondern die Schöpfung in eine Geburt verwandelt und damit die Rollen von Mann und Frau umkehrt, hätte nicht so erfolgreich sein können, wenn es die kirchliche Hierarchie nicht gebilligt und mit der Glaubenslehre für vereinbar gehalten hätte.
So wurde in Predigten und Bibelkommentaren die praktische Anwendung des neuen Bildprogramms als gottgewollt und vor allem natürlich empfohlen. In einem der populärsten Bibelkommentare des 12. Jahrhunderts heisst es: «Eva ging aus der Seite des schlafenden Adam hervor, damit deutlich werde, dass einer - das heisst der Mann - zu befehlen habe und dem anderen - das heisst der Frau - befohlen werden müsse.» Indem man zur Rechtfertigung dieses Abhängigkeitsverhältnisses das Bild der Geburt wählte, gab man der Überzeugung Ausdruck, «dass die Geburt Gewalt über das Kind verleiht», wie Roberto Zapperi es in seinem Buch «Der schwangere Mann» sagt. Die Wahl dieses Bildes enthält das Eingeständnis, dass die Frau als die tatsächlich Gebärende Gewalt über den Mann besitzt.
Mit der Umkehrung allein kann es also nicht getan sein; eine Umwertung musste folgen. Jede auf männliche Werte gegründete Gesellschaft ist bestrebt, der Vaterschaft ein selbstverständlich erscheinendes Primat einzuräumen, indem sie die biologischen Fakten der Zeugung verschleiert oder leugnet. Den Samen bei der Zeugung für wichtiger zu halten als das Gebären und Stillen war unerlässlich für die Schlussfolgerung, dass das Kind dem Vater und nicht der Mutter gehört.
Die symbolische Darstellung der Geburt der Frau durch den Mann stellt die natürliche Zeugungsordnung auf den Kopf, um den gewünschten Herrschaftsverhältnissen überzeugend Ausdruck zu verleihen. Sie führt vor Augen, dass in der Familie nicht die Frau, sondern der Mann zu befehlen habe. Auf diese bequeme Weise stellte man ein Verhältnis als natürlich und biologisch richtig dar, das in Wahrheit ein gesellschaftlich gewolltes war. Das ikonographische Schema der Geburt Evas fasst in einem einzigen Bilde die ganze christliche Philosophie der Macht zusammen, einer Macht, die, ausgehend von der Familie, alle gesellschaftlichen Beziehungen prägt.
Gisela Völger ist Ethnologin und Anthropologin. Sie leitet das Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln.