DIE BAUWUT der vergangenen Jahrzehnte hat auch im Tessin Spuren hinterlassen. Zwar ist es Luigi Snozzi in Monte Carasso gelungen, der Vorstadt von Bellinzona ein Zentrum und damit ein Gesicht zu geben; doch zeitigte das Vorbild lange kaum Auswirkungen. Bis 1991 Iragna, eine kleine Gemeinde im Tal der Riviera, beschloss, einen neuen Municipio sowie eine Turn- und Mehrzweckhalle zu errichten. Die Wettbewerbsjury prämierte daraufhin das Projekt des heute 42jährigen Locarneser Architekten Raffaele Cavadini, das - ausgehend von einer Analyse der urbanistischen Strukturen des Dorfes - nach übergreifender Ordnung strebte.
Indem Cavadini das Gemeindehaus wie eine Mauer zwischen die Schule und die Kirche fügte, gelang es ihm, eine intime Piazza zu schaffen, den zuvor etwas beliebigen Grünraum hinter dem Gebäude zu einem kleinen Park zu schliessen und zugleich den Nordeingang des Dorfes neu zu definieren. Damit entstand, in Ergänzung zu den beiden bereits bestehenden Plätzen, ein weiteres Dorfzentrum, das - ganz im Sinne von Cavadinis einstigem Lehrer Aldo Rossi - durch ein komplexes Beziehungssystem zwischen Municipio, Schule, Pfarrhaus, Kirche und Friedhof bestimmt wird.
Cavadini, der schon mit einem strengen Wohnblock im alten Teil von Gerra Piano demonstrierte, wie man mit der städtebaulich intelligenten Setzung eines Gebäudes die gewachsene Siedlungsstruktur sinnvoll ergänzt, vermochte mit seinen Ideen die Leute von Iragna zu begeistern. Sie gestatteten ihm daher noch zwei weitere Eingriffe, um das urbane Gewebe zu festigen und dem Dorf die innere Geschlossenheit zurückzugeben: So schuf er nicht nur einen Platz vor dem Municipio am Nordeingang des Dorfes. Er verlieh auch dem bestehenden am Südeingang ein neues Aussehen, indem er in dessen Mitte eine durch vier Stelen akzentuierte Plattform realisierte.
Das in seiner archaischen Geschlossenheit wohl stärkste Stück aber ist die winzige Abdankungskapelle aus Granit, Beton und Glas, die mit der neuen Friedhofsmauer verschmilzt und einen Hortus conclusus bildet, über dem Carlo Scarpas Geist zu schweben scheint. In Cavadinis System der inneren Zusammenhänge bildet die Kapelle den einen Gegenpol zum romanischen Campanile. Der andere ist der Municipio, der - ebenfalls vom Stein der Gegend geprägt - das schon bei der Friedhoferweiterung angeschlagene Thema der Mauer reflektiert.
Cavadini versuchte aber nicht nur über die urbanistische Struktur den Bezug zum Kontext zu finden. In der Auseinandersetzung mit den lokalen Gegebenheiten gelang es ihm zudem, den Geist des Ortes zu ergründen. Sein Municipio legiert Erinnerungen an die klassische Moderne mit der harten Sprache des Granits und interpretiert dadurch die traditionellen Bauformen des südalpinen Raums ganz neu. Wie bei anderen Gemeindehäusern dieser Gegend führt eine Treppe zum Eingang über einem Sockel. Hinter dessen marmorweissem Beton verbirgt sich zum Hang hin die Haustechnik, dieweil ein mit Glasbausteinen transparent gefasster Mehrzwecksaal sich zum rückwärtigen Park hin öffnet.
Wirkt die Anordnung der Innenräume im Hauptgeschoss mit Schalter und Ratssaal sowie im Obergeschoss mit Gemeindesaal, Büros und Archiven eher konventionell, so lässt sich die Erschliessungszone mit der von einem grossen Oberlicht erhellten zweigeschossigen Eingangshalle als raffinierte Variation des urbanistischen Themas lesen. Hier, bei den beiden oberen Geschossen, sind die tragenden Betonwände am Aussenbau mit bläulichen Granitquadern aus den lokalen Steinbrüchen verkleidet. Dieser optisch schwere Aufsatz scheint dadurch über dem hellen Sockel zu schweben oder zumindest in einem dem Gesetz des Hebelarms gehorchenden Balancezustand zu verharren.
Durch seine Lage, aber auch durch Treppen, Mauern und die Pflästerung ist dieses eigenwillige Gebäude fest in dem durch die Nachbarbauten vorgegebenen Gewebe verankert. Die Versatzstücke der ruralen Baukunst dienen aber auch als städtebauliche Prämissen. So inszeniert Cavadini eine oberhalb des Municipio gezogene Mauer als Sockel der Kirche; und der der Strasse folgende Granitwall soll dereinst ein Belvedere zwischen Municipio und Turnhalle bilden. Auch wenn deren Realisierung noch aussteht, so bleibt sie doch als Eckpfeiler des Gesamtkonzepts unerlässlich, das durch eine Folge öffentlicher Räume entlang der alten Durchgangsachse geprägt ist.