NZZ Folio 11/92 - Thema: Geheimdienste   Inhaltsverzeichnis

Häuser, Häuser -- Ein Zelt für Grossstadtnomaden

Von Roman Hollenstein

Architektonische Juwelen sucht man kaum in Vaise, einem durch Kleinfabriken, Wohnbauten und Ödland geprägten Boomgebiet von Lyon. Um so merkwürdiger erscheint in diesem urbanistischen Gewirr die beige Zeltkonstruktion, die sich wie ein Gleitschirm hinter hohen Strassenmauern aufbläht. Dieses Gemäuer begrenzte einst den Garten des alten Pfarrhauses, das heute den Perraudins, dem kreativsten Architektenteam der Stadt, als Studio dient. Davor - im Schatten mächtiger Platanen - haben die 37jährige Françoise-Hélène Jourda und der 1949 geborene Gilles Perraudin für sich und ihre vier Kinder mit bescheidenen Mitteln ein Haus errichtet.

Das Manifest aus Glas, Stahl, Holz und Tuch ist eine umweltgerechte Konstruktion, die fern an ein Nomadenzelt erinnert - neu interpretiert für das Leben in der Grossstadt. Die Lösung müsste nicht nur den Iglubauer Mario Merz begeistern, sondern ebenso den Architekturasketen Toyo Ito. Scheint doch der Geist von Zen über dieser Licht atmenden, naturbezogenen Konstruktion zu schweben, die sich zur Sonne und zum Kosmos öffnet: ganz ähnlich wie die Katsura-Villa in Kyoto, die schon den Grossen der Moderne Vorbild war.

Archetypische Bauformen faszinieren das Architektenpaar, das zeitgleich mit seinem extravertierten Zelthaus auch die dämmrige Piranesi-Höhle der Metrostation von Lyon-Parilly realisierte. Deren nach innen orientierter Raum klingt in den beiden Aufbauten nach, die jüngst das Haus in Vaise erhielt. Mit diesen wie Schwalbennester aufgesetzten Schlafhöhlen, in deren tonnengewölbten Wänden sich nur winzige Bullaugen öffnen, beweisen die Perraudins, dass selbst Stararchitektur, den wechselnden Ansprüchen gehorchend, sich ganz familienfreundlich verändern kann. Ihr Haus vergleichen sie denn auch mit einem Lebewesen, das wächst, das altern und auch sterben darf. Deswegen verwenden sie leicht rezyklierbares Material. Ökologische Interessen geboten weiter einen möglichst minimalen Eingriff in die Natur. Dies sparte zudem Geld und Zeit, so dass das Anfang 1987 konzipierte Haus bereits im Frühherbst desselben Jahres in seiner Urform vollendet war.

Statt einer aufwendigen Unterkellerung tragen kleine Betonsockel die vorfabrizierte Metallstruktur, über die das Zelt in einem Arbeitstag sich spannen liess. Darunter wurde in wenigen Wochen die auf einer Plattform über dem Erdreich schwebende Bungalow-Box aus Glas und Sperrholz so installiert, dass sie nunmehr problemlos aufgestockt werden konnte.

Die baumförmige Tragkonstruktion des Zeltes ist eine Wachstumsmetapher, die die Perraudins jüngst in den vegetabilen Formen der Strassenleuchten und Metroeingängen der Stadt wieder aufnahmen. Zwar kamen in Vaise architektonische Konzepte zur Anwendung, die sie für das nicht realisierte Pariser Projekt der Cité de la Musique entwickelt hatten. Gleichwohl steht das Haus konstruktiv ganz klar in der Metallbautradition von Jean Prouvés Experimentalhäusern.

Mit seinem Schwebedach und der japanisch transparenten Fassade weiss es sich aber auch Le Corbusiers Zürcher Pavillon und Mies van der Rohes Farnsworth House verpflichtet. Nur dass sich in Vaise zu den Errungenschaften der Moderne umweltgerechte Baumethoden gesellen, die das Team gegenwärtig in einem Stuttgarter Ökoprojekt perfektionieren kann. So fängt das nach Süden völlig verglaste, sonst aber hermetische Gebäude die Wintersonne ein. Zusammen mit einer mobilen Elektroheizung erwärmt sie das Haus gerade so weit, dass in ihm der Lauf der Jahreszeiten noch spürbar bleibt.

Gibt sich das Haus zum Garten hin wie ein Glasschrein, so gleicht es vom rückseitigen Platanenhof aus gesehen einer langen Zigarrenkiste. In der fensterlosen Sperrholzwand, hinter der sich Nasszellen und Wirtschaftsräume befinden, öffnet sich der Eingang. Er gibt sogleich den Blick frei auf den durch zwei Tonnengewölbe ausgezeichneten Salon. Dieser wirkt durch die Bibliotheksnische und die cockpitartige Küche, die wie eine Insel im Wohnbereich zu schwimmen scheint, noch geräumiger.

Nach Westen an den Wohnraum schliesst - durch eine Glaswand abgetrennt - das Büro an, über dem gegenwärtig der zweite gewölbte Aufsatz, das neue Elternzimmer, errichtet wird. Damit gehört demnächst der ganze Ostbereich mit den beiden ebenerdigen Räumen und der 1991 unter dem Segel eingefügten Schlaftonne den Kindern.

Schiebetüren gewähren allenthalben Zutritt zur zeltüberdachten Plattform. Als Übergangsbereich zwischen Haus und Garten bietet sie Aussenräume für die schöne Jahreszeit und geschützte Spielplätze.

Plattform und Sonnensegel sind aber mehr als nützliche Bestandteile des Hauses. Sie verleihen zudem diesem funktionalen Gebäude Leichtigkeit und eine sanfte Poesie. Das für moderne Grossstadtnomaden gebaute, zur urbanen Natur hin offene Haus ist deswegen auch keine Burg gegen Wind und Wetter. Vielmehr ein Wohngefäss, dass sich dem Dialog mit der Umgebung nicht verschliesst.


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