NZZ Folio 11/07 - Thema: Schuhe   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Ins Netz gegangen

© Frank Krahmer / zefa / corbis ...
Einige Dutzend Meter Faden pro Stunde: Die Kreuzspinne ist die beste Netzbauerin. Linktext
Wir ekeln uns vor Spinnen, statt sie als tüchtige Insektenfänger zu lieben – und als Baumeistervon raffiniert konstruierten Netzen zu bewundern.

VonHerbert Cerutti

Wandern wir im Wald zwischen hohen Sträuchern, empfinden wir es als lästig, wenn uns plötzlich ein Spinnennetz am Gesicht kleben bleibt. Das Spinnennetz an der Wohnzimmerdecke wird von der Hausfrau als Zeichen mangelnder Reinlichkeit erkannt und umgehend mit dem Besen weggewischt. Spinnen werden vom Menschen meist als Gefahr gesehen. Man zerstört ihre Netze und zerquetscht die Tiere, falls sie sich fangen lassen.

Diese archaische Spinnenangst ist unbegründet. Denn obwohl die meisten der 40 000 Arten von Spinnen giftig sind, können nur wenige Dutzend mit ihren Giftklauen die menschliche Haut durchdringen. Die beim Biss injizierte Giftmenge lähmt und tötet in der Regel nur Insekten und anderes Kleingetier. Selbst unter den riesigen Vogelspinnen sind die allermeisten Formen höchstens für eine Eidechse oder für einen kleinen Vogel gefährlich. In Europa, etwa in den warmen Zonen des Mittelmeerraums, ist es allenfalls die Schwarze Witwe, die mit ihrem Nervengift Menschen schädigen kann und in wenigen Prozent der Fälle zu Tode bringt. Wie fast alle Spinnen flieht jedoch auch die Schwarze Witwe vor dem Menschen und setzt ihre Waffen gegen den grossen Zweibeiner nur als Verteidigung ein.

Spinnen sind als tüchtige Insektenfänger vielmehr ein Segen. Ihr Netzbau mit seinen konstruktiven und materialtechnischen Finessen ist erst in den letzten Jahrzehnten genauer untersucht worden und weckt höchste Bewunderung. Die wohl urtümlichsten Netze bauen Taranteln und Falltürspinnen. Die in einem ­Bodenversteck hausenden Tiere kleiden ihre Wohnung mit einer Tapete aus Seidenfäden aus und verknüpfen die unterirdische Hülle mit einer Serie von Stolperfäden, die rund um den Bau an der Oberfläche liegen. Berührt nun ein spazierender Käfer einen der Stolperfäden, ermittelt die im Loch lauernde Spinne aufgrund der lokalen Erschütterung ungefähr den Ort und die Grösse der möglichen Beute und sucht mit einem Blitz­angriff das Jagdglück.

Aus dieser Netztechnik, die schon die frühsten Spinnen vor gegen 400 Millionen Jahren gekannt haben, entwickelten sich die unterschiedlichsten Varianten. Die Labyrinthspinne etwa baut zwischen Grashalmen ein horizontales Deckennetz mit einem röhrenförmigen Seidentunnel als Warteplatz. Wird das Netz durch ein landendes Insekt erschüttert, stürzt die Spinne sofort aus dem Versteck.

Um den Fangraum in die dritte Dimension zu erweitern, bauen Baldachinspinnen ein zusätzliches Absturznetz: Das Deckennetz wird durch ein vertikales Gewirr einzelner Fäden mit höher liegenden Pflanzenteilen verspannt. Fliegt nun ein Insekt in das Fadengespinst, wird es fluguntüchtig und taumelt auf die Seidendecke. Dort lauert die Spinne frei an der Unterseite hängend und versetzt der Beute durch die Decke hindurch den lähmenden Biss.

Mit Wurfnetz, Lasso, Angelschnur

Nochmals anders die Schwarze Witwe. Sie spannt ihr schwebendes Netz mit zahlreichen klebrigen Fäden am Erdboden fest. Läuft ein Insekt in eine dieser Fussangeln, bleibt es am Klebstoff hängen. Beim Aufprall löst sich der unter Spannung stehende Faden vom Untergrund – die Beute wird wie an einem Gummiseil zur wartenden Spinne hochgeschleudert.

Wer als Spinne mit einem Minimum an Netzmaterial auskommt, spart Zeit und Energie. Gladiatorspinnen der Gattung Deinopis weben ein hochelastisches und sehr klebriges, rechteckiges Mininetz von der Grösse einer Briefmarke. Für die Jagd hängt sich die Spinne knapp über dem Boden kopfüber mit ein paar Fäden an einen Busch und hält das Netz an den vier Ecken mit den vier Vorderbeinen bereit. Alle acht Beine sind nahe an den ­Körper gezogen. Marschiert nun ein ahnungsloses Tierchen unter der Spinne hindurch, streckt diese blitzartig die Beine. So dehnt sie das Netzchen auf ein Vielfaches der ursprünglichen Fläche; und sie bringt gleichzeitig die Spitzen ihrer Vorderbeine und damit das Fangnetz direkt auf Bodenhöhe. Die Beute zappelt unter der Netzseide und wird von der Spinne mit einem raschen Biss hinter den Kopf erledigt.

Arbeiten die Gladiatorspinnen mit einem Wurfnetz wie die Kämpfer im ­alten Rom, jagen Lassospinnen in Cowboymanier: Die in Australien heimische Dicrostichus magnificus hängt sich in der Dämmerung an einem kurzen waagrechten Faden unter einen Ast. An den Haltefaden knüpft sie einen mehrere Zentimeter langen Fangfaden, der frei nach unten hängt und am Ende mit einigen äusserst klebrigen Tröpfchen versehen ist. Flattert eine Motte in der Nähe, bringt die Spinne mit einem der Vorderbeine die Fangleine in rasche, kreisförmige Rotation. Bleibt die Beute am Klebstoff hängen, holt die Spinne die Angelleine ein, wobei sie wehrhafte Opfer wie ein Lachsfischer erst auszappeln lässt.

Eine Kombination von Wurfnetz und Angelschnur kennen die Speispinnen der Gattung Scytodes, die etwa in Grossbritanien in Gebäuden leben. Sie kriechen in der Nacht langsam umher. Der Ausgang ihrer Spinndrüsen befindet sich nicht wie sonst bei Spinnen üblich am Hinterleib, sondern in den Fangzähnen. Gelingt es der Spinne, sich unbemerkt an ein Insekt heranzuschleichen, hebt sie den Kopf und schiesst aus jedem der beiden Fangzähne einen klebrigen Faden auf das Tier. Dabei lässt sie die Fangzähne sehr rasch hin und her pendeln – so werden die Fangfäden wie der Zickzackstich einer Nähmaschine eng gefaltet über den Leib der Beute gelegt.

Spinnennetz als Wundpflaster

Als höchstentwickelte Variante der jagdlichen Seidentechnik gilt das Netz der Kreuzspinne und anderer Radnetzspinnen. Sie bauen zwischen oft weit auseinanderliegenden Haltepunkten ein zweidimensionales Netz senkrecht in den ­offenen Luftraum – dadurch ist die Fangwahrscheinlichkeit sehr hoch. Aber schon der erste Faden, der Brückenfaden, stellt die Spinne vor eine besondere Aufgabe: Sie muss einen Abgrund von zu­weilen einem Meter Breite überwinden. Dazu spinnt das Tier einen leichten Faden und lässt das freie Ende im Wind schweben, bis es auf der Gegenseite irgendwo hängen bleibt. Von dieser Brücke aus konstruiert die Spinne mit Randfäden und Speichen das Grundgerüst des Radnetzes. Nun legt sie von der Nabe aus eine Hilfsspirale bis zur Peripherie. Und erst jetzt spinnt sie vom Rand her entlang der Hilfsspirale die Fangspirale, wobei sie laufend die Hilfsspirale frisst. Es ist diese Fangspirale, welche mit einer Perlenkette extrem klebriger Tröpfchen aus Wasser und Glykoproteinen die auftreffenden Insekten festhält.

Das Fangnetz hat eine enorm anspruchsvolle Aufgabe zu bewältigen. Trifft nämlich eine dicke Fliege wie ein Bomber auf die nur einen Tausendstelmillimeter dicken Fäden, müsste der Aufprall das Netz eigentlich glatt durchschlagen. Beobachtungen zeigen aber, dass sich der Seidenfaden bis zum Fünffachen seiner ursprünglichen Länge dehnen kann und so die Wucht des Aufpralls abfedert. Schnellte der gespannte Faden nun wie ein Gummiseil in die Ruhelage zurück, würde das Insekt wie auf einem Trampolin wieder in die Freiheit geschleudert. Weil sich das Netz nach der raschen Dehnung aber nur sachte wieder zusammenzieht, bleibt die Beute kleben. Die Erklärung für den Trick fanden die Spinnenforscher in den klebrigen Wassertröpfchen. Dort wird der Seidenfaden durch die Oberflächenspannung der Flüssigkeit wie auf einer Kabeltrommel in zahlreichen Schleifen aufgerollt, was sowohl ein rasches Verlängern wie ein gebremstes Einrollen des Fadens bewirkt.

Die Seidentechnik der Kreuzspinne verblüfft auch durch die Tatsache, dass das Tier in seinem Hinterleib eine Auswahl von sieben verschiedenen Spinndrüsen trägt, die über eine ganze Batterie von Spinnspulen in die Spinnwarzen münden. Je nach Aufgabe des Fadens wird dieser mit einem eigenen Gemisch von Aminosäuren in spezifischer Dicke und Elastizität produziert. So gibt es unterschiedliches Seidenmaterial für Rahmen und Speichen, für die Hilfsspirale, die Fangspirale oder als Kitt zum Verknüpfen und Anheften der Fäden. Schliesslich sind auch das zähe Äussere und das flauschige Innere des Eikokons mit einer Spezialseide ausgerüstet.

Der Faden selber ist ebenfalls von raffinierter Konstruktion. In der Spinndrüse noch eine Flüssigkeit aus Keratinmolekülen, wandelt sich die Proteinmasse beim Auspressen durch das enge Ventil der Spinnwarze innert Millisekunden. Starke Scherkräfte zwingen dem Keratin eine besondere Struktur auf: Ein Teil der Proteine faltet sich wie der Balg einer Ziehharmonika zu festen Kristallen, der Rest aber umhüllt als ungeordnete Molekülketten die Kristalle wie ein Spaghettiknäuel. Daraus resultiert ein sowohl elastischer wie enorm zäher Faden.

Die meisten Radnetzspinnen bauen ihr Netz jeden Tag neu und produzieren in nur einer Stunde einige Dutzend Meter des Hightechfadens. Um die Proteine der Seide vor Bakterien und Pilzen zu schützen, imprägnieren die Spinnen den Faden mit Bakteriziden und Fungiziden. Was erklären dürfte, warum das Spinnennetz im Mittelalter als aseptisches Wundpflaster Verwendung fand.

Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Wofhausen.

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