WIE DER ALTE MANN hiess, dessen Bild heute in Kunstausstellungen hängt und in Bildbänden gedruckt wird, hat der Arzt Guillaume Benjamin Armand Duchenne de Boulogne nie verraten. In seinem Buch «Méchanisme de la physionomie humaine» erfahren wir nur, dass er als Schuhmacher arbeitete und sein Gesichtsausdruck zu seinem «gutartigen Charakter» und seiner «beschränkten Intelligenz» passte.
Mehr als das Schicksal seiner Versuchsperson beschäftigte Duchenne, wie die Leser seines Buches darauf reagieren könnten, dass er für seine Versuche nicht ein schöneres Gesicht ausgewählt hatte: «Der für die meisten meiner elektrophysikalischen Experimente fotografierte alte Mann hatte ordinäre, hässliche Züge. Einem Mann von Welt mag diese Wahl merkwürdig erscheinen.»
Doch Duchenne hatte gute Gründe, den zahnlosen Alten zu bevorzugen: Einerseits liess seine faltige Haut die Muskeln besonders deutlich hervortreten, andererseits litt er seit langem an einer fast kompletten Gefühllosigkeit des Gesichtes. Ein unschätzbarer Vorteil, der Duchenne erlaubte, «die einzelne Aktivität der Muskeln so effizient zu untersuchen wie an einer Leiche». Auch das hatte er in Betracht gezogen. «Es stimmt, dass ich anstelle dieses Mannes eine Leiche hätte benutzen können.» Aber es gebe kein abstossenderes Schauspiel, als mit Elektrizität Emotionen im Gesicht von Toten zu erzeugen, das wusste er aus eigener Erfahrung. «Mein alter Mann war deshalb die passende Versuchsperson.» Auch wenn die Bilder des Schuhmachers zuweilen an Folterszenen erinnern: Er spürte nichts, seine Atmung blieb während der Experimente regelmässig und ruhig, wie der Arzt versicherte.
Als der 36-jährige Duchenne 1842 von Boulogne-sur-Mer am Ärmelkanal nach Paris zog, hatte er keine feste Anstellung, sondern behandelte Kranke in verschiedenen Spitälern. Darunter auch im Krankenhaus Salpêtrière am unteren linken Seineufer, wo viele Patienten mit nicht genau diagnostizierten Lähmungen lebten. Duchenne untersuchte Epileptiker, Spastiker und Paraplegiker, indem er einzelne ihrer Muskeln mit Strom reizte, und legte so einen Katalog neurologischer Krankheiten an.
Wenn sich ein gelähmter Muskel elektrisch stimulieren liess, schloss Duchenne, musste der Kontrollmechanismus beschädigt sein, der Fehler also im Gehirn oder in der Verbindung dorthin liegen; wenn nicht, lag das Problem im Muskel selber. An diese Arbeit erinnert heute der Name der bekanntesten Muskelschwund-Erkrankung: Duchenne-Muskeldystrophie.
Zu den Muskeln, die Duchenne untersuchte, gehörten auch jene des Gesichts. Dabei verfolgte er nicht nur wissenschaftliche, sondern auch ästhetische Ziele. Er war überzeugt, dass er mit Elektroden und etwas Wechselstrom «die Gesetze, die den Ausdruck des menschlichen Gesichts bestimmen», entschlüsseln könnte. Die universelle «Orthographie des Gesichtsausdrucks», die Gott geschaffen habe und die verantwortlich dafür sei, dass ein bestimmtes Gefühl bei allen Menschen die gleiche Kombination der Gesichtsmuskeln in Bewegung setzte.
Bei seinen Experimenten versuchte er, durch die elektrische Stimulation des Gesichts möglichst echt aussehende Gefühlsregungen zu erzeugen. Mit bis zu vier Elektroden gleichzeitig erzeugte er den Gesichtsausdruck für Wut, Fröhlichkeit oder Überraschung; manchmal rief er mit Strom auch in jeder Gesichtshälfte eine andere Emotion hervor. Er benannte die Muskeln nach den Gefühlen, bei denen sie aktiviert wurden: den Muskel der Traurigkeit (m. depressor anguli oris) , den Muskel des Schmerzes (m. corrugator supercilii) , den Muskel der Lüsternheit (Teil von m. nasalis), und er entdeckte, dass der Unterschied zwischen einem echten und einem falschen Lachen im orbicularis oculi, pars lateralis, liegt, einem Muskel, der das Auge umfasst und nur bei einem natürlichen Lachen aktiviert wird. Er «gehorcht nicht dem Willen», schrieb Duchenne. «Sein Fehlen entlarvt den falschen Freund.»
Die Elektrostimulation hatte den Nachteil, dass die Wirkung des Stroms auf die Muskeln nur kurze Zeit anhielt. Wäre nicht gerade die Fotografie erfunden worden, mit der sich kurzzeitige Phänomene festhalten liessen, Duchenne würden heute wohl nur noch historisch interessierte Neurologen kennen. Doch die Bilder seiner Experimente haben ihm auch einen Platz in der Geschichte der Fotografie gesichert. Für einen Originalabzug des «hässlichen Schuhmachers» aus Duchennes erster Publikation werden heute Tausende von Franken bezahlt.
Auch Charles Darwin benutzte 1872 mehrere von Duchennes Bildern in seinem Werk «The Expression of Emotions in Man and Animals» («Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei Menschen und Tieren»).
Der alte Mann war zwar Duchennes bekannteste, aber nicht seine einzige Versuchsperson. Er experimentierte zum Beispiel auch mit einer jungen Frau, deren Augenleiden er mit Elektrostimulation behandelte. Nachdem sie sich an die unangenehme Prozedur gewöhnt hatte, inszenierte er theatralische Szenen mit ihr: mal betend, mal lasziv lächelnd; mal als Mutter an der Wiege, mal als Lady Macbeth. Die Fotos haben etwas Surreales, weil von der Seite immer Duchennes Hand ins Bild ragt und der Frau die Elektrode auf das Gesicht drückt.
Duchenne sah seine Arbeit nicht nur als Mittel zur wissenschaftlichen Erkenntnis. Er wollte mit seinen Studien des Gesichts nicht weniger als den Lauf der Kunst verändern, indem er Regeln formulierte, die den Künstler «bei der wahren und vollständigen Darstellung der Bewegungen der Seele» führten.
Vielen der grossen Meister der Antike stellte er kein gutes Zeugnis aus. Sie hätten zwar die groben Züge richtig getroffen, aber sonst sei vieles «mechanisch unmöglich». Der Skulptur des griechischen Priesters Laokoon, von Kunsthistorikern als Meisterwerk gepriesen, fehle es zum Beispiel an der Stirn. Offenbar wussten die rhodischen Bildhauer Polydoros, Agesandros und Athanodoros nichts vom m. corrugator supercilii , der dort unter der Haut wirkt.
Um zu beweisen, wie viel schöner der Ausdruck wäre, wenn sich die Künstler an die «unveränderlichen Gesetze der Natur» gehalten hätten, stellte Duchenne mit etwas Gips die natürlichen Verhältnisse an einer Kopie wieder her. Und das blieb nicht der einzige Klassiker, an dem er sich zu schaffen machte. Den Vorwurf, er reduziere Kunst auf den «anatomischen Realismus», wies er zurück. Schliesslich basiere seine Kunstkritik auf «strikter wissenschaftlicher Analyse».