AM 18. AUGUST 2002 taucht am Himmel über dem oberösterreichischen Almtal eine gar wunderliche Patrouille auf. In einem motorisierten Hängegleiter fliegt der Verhaltensbiologe Johannes Fritz in 200 Metern Höhe über dem Wiesland. 100 Meter tiefer folgen in perfekter V-Formation 11 Waldrappe mit schwarzglänzendem Gefieder. Weiter hinten und wesentlich höher brummt ein zweiter Hängegleiter. In den Hängegleitern sitzen ausser dem Piloten junge Biologinnen, die «Ziehmütter» der Waldrappenschar. Mit lautem «Komm, komm, komm» animiert die Frau in der vorderen Maschine die Vogelschar zum Mitfliegen.
Die Reise soll über den Alpenhauptkamm 180 Kilometer südwärts nach Kärnten gehen. Heftige Sommergewitter zwingen die Karawane indes schon nach 50 Kilometern wieder zu Boden. Die Expedition muss auf den Sommer 2003 verschoben werden. Die abgebrochene Alpenüberquerung war eine Zwischenetappe im jahrelangen Projekt, den Waldrapp (Geronticus eremita) wieder als freilebende Tierart in Europa anzusiedeln, nachdem der prächtige Ibisvogel vor 350 Jahren dort ausgerottet worden war.
1997 startete an der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau Kurt Kotrschal das Projekt, eine halbzahme, freifliegende Gruppe von Waldrappen aufzubauen. Aus verschiedenen Zoos, wo heute um die 2000 Waldrappe leben, erhielt das Forscherteam frisch geschlüpfte Jungvögel und zog die Küken von Hand auf. Dabei entwickelte sich eine sehr enge Bindung an die menschlichen «Zieheltern», und die Waldrappe kehrten auch wieder zum Betreuungsteam zurück, nachdem sie für die Futtersuche in die weitere Umgebung geflogen waren.
Grünau liegt in einem Voralpental, wo der Waldrapp im extensiv bewirtschafteten Wies- und Ackerland genügend Würmer, Schnecken, Larven und kleine Reptilien findet. Mit seinem langen, gebogenen Schnabel stochert der Vogel bis zu zehn Zentimeter tief und findet die verborgene Nahrung dank hochempfindlichen Sinneszellen an der Schnabelspitze. Im Winter allerdings müssen die Vögel in einer Volière betreut und gefüttert werden.
Bereits Mitte August 1997 erlebten die Biologen eine Überraschung. Plötzlich packte die Jungvögel die Wanderlust. Sie flogen in nordöstlicher Richtung dem Talausgang entgegen und verschwanden am Horizont. Einige Tiere kehrten nach Tagen und Wochen zurück. Der Grossteil aber blieb verschwunden. Dann trafen Meldungen über Waldrappfunde aus so fernen Gegenden wie Polen und Ungarn ein; ein Vogel war sogar nach Königsberg geflogen – 1600 Kilometer im Nordosten von Grünau.
Einige der Ausreisser konnten heil zur Forschungsstation zurückgebracht werden; die meisten waren jedoch schlechtem Wetter oder Raubvögeln zum Opfer gefallen. So verlor die Forschungsstation in den ersten beiden Jahren 24 der 30 aufgezogenen Waldrappe. Warum der Waldrapp im Spätsommer loszieht, war den Biologen im Nachhinein klar. Das Tier wird dort, wo im Winter der Boden gefriert, zum Zugvogel.
Während nun Storch und Singvogel von Geburt an «wissen», wohin sie zu fliegen haben, muss der Waldrapp seine Route erst von den Eltern lernen. Genetisch programmiert ist lediglich der Trieb loszufliegen. Mangels elterlicher Führung flogen deshalb die Grünauer Waldrappe Ende Sommer den scheinbar günstigsten Weg Richtung Talausgang – einen Irrweg in den garstigen Norden. Nach den bösen Erfahrungen werden die Vögel bei sehr schlechtem Wetter sowie in den «Reisemonaten» August bis Oktober in der Volière behalten. Heute lebt in Grünau ein gesundes Volk von 22 halbzahmen Waldrappen.
Das Fehlverhalten der Waldrappe brachte Johannes Fritz und Angelika Reiter vom Grünauer Biologenteam auf die Idee, es mit dem Trick zu probieren, der bereits erfolgreich bei Gänsen angewendet worden war. 1994 hatten die Amerikaner William Lishman und Joseph Duff eine Gruppe von 18 handaufgezogenen Kanadagänsen mit zwei motorisierten Hängegleitern ( Trikes ) von Ontario nach Virginia geführt. Die Vögel überwinterten im warmen Südstaat und kehrten im nächsten Frühjahr selbständig ins kanadische Aufzuchtgebiet zurück. Mit der gleichen Methode wurde 1999 auch 30 jungen Zwerggänsen der Weg von Schweden in ein Schutzgebiet am Niederrhein gezeigt.
Im Frühjahr 2002 tat sich Johannes Fritz mit einigen Grünauer Kolleginnen und Kollegen sowie Piloten zum unabhängigen waldrappteam.at zusammen und gründete einen internationalen Förderverein. Auf dem Flugfeld Scharnstein unweit Grünaus wurde eine Aufzuchtstation installiert, und ab Mai 2002 kümmerten sich drei menschliche Ziehmütter praktisch Tag und Nacht um das Wohlergehen von elf Waldrappküken. Um die Tiere von früh auf an die Technik zu gewöhnen, spielte man ihnen ab Tonband immer wieder das Motorengeräusch der Trikes vor und parkierte die Fluggeräte direkt vor der Volière. Als die Vögel im Alter von 50 Tagen flügge geworden waren, setzten sich die Ziehmütter in die Trikes und brachten mit Lockrufen die Waldrappe dazu, dem fremden Vogel in die Luft zu folgen.
Bei den Waldrappen zeigte sich allerdings ein Problem, dem man bei den Gänsen nicht begegnet war: Die Waldrappe fliegen von Natur aus kaum höher als 50 bis 100 Meter über Grund, während das Trike aus Sicherheitsgründen mindestens 200 Meter hoch fliegen muss. Noch heikler ist der Unterschied in der Reisegeschwindigkeit: der Waldrapp ist mit höchstens 60, das Trike aber mit mindestens 70 Kilometern pro Stunde unterwegs. Um dieser Diskrepanz zu begegnen, fliegt die führende Maschine immer wieder eine Warteschlaufe, während das nachfolgende zweite Trike aus höherer Warte die Vogelformation beobachtet und ihre Position über Funk meldet.
Als Überwinterungsort vorgesehen ist das Naturschutzgebiet Maremma an der Mittelmeerküste in der südlichen Toscana. Als Flugroute für den August 2003 geplant sind fünf 200 Kilometer lange Tagesetappen von Scharnstein über Kärnten ins Friaul, dann weiter über Venedig ins Po-Delta und schliesslich über den Apennin nach Florenz und in die Maremma. Dort wird man den Vögeln als Nachtlager eine Volière offerieren, sie sonst aber möglichst frei leben lassen. Im Frühjahr 2004 werden die Waldrappe dann hoffentlich allein wieder ins Almtal heimkehren.
Gelingt diese erste Phase der Wiederansiedlung im Alpenraum, erhalten die Österreicher Waldrappe als definitiven Schlafplatz eine Burgruine hoch über dem Almtal unweit von Scharnstein. Horste in steilem Felsgelände bewohnen auch die letzten noch freilebenden Waldrappe in Marokko. In der Souss-Massa-Region bei Agadir lebt in einem unzugänglichen Kliff an der Atlantikküste eine Brutkolonie von etwa 250 Waldrappen. Sie sind der traurige Rest der 8000 Waldrappe, die noch 1960 in Nordafrika und in der Türkei lebten. Jagd, Umweltzerstörung und Vergiftung durch Pestizide wie DDT haben die Vögel fast gänzlich ausgerottet. In Rettungsaktionen holten zwischen 1960 und 1980 verschiedene Zoos Waldrappe aus dem Atlasgebirge nach Europa, um den raren Vogel wenigstens in Gefangenschaft weiter züchten zu können.
Dass der Waldrapp im Mittelalter grosse Teile des Alpenraums besiedelte, belegen historische Quellen. So gab es auf dem Schlossberg in Graz und am Mönchsberg in Salzburg grosse Brutkolonien. In Salzburg verbot der Erzbischof per Dekret seinen Bürgern, die Waldrappe von den Fenstern der Stadthäuser aus zu schiessen. Dies allerdings nicht aus tierschützerischem Wohlwollen, sondern weil der hohe Herr die leckeren Nestlinge selber für seine Tafel haben wollte.
Die frühesten Hinweise auf den Waldrapp stammen jedoch aus der Schweiz. Knochenfunde in der Ruine Alt-Wartburg bei Olten lassen sich auf die Zeit um 1400 datieren. Mit einer detaillierten Beschreibung in seinem Vogelbuch machte Conrad Gesner 1555 den Corvus sylvaticus (Waldrabe) international bekannt. «Merteils nistet er auff alten und hohen mauren der zerbrochenen schlösseren: welcher dann im Schweytzerland seer vil gefunden werdend», beschreibt Gesner das Waldrapp-Habitat. Brutkolonien sind etwa auch für Balm im solothurnischen Günsberg, für Bad Pfäfers, Mariastein südlich von Basel sowie in Zürich nachgewiesen.
Nachdem infolge rücksichtloser Jagd schon um 1650 der letzte Waldrapp aus Europa verschwunden war, glaubten spätere Naturforscher, der Waldrapp habe gar nie existiert. 1832 entdeckten Ornithologen am Roten Meer eine neue Vogelart und nannten sie wegen ihres zerzausten Kopfgefieders «Schopfibis». Solche Ibisse fand man schliesslich auch in Nordafrika und auf der Arabischen Halbinsel. Es war eine Sensation, als Fachleute 1897 entdeckten, dass der Schopfibis nichts anderes als der legendäre Waldrapp war, wie ihn die alten Naturforscher beschrieben hatten. Man darf hoffen, dass dieser wundersame Vogel dereinst auch wieder ins Schweizer Felsland heimkehren wird.