NZZ Folio 07/04 - Thema: Eskimo   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Schneeschuhflechter

© Markus Bühler-Rasom
In Grönland: Fotograf Markus Bühler-Rasom (links), Redaktor Reto U. Schneider. Linktext
Von Reto U. Schneider

Es gibt wohl kein Land, dessen Bild stärker von Kindheitsvorstellungen geprägt wird als Grönland. Und zu diesem Bild gehört ein Wort: Eskimo. Ein Wort wie ein Film: Iglu, Hundeschlitten, Nasenreiben, für Schweizer ein Cembalo. Die Herkunft von «Eskimo» ist nicht mit Sicherheit geklärt. Heute glauben viele Sprachwissenschafter, dass sich das Wort von ayaskimju ableitet, dem Begriff der Montagnais-Indianer für «Schneeschuhflechter». Die weitverbreitete Ansicht, dass es seinen Ursprung in einem indianischen Wort für Rohfleischesser hat, gilt als überholt.

Vor allem wegen dieser falschen Deutung empfinden einige arktische Völker das Wort Eskimo als diffamierend. Sie ziehen die Bezeichnung inuit vor, was so viel heisst wie Menschen. Allerdings sind die Inuit genaugenommen nur eines von vielen arktischen Völkern. Alle Eskimo Inuit zu nennen, ist etwa, wie aus allen Europäern Deutsche zu machen. Deshalb verwenden einige Volksgruppen die Bezeichnung Eskimo. Überdies ist Inuit eine Mehrzahl und für die Bezeichnung einzelner Personen nicht verwendbar, genaugenommen. Da müsste man inuk sagen.

Wir haben es nicht so genau genommen. Weil sich viele unserer Gesprächspartner in Grönland selber als Eskimo bezeichneten oder auf Nachfrage nichts gegen die Verwendung des Begriffs hatten, heisst dieses Folio nun «Eskimo». Nicht als exakte anthropologische Einteilung oder herabsetzende Bezeichnung, sondern als das unschuldige Wort aus unserer Kindheit, als das es im deutschen Sprachraum weitgehend verstanden wird.




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