Dubai: Weniger ist mehr
Länder, deren Volkswirtschaften von einer Erdölrente leben, werden in der Regel faul. Herrschen überdies undemokratische Verhältnisse, verspürt die politische Elite keinerlei Druck, die Öleinnahmen produktiv einzusetzen. Diese schlechten Voraussetzungen sind in vielen Staaten des Mittleren Ostens gegeben. Sie beanspruchen zwar zwei Drittel aller bekannten Ölreserven weltweit, doch das Wachstum ist so gering wie sonst nur in Afrika.
Die strahlende Ausnahme ist Dubai. Wie viel das Emirat am Persischen Golf mit dem Erdöl verdient, lässt sich nicht genau sagen; denn es vermarktet sein Öl gemeinsam mit den anderen sechs Scheichtümern der Vereinigten Arabischen Emirate, die an zehnter Stelle aller Förderstaaten liegen (2003: über 2,5 Millionen Fass pro Tag). 85 Prozent der Produktion steuert jedoch Abu Dhabi bei, und Dubais Vorkommen gehen im nächsten Jahrzehnt zur Neige. Es tönt paradox, aber gerade darin lag die Chance des Kleinstaats. Früh investierte er seine Ölgewinne in andere Sektoren. Dabei knüpfte Dubai an seine Tradition als Etappe entlang der persisch-arabischen Handelsroute an. Es entstand einer der leistungsfähigsten Containerhäfen der Welt und um ihn eine Freihandelszone, aus der die Grosshändler von Zentralasien bis Südafrika ihre Waren beziehen.
Das war erst der Anfang. Dubai, dessen 1,5 Millionen Einwohner zu vier Fünfteln Ausländer sind, wuchs zum wichtigsten Dienstleistungszentrum der Region heran. Angelockt von Steuerbefreiungen und einer unbürokratischen Verwaltung, verlegten zahlreiche internationale Unternehmen ihre für den Nahen Osten zuständigen Büros nach Dubai. Es folgten Hotellerie und Luxustourismus. Eine künstliche Ferieninsel vervierfachte die natürliche Küstenlänge Dubais. Die Airline Emirates expandiert und mit ihr der Flughafen von Dubai. Die Volkswirtschaft Dubais wuchs in den letzten Jahren um rund 10 Prozent pro Jahr. Der Erdölsektor spielt mit einem Anteil von 6 Prozent am Bruttoinlandprodukt nur noch eine untergeordnete Rolle (in Saudiarabien liegt der Vergleichswert bei 38 Prozent).
Ausschlaggebend für den Erfolg sind vermutlich zwei Faktoren: Dank den überschaubaren Verhältnissen kommt es nicht zu Verteilkämpfen unter den Eliten wie in anderen Entwicklungsländern, die vom Ölglück heimgesucht worden sind. Und die Erkenntnis, dass die Ölquellen versiegen, hat die Aufmerksamkeit auf produktive Erwerbsmöglichkeiten gelenkt.
Irak: Das Pulverfass
Nach offiziellen Angaben betragen die irakischen Ölreserven 115 Milliarden Fass, das sind die drittgrössten der Welt (hinter Saudiarabien und Iran). Nimmt man die 3,5 Millionen Fass pro Tag zum Anhaltspunkt, die das Land 1990 vor Ausbruch des ersten Golfkriegs gefördert hat, dann könnte dieses Produktionsniveau 90 Jahre lang gehalten werden. Aber da bisher nur im geringeren Teil des Iraks mit modernsten Verfahren nach Vorkommen sondiert worden ist, könnten laut der US-Regierung zusätzliche Reserven von 100 Milliarden Fass hinzukommen. Saddam Husseins letzter Erdölminister schätzte die Vorkommen gar auf 300 Milliarden Fass. Berücksichtigt man ausserdem die hohe Qualität und die tiefen Gestehungskosten des irakischen Öls – rund ein Dollar pro Fass –, dann wird die Verlockung deutlich, die von den irakischen Ölfeldern ausgeht.
Das war schon so, als die Briten 1914 den Irak eroberten und dort bis in die 30er Jahre einen Unterdrückungskrieg führten. Allerdings glaubten damals alle Strategen, Erdöl versiege bald weltweit. Auf den heutigen globalisierten Märkten wird Erdöl eher als eine Ware wie andere behandelt. Verschwörungstheorien, wonach der jüngste Irakkrieg in erster Linie wegen Ölinteressen geführt worden sei, sind deshalb mit Skepsis zu behandeln. Nach allem, was die Geschichte lehrt, ziehen Staaten nur dann wegen des Erdöls in den Krieg, wenn es knapp und seine Zufuhr beschränkt ist. Das heisst nicht, dass in der amerikanischen Irakpolitik keinerlei kommerzielle Ölinteressen mit im Spiel sind. Bei der Konkurrenz um irakische Erdölabkommen wird schon lange mit verdeckten Karten gespielt. Als in der zweiten Hälfte der 90er Jahre die Wirtschaftssanktionen gegen den Irak unpopulär wurden, schlossen russische (Lukoil), französische (Elf) und chinesische Erdölkonzerne geheime Abkommen mit Bagdad über die Ausbeutung lukrativer Ölfelder.
Die Sanktionen waren ein Fiasko für das Lehrbuch. Sie trafen das Volk, während Saddams Clan Extraprofite aus dem Ölschmuggel bezog. Die Mängel sollten durch das 1996 beschlossene Uno-Programm «Öl für Nahrungsmittel» behoben werden, doch es erlaubte dem Saddam-Regime laut Schätzungen, bis zu fünf Milliarden Dollar abzuzweigen. Solange die Sicherheit nicht gewährleistet ist, werden die zur Wiederherstellung und Modernisierung des irakischen Ölsektors nötigen Investitionen kaum fliessen; die Weltbank beziffert sie auf 100 Milliarden Dollar.
USA: Wie Muttermilch
Das Bemerkenswerte an den USA als Erdölstaat ist, dass sie mit einer täglichen Fördermenge von etwa 7,5 Millionen Fass zwar weit vorn auf der Rangliste der produzierenden Länder stehen (laut der «Statistical Review of World Energy» für das Jahr 2003 an dritter Stelle), aber dennoch kein Erdöl exportieren. In allen anderen Staaten, die über namhafte Ölvorkommen verfügen, ist dies gerade umgekehrt. Ihre Staatshaushalte und Deviseneinnahmen hängen in sehr hohem Mass am Öl, in vielen arabischen und afrikanischen Staaten mit einem Anteil von mehr als 80 oder 90 Prozent. Das schafft künstliche und oft völlig überdimensionierte Anreize, von denen die USA demnach als einziger wichtiger Erdölstaat verschont geblieben sind.
Der Grund für die Sonderstellung ist banal: Die USA liegen beim Ölkonsum unangefochten an erster Stelle. Mit einem Verbrauch von über 20 Millionen Fass pro Tag verbrauchen die Amerikaner fast viermal mehr Öl als die Chinesen, die an zweiter Stelle der Rangliste folgen. Laut einer anderen Statistik, die von der Uno stammt, beanspruchen die USA knapp einen Viertel aller weltweit verbrauchten Energie, die aus Öl, Erdgas oder Kohle gewonnen wird.
Die Erdölversorgung der USA ist schon seit Beginn der 50er Jahre nicht mehr autark. Heute beträgt der Anteil des importierten Öls über 60 Prozent. Die Sicherung ausländischer Erdölressourcen ist darum zu einem wichtigen Faktor der amerikanischen Aussenpolitik geworden. Die Importe aus arabischen Ländern sind allerdings geringer als vielfach angenommen. Die Importe aus Saudiarabien decken 15 Prozent des amerikanischen Bedarfs, gleich viel wie jene aus Venezuela und Mexiko. Weitere 15 Prozent kommen aus anderen Ländern, hauptsächlich westafrikanischen. Im Unterschied zu Europa und Japan, die die Abhängigkeit ihrer Industriegesellschaften von Ölimporten zur Verbesserung der Energieeffizienz genutzt haben, verschleudert Amerika seine Energieressourcen. Während in der EU und in Japan die Wertschöpfung pro Kilo verbrauchtes Erdöl bei über 6 Dollar liegt, beträgt laut der Weltbank der entsprechende Wert für die USA weniger als 4 Dollar.
Die Vergeudungslust mag in der Geschichte der Amerikaner liegen. In den USA wurden 1855 die Erdölderivate und ihre Nutzung als verhältnismässig saubere und billige Energiequelle entdeckt und noch vor 1860 kommerziell genutzt. Am Erdöl hängt der sagenhafte Reichtum von John D. Rockefeller, dem berühmtesten Tycoon in der Geschichte des Kapitalismus. Die von einem Gericht verfügte Zerschlagung von Rockefellers Standard Oil Company im Jahr 1911 gilt als beispielhaft in der Geschichte der Kartellbekämpfung. Den Amerikanern war das Erdöl wie Muttermilch auf dem Weg in ihr industrielles 20. Jahrhundert. Schon 1937 passte die ganze Nation in ihre Autos. Westeuropa überfuhr diese magische Schwelle, die bei einem Verhältnis von einem Auto auf fünf Einwohner erreicht ist, erst in den späten 60er Jahren, die Schweiz 1968.
Norwegen: Ein Luxusproblem
In Norwegen streiten die Politiker jedes Jahr über den Staatshaushalt, aber aus einem anderen Grund als ihre Kollegen im Ausland. Es geht jeweils darum, wie viel vom riesigen Finanzüberschuss, über den der Staat dank der Ölförderung in der Nordsee verfügt, in die Kasse geschwemmt und wie viel für spätere Generationen aufbewahrt werden soll. Das Luxusproblem besteht seit bald einem Jahrzehnt und ist das Resultat eines Lernprozesses. Norwegen begann in den 70er Jahren, gleichzeitig wie Grossbritannien, mit der Ölförderung. Während Margaret Thatcher die Einnahmen für Steuersenkungen nutzte, holte Norwegen gegenüber den skandinavischen Nachbarn auf und baute den Wohlfahrtsstaat aus. Doch die vergleichsweise kleine Volkswirtschaft überhitzte sich. Inflation und hohe Zinsen trieben zahlreiche Unternehmen in den Bankrott.
Um die Lage zu stabilisieren, richtete die Regierung 1996 einen Erdölfonds ein, der die Staatsrechnung im Prinzip vom Erdölsektor abschottete. Der gehortete Reichtum sollte besonders für die Finanzierung der Rentenlücke ab 2015 gespart werden. Eine interessante Diskussion entspann sich um die Frage, ob der Fonds in natura erhalten werden sollte – ob man also vorläufig weniger Öl fördern und die Ölreserven für später aufheben wollte – oder ob die Ölgewinne auf den internationalen Kapitalmärkten angelegt werden sollten. Gewählt wurde die zweite Lösung, die als sicherer und effizienter gilt. Mit einer Fördermenge von 3,2 Millionen Fass pro Tag steht Norwegen weltweit an achter Stelle der Ölproduzenten. Die anhaltende Ausbeutung bei konstanten Fördermengen gilt für die nächsten vier Jahrzehnte als gesichert, deutlich länger werden die Erdgasreserven reichen. 1996, im ersten Jahr der Äufnung, wurden bereits 40 Milliarden Kronen (8,4 Milliarden Franken) in den norwegischen Erdölfonds einbezahlt. Mit der letzten Einlage aus diesem Jahr von umgerechnet 29 Milliarden wird der Fondswert auf 185 Milliarden Franken wachsen. Theoretisch könnte man mit dem Geld jedem Norweger – Greise und Säuglinge eingerechnet – einen Wagen der gehobenen Mittelklasse finanzieren.
Die Sparschweinpolitik Norwegens brachte den Verantwortlichen zwar viel Lob von Wirtschaftsexperten ein, aber sie kostete Wählerstimmen. Schliesslich legte die Regierung eine Regel fest, wonach jedes Jahr bis zu vier Prozent des akkumulierten Fondswerts, quasi die Rendite, ins Staatsbudget eingespeist werden können. Damit wurde freilich den Begehrlichkeiten wieder Tür und Tor geöffnet. Dank dem Ölreichtum baut Norwegen unter anderem weiter an seiner Autobahn bis ans Nordkap, und da jeder Fjord und jedes Fischerdorf daran angeschlossen werden möchte, haben die Norweger längst die Schweizer als die emsigsten Strassentunnelbauer abgelöst. In Oslo wird der nachsichtige Umgang mit den Öleinnahmen nicht als eine Absage an die finanzpolitische Vorsicht betrachtet. Man bediene sich nur so weit aus dem Fonds, als dies konjunkturneutral bleibe, wird versichert.
Nigeria: Petrokorruption
Nigeria, hinter Kuwait auf Rang 12 der Ölproduzenten, ist auf den Import von Benzin angewiesen. Diese absurde Tatsache führt zum Kern des nigerianischen Problems: Korruption. Auf dem Papier existieren in Afrikas bevölkerungsreichstem Staat zwar vier grosse Raffinerien, aber sie sind Baustellen geblieben. Mal produzieren zwei der staatlichen Betriebe Benzin, dann einer, aber keiner je mit voller Kapazität. Denn aus der Sicht eines korrupten Ministers ist eine gute Raffinerie eine kaputte Raffinerie – mit Reparaturarbeiten ist leicht Schmiergeld zu machen. Kommt hinzu, dass der Staat sowohl für den Export von Rohöl wie für den Import von Benzin Lizenzen vergibt. So lassen sich Preise absprechen und Korruptionsgewinne unter Lizenznehmern und -gebern aufteilen.
Auch darum kamen die Raffinerien nie vom Fleck, weil das wenige Benzin, das sie produzieren, vorzugsweise an Schmuggler abgegeben wird. Benzin wird in Nigeria denn auch nicht an Zapfsäulen getankt, sondern aus abgefüllten alten Flaschen an Marktständen entlang den Strassen.
Die Korruption ist in Nigeria nicht schlimmer als anderswo, aber grotesker, so dass sich ein Spezialbegriff aufdrängt: Petrokorruption. Wenn man einen Ölpreis von 30 Dollar und Abgaben der Ölmultis von 40 Prozent annimmt, bezieht der nigerianische Staat bei einer Förderung von gegenwärtig 2,1 Millionen Fass 65 Millionen Dollar an Öleinnahmen pro Tag. Damit lässt sich einiges bewegen. Als das Öl zu Beginn der 70er Jahre zu fliessen begann, stieg es vielen Nigerianern in den Kopf. Zu jener Zeit soll das Land nach Frankreich am meisten Champagner konsumiert haben. Die Landflucht und der Zerfall vieler Industriezweige ist ebenso eine Folge des Erdölbooms wie die Tatsache, dass Nigeria während 30 Jahren seit der Erlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1960 von Diktatoren regiert wurde. Das Mittel zur Verteilung der Gelder aus der Petrokorruption unter die Eliten war der Militärputsch. Sechs gewaltsam abgesetzte Ex-Präsidenten geniessen unbehelligt das Dasein als Pensionäre auf ihrem Heimwesen – auch dies ein unerreichter Wert. Einen Grossteil ihres auf kriminellem Weg erworbenen Vermögens haben sie rechtzeitig ins Ausland geschafft.
Der 1999 erstmals demokratisch gewählte Präsident, Olusegun Obasanjo, gibt sich redlich Mühe, die Zustände zu ändern. Lizenzen werden transparenter vergeben; im Beschaffungswesen gelten nun klare Regeln; der Staat deklariert, was er von den Erdölfirmen an Steuern und Abgaben empfängt. Aber zwischen Absicht und Realität klafft eine Lücke. Die breite Bevölkerung Nigerias muss mit weniger als einem Dollar pro Kopf und Tag überleben. Und die Raffinerien lahmen noch immer. Kürzlich hat Präsident Obasanjo ihre Privatisierung bekanntgegeben – ein Befreiungsschlag. Am Kauf soll eine amerikanische Firma interessiert sein.
Markus M. Haefliger ist Auslandredaktor der NZZ am Sonntag.