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NZZ Folio 02/96 - Thema: Vernetzte Welt   Inhaltsverzeichnis

Online im Oberland

Ein Jungverleger setzt auf Multimedia.

Von Andreas Heller

NOCH WEISS SCHEIDEGGER FRITZ nichts von Digitalisierung, Datenkompression und Interaktivität. Doch Gossweiler Urs hat auch mit ihm, dem Besitzer des lokalen Milchladens, Grosses vor. Scheidegger Fritz nämlich, verspricht er, wird sich schon bald nicht mehr allein mit dem «Brienzer» oder der «Hasli-Zeitung» begnügen müssen, wenn er für seinen Käse Werbung machen möchte. Ohne grossen Aufwand wird er künftig sein Inserat samt Logo gleichzeitig im Lokalfernsehen oder in der Bildschirmzeitung placieren können. Er wird multimedial werben - denn das ist die Zukunft, sagt Gossweiler Urs.

Urs Gossweiler ist 24 Jahre alt und ein Multimediatalent. Als Verleger des «Brienzers» und der «Hasli-Zeitung», als Produzent von Fernsehsendungen und Videos führt er im kleinen vor, wie man die neuen Medien nutzen kann. Als Mitinhaber des Ausbildungszentrums Mountain Multi Media in Brienz ist er weit über den Brünig hinaus bekannt und als Fachmann für Fragen des neuen Medienzeitalters immer wieder gern gehört. Virtuos versteht es der junge Mann, mit den neuen Begriffen - HexMac, Quark XPress, Adobe Acrobat - zu jonglieren; in bedeutungsschwerem Ton weiss er über die Herausforderungen der Kommunikationsrevolution zu referieren. Ein anderes Mal zeigt er sich als multimedialer Volkstribun: «Multimädia», kommuniziert er dann mit berneroberländischem Zungenschlag, der jedem Wort die Spitze nimmt, «isch ganz eefach.» Multimedia sei wie Bier, sagt Urs Gossweiler. Denn wie das Bier in verschiedene Gefässe - Flasche, Büchse oder Fass - abgefüllt werde, so würden künftig auch Medieninhalte in verschiedene Gefässe - CD-Rom, Zeitung, Fernsehen, Radio oder Internet - eingespeist.

Urs Gossweiler ist ein Kind des Kommunikationszeitalters. Als Dreikäsehoch bespielte er Tonbandkassetten, die er unter seinen Schulkameraden zirkulieren liess, dann stieg er beim Lokalradio ein und machte mit der Schülersendung «Radio Piccolo» Furore. Der gelernte Typograph war gerade 18 Jahre alt, als man zu Hause die Zeitungsproduktion auf Macintosh umstellte. «Ich sah, wie hier zwei Welten - die Computer- und die Medienwelt - zusammenkamen», blickt er zurück. «Es war ein Wendepunkt in meinem Leben.»

Wer sich heute bei Urs Gossweiler zu Besuch anmeldet, wird zuerst mit Name, Post- und E-Mail-Adresse, Fax- und Telefonnummer erfasst und per Mausklick in der Datenbank versorgt. Der Chef trägt eine Krawatte und ein Jackett in Blau. Im frisch gefönten Haar glitzert eine Spur Brillantine. Urs Gossweiler ist eine dynamische Erscheinung. Da ist ausser dem Dialekt nichts von bernischer Behäbigkeit, und auch der Sitz der Gossweiler AG setzt einen markanten Kontrapunkt zur Oberländer Giebeldachchalet-Architektur: Das Haus ist weiss-violett gestrichen, die Räume sind gross und hell, das Mobiliar von ausgesuchtem Design.

Eine neue Ära ist im Familienunternehmen angebrochen, seit Urs Gossweiler vor zwei Jahren nach dem unerwarteten Tod seines Vaters die Leitung des Verlagshauses übernommen hat. Unter Gossweiler junior wurde aus der verstaubten, im hundertsten Jahrgang erscheinenden Lokalzeitung «Der Brienzer» ein trendig gestaltetes Blatt mit vielen farbigen Bildern. Keck expandierte der Jungverleger mit einem Kopfblatt, der «Hasli-Zeitung», über die Amtsbezirksgrenzen hinaus nach Meiringen, um den bestandenen «Oberhasler» zu konkurrenzieren. Den Druck der beiden Blätter vergab er nach Bern. Die Druckerei im Haus wurde geräumt und an ihrer Stelle ein Fernsehstudio eingerichtet.

Die Gossweiler AG ist seither nicht mehr nur ein Verlagshaus, sondern ein Multimedia-Unternehmen, das Zeitungen herausgibt und auch Fernsehsendungen, CD-Roms oder eine Bildschirmzeitung produzieren kann. Die Möglichkeiten seien da, man müsse sie nur nutzen, sagt Urs Gossweiler: «80 Prozent der Haushaltungen in Brienz sind verkabelt, wir haben konkrete lokale Medien. Verbinden wir das alles, und wir haben die umfassendste Medienintegration Europas.» Praktisch bedeutet dies, dass alle Daten, seien es Texte, Töne, Grafiken, Bilder oder Videos, in digitaler Form gespeichert werden sollen. Die Daten werden dann mediengerecht aufbereitet und über verschiedene Kanäle an jede Haushaltung weitergeleitet.

Die dazu benötigten technischen Mittel sind freilich nicht ganz billig, und Urs Gossweiler gibt denn auch offen zu, dass ein Unternehmen mit einer Million Franken Umsatz wie die Gossweiler AG die notwendigen Investitionen allein kaum aufzubringen vermöchte. Doch Gossweiler junior hatte auch hier eine zündende Idee: «Warum nicht mit den Herstellern von Hard- und Software ein Ausbildungszentrum für Multimedia gründen? Sie bringen die Geräte, ich die lokalen Medien, auf denen sich Multimedia in der Praxis üben lässt.»

Auf seiner Suche nach einem Partner wurde der clevere Brienzer fündig bei der niederländischen Omnigraph-Gruppe, deren Unternehmen weltweit führend sind als Maschinenlieferanten für die Druckindustrie. Gemeinsam mit ihr gründete er im vergangenen Mai das Ausbildungs- und Entwicklungszentrum Mountain Multi Media. Drei Millionen Franken steckte die Firma, an der die Omnigraph die Mehrheit hält, in die Brienzer Schulungsräume, die mit der Zeitungsredaktion, dem Lokal-TV, der Gemeinde und bald auch mit dem lokalen Kino via Glasfaserkabel vernetzt ist. Für die Lieferung der Hard- und Software gelang es Gossweiler ausserdem, Sponsoren wie Sony, Apple Computers, Alcatel oder Microsoft zu gewinnen.

Verbinden und vernetzen, auch in der Geschäftsstrategie: Urs Gossweiler ist es damit gelungen, sein Unternehmen mit neuster Technik aufzumöbeln; die Hersteller haben mit der Region Brienz und Haslital ein Experimentierfeld, auf dem sich Multimedia praktisch erproben lässt; die Kursteilnehmer dürfen konkrete Erfahrungen mit Multimedia sammeln; und die Brienzer Bevölkerung darf sich darauf freuen, die multimedial geschaffenen Zeitungstexte, Radiosendungen und TV-Beiträge konsumieren zu dürfen.

Urs Gossweiler ist, wie gesagt, ein gewiefter Geschäftsmann. Und so möchte er mir denn vor allem das im September eröffnete Ausbildungszentrum zeigen. Die Kurse, sagt er, richteten sich an Vertreter der Medienbranche, aber auch an Leute, die einfach Multimedia-Erfahrungen sammeln möchten. «Es gibt keine bessere Möglichkeit, als sich in das wunderschöne Berner Oberland zu begeben und dort auf unserer Medienklaviatur die Medientonleiter der Zukunft zu lernen.»

Wir verlassen die Gossweiler AG. Das Dorf döst im Winterschlaf. Das Hotel Adler?de la Gare hat seine Pforten geschlossen. Das Kioskfräulein löst Kreuzworträtsel. Und Scheidegger Fritz vom Milchladen grüsst höflich. Er bedaure, dass er an der letzten Orientierung nicht habe teilnehmen können, ruft er über die Strasse. «Leider war ich verhindert. Leider.»

Die Kommunikationsrevolution ist still und unsichtbar. Urs Gossweiler deutet auf den Beton des Trottoirs und sagt: «Wir folgen jetzt dem Glasfaserkabel, das die Zeitungsredaktion mit dem Ausbildungszentrum verbindet.» Es sind nur ein paar Schritte bis dorthin. Wir steigen in die Chaletüberdachung des neuen Coop-Einkaufszentrums hinauf. Der Videorecorder verschluckt eine Kassette, und ein Promotionsvideo der Mountain Multi Media AG flimmert über den Bildschirm. Wir sehen wieder Brienz und den Brienzersee; dazu heisst es: «Brienz-Oberhasli: Europas Multimedia-Valley.»

Mit Bildern wird noch einmal erzählt, was Urs Gossweiler zuvor in Worte gefasst hat: Unter digitaler Medienintegration versteht man die zentrale Aufbereitung von Text, Bild, Ton und bewegtem Bild und deren Verteilung über verschiedene Medien. Flink huschen Gossweilers Finger über die Fernbedienung. Das Videogerät wird auf den Computer umgeschaltet. Grafiken werden heruntergeladen, und Urs Gossweiler widmet sich jetzt Grundsätzlichem. Er zeigt auf den Stuhl, auf dem ich sitze: «Ein solcher Stuhl wird in Zukunft virtuell erstellt, die Daten werden via Glasfaserkabel an einen Roboter geschickt, der die Produktion dann automatisch ausführt. Das ist die Kommunikationsrevolution, die die ganze Wirtschaft verändern wird - zuerst die Medien, wo die Information bereits das fertige Produkt ist, dann die gesamte Wirtschaft.»

Urs Gossweiler weiss: Die Grenzen zwischen Medien-, Telekommunikations- und Computerindustrie verschwinden allmählich, und die Infrastruktur für die Produktion von Medieninhalten wird immer unwichtiger, da die Multimedia-Workstations, auf denen man sowohl eine Zeitung herstellen als auch Radio- und Fernsehsendungen produzieren kann, immer billiger werden. «Im Jahr 2000 wird man dafür noch knapp 30 000 Dollar auslegen müssen», prophezeit der Brienzer und folgert: «Die Medien werden sich demokratisieren. Jeder wird zum Medienunternehmer werden.»

Theoretisch ist es bereits heute möglich, dass einer sein privates Fotoalbum via Internet der ganzen Welt zugänglich macht. Theoretisch wäre es möglich, dass die Brienzer nicht mehr am Stammtisch miteinander kommunizieren, sondern via Bildschirm. Theoretisch wäre vieles möglich - und in der Praxis? Urs Gossweiler erwähnt die für das laufende Jahr geplante Bildschirmzeitung. Dank digitaler Integration soll ausserdem auch die Gemeindeverwaltung mit ihren Bürgerinnen und Bürgern online in Kontakt treten. Das neue Parkplatzreglement zum Beispiel werde nicht mehr aufgelegt, sondern via Kabelnetz und Teletext den Interessierten zugänglich gemacht.

Ebenfalls im laufenden Jahr soll das Lokalfernsehen auf einem eigenen Kanal auf Sendung gehen. Welchen Inhalts es sein wird, lassen die bisher für das Berner Lokalfernsehen Telebärn produzierten Sendungen vermuten: lokale News über die Krise in der Hotellerie und Amateurvideos, zum Beispiel über das Jugendsommerlager - halt das, was das Haslital so an Aktualität und Unterhaltungsstoff zu bieten hat. «Ich hoffe, Sie sind nicht enttäuscht», sagt Urs Gossweiler, und die plötzliche Bescheidenheit, die mit einemmal in seiner Stimme liegt, wirkt überraschend. Für einen Moment. Denn schon berichtet der muntere Jungunternehmer von weiteren Projekten. Er möchte, sagt er, das lokale Kino ans Glasfaserkabel hängen und mit einem Power-PC aufrüsten, damit digitale Filmsequenzen eingespielt werden können. Das Kino soll zum Multimedia-Forum werden, für die Bevölkerung und die Kursteilnehmer der Mountain Multi Media, selbstverständlich. Und den Verkehrsverein wolle er dazu bringen, dass er via Internet um Touristen wirbt.

«Die Region Brienz - Oberhasli», sagt Urs Gossweiler, «wird zum Silicon Valley Europas.» Ein entsprechendes Marketingkonzept hat er bereits dem Berner Regierungsrat vorgestellt. Und der soll dem Vernehmen nach von den Ideen des eloquenten Unternehmers äusserst angetan sein: endlich einer, der den Weg aus der Krise, den Weg in die multimediale Zukunft weist.

Nur Scheidegger Fritz sieht das vorerst noch etwas anders. Die Initiativen des jungen Mannes, meint der Milchmann, seien ja durchaus sympathisch. «Aber ist uns das alles nicht ganz einfach vier Schuhnummern zu gross?»




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