Eben noch hat er mit der Waffe wild herumgefuchelt. Jetzt wird der Ritter plötzlich ruhig. In einer Ecke stellt er sich auf die Zehenspitzen und beobachtet, wie sich die Dame aus dem Kleid schält. Nach etlicher Mühe ist sie des arg engen Korsetts ledig und legt sich erschöpft nieder. Die zarte, verletzliche Haut schimmert hell im abendlichen Gemach. Langsamen Schrittes nähert er sich ihr. Mit einer Behutsamkeit, die man seinen gepanzerten Fäusten nicht zutrauen würde, dreht er die Liegende sanft auf den Rücken. Und schiebt sich auf ihren Körper, um endlich seine Männlichkeit zu beweisen.
Was einem Kitschroman entnommen scheint, ist das Liebesleben von Homarus americanus, dem Amerikanischen Hummer. Und erforscht hat das faszinierende Leben unter Wasser ein Vierteljahrhundert lang Jelle Atema. Als frischgebackener Doktor der Biologie war er 1970 ans Laboratorium für Meeresbiologie nach Woods Hole bei Boston gekommen, um ein altes Rätsel zu lösen: Wie können sich die nachtaktiven Hummer im Dunkel der Küstengewässer orientieren? Dass allenfalls auch bei Meerestieren chemische Signale, wie man sie bereits von den Insekten her kannte, eine Rolle spielen könnten, liess die frühere Arbeit anderer Meeresbiologen vermuten: Man hatte gesehen, wie Hummer besonderes Interesse zeigten, wenn man ihnen ins Aquarium Wasser schüttete, das aus dem Wasserbecken eines frischgehäuteten Weibchens stammte.
Atema unternahm mit Kolleginnen und Kollegen unzählige Tauchgänge in den seichten Küstengewässern vor Massachusetts, um im diskreten Lampenlicht das nächtliche Verhalten der Hummer zu beobachten. Um auch zu erfahren, was in den Wohnhöhlen der Tiere vor sich geht, bauten sie im Institut zwei riesige Meerwassertanks, in denen die natürlichen Bedingungen der küstennahen Unterwasserzone möglichst getreu nachgeahmt waren, inbegriffen Tag- und Nachtrhythmus sowie Licht und Temperatur der Jahreszeiten. Was die Biologen schliesslich fanden, war nicht nur ein ungeahnt komplexes chemisches Kommunikationssystem, sondern auch ein Gesellschaftsleben, wie man es von den Krebstieren niemals erwartet hatte.
So imposant ein ausgewachsener Hummer mit seinen beiden mächtigen Scheren auch aussehen mag, im Hummerreich herrscht Damenwahl. Kaum ist es Abend geworden, beginnt am Meeresboden das Hin und Her. Die tagsüber einzeln in ihrer privaten Felshöhle versteckten Tiere kriechen hervor und gehen auf Inspektion. Neugierig stecken sie den Kopf in fremde Häuser, um zu sehen, wer wohl hier hausen mag. Trifft dabei ein Männchen auf einen anderen Herrn, wird ihm am Höhleneingang mit drohenden Scheren klargemacht, dass es hier nichts zu schnüffeln gibt. Einem Weibchen begegnet der Hausherr weniger abweisend, und er kommt erst zur Tür, nachdem die Neugierige wieder gegangen ist. In den nächsten Nächten wiederholen sich die weiblichen Stippvisiten. Schliesslich tritt sie über die Schwelle.
Das scheint den Hausherrn nun doch aus der Fassung zu bringen. Aus einer Ecke hervortrabend, haut er mit geschlossenen Scheren auf die Besucherin ein. Diese nutzt ihre Waffen meist nur als Schild und verlässt bald das wenig gastliche Haus. Am nächsten Abend ist sie aber wieder da, was den Hausherrn einmal mehr verwirrt. Nach einigen Malen wird das Weibchen in der Höhle geduldet. Das Boxen gehört noch immer zum Ritual. Nur verdrischt jetzt das Weibchen das Männchen.
An einem der nächsten Tage schlägt das Weibchen das Männchen zum Ritter: Hochaufgerichtet hält es eine oder beide ihrer Scheren über sein Haupt. Er wird ganz still. Innerhalb der nächsten Stunde beginnt der Körper des Weibchens im Panzer dramatisch zu schrumpfen. Die kräftigen Muskeln der Scheren haben bald nur noch einen Viertel der früheren Grösse; Wasser und Blut sickert aus dem Panzer. Schliesslich zwängt sie sich aus den Scheren, den Beinhülsen, dem Brust- und Schwanzpanzer und fällt als schwabbeliges Wesen haltlos auf die Seite. Eine halbe Stunde später ist das Männchen bei ihr.
Die Begattung dauert nur einige Sekunden. Danach behält das Männchen das Weibchen etwa fünf weitere Tage in seiner Höhle, bis sich ein neuer Panzer gebildet hat. Denn entliesse er sie ohne schützenden Panzer ins Nachtleben, drohte ihr der Untergang - oder die Verlockung weiterer Liebesabenteuer, was beides die genetische Investition des Männchens in Frage stellte. Ist die Braut bereits in die Jahre gekommen, lohnt sich für den Hummer die aufmerksame Betreuung doppelt. Ältere Hummerweibchen häuten sich nämlich nicht mehr jährlich, sondern nur noch jedes zweite oder dritte Jahr. Sie haben aber trotzdem jährlich ihre Kinderschar. Zu diesem Zweck halten sie einen Teil des männlichen Samens aus dem Vorjahr im Körper frisch und verwenden den Vorrat nach Bedarf zum Befruchten der neuen Eier.
In den Küstengewässern von Massachusetts häuten sich die jungen Hummerweibchen in den ersten beiden Juniwochen. Als Atema im Meerwassertank fünf Weibchen und zwei Männchen einquartierte, zeigte sich Erstaunliches: Obschon für Atema beide Männchen gleich kräftig und gross ausschauten, besuchten sämtliche Weibchen nur den einen Herrn. Und zwar schön der Reihe nach, indem die zweite Dame genau dann mit den Hausbesuchen begann, als die erste die Flitterwochen hinter sich hatte. So folgten sich die fünf Liebesepisoden im Takt von etwa zwei Wochen. Und entsprechend getaktet war auch der Zeitpunkt des weiblichen Panzerwechsels.
Was die Forscher auf die Suche nach chemischen Signalen zurückbrachte. Dem Hummer vor die Nase geleiteter roter Farbstoff führte zur Lösung des Rätsels: Mit seinen Kiemen bringt das Tier das Wasser in eine kräftige Vorwärtsströmung. Dem Strom seiner ausgeatmeten Stoffwechselprodukte mischt es je nach Situation noch Urin oder ein spezielles Drüsensekret bei. So baut das Tier auf einer Distanz von etwa sieben Körperlängen laufend eine individuelle Duftwolke auf. Mit seinen Beinen kann der Hummer die duftende Strömung auch nach rückwärts lenken. Eine noch viel kräftigere Wasserbewegung erreicht er jedoch, indem er mit den hinteren Schwimmfüssen das Wasser unter seinem Körper schwanzwärts paddelt.
Chemische Signale haben nur einen Sinn, wenn sie von den Artgenossen entschlüsselt werden können. Man hat beim Hummer an den Antennen und an den Beinen Hunderttausende von Riechhaaren entdeckt, die individuell auf die unterschiedlichsten chemischen Substanzen reagieren und so dem Tier ein vielfältiges Erkennen chemischer Signale ermöglichen. Damit informiert sich der Hummer nicht nur über die Anwesenheit anderer Artgenossen und -genossinnen, er erfährt auch, was an Essbarem in der Umgebung schwimmt oder liegt.
Um das chemische Gespräch noch genauer zu ergründen, befestigten die Forscher einen kleinen Plastic-Katheter am Harnausgang des Männchens. Sie fanden, dass jene Männchen sozial dominieren, die während Prügeleien mit andern Männchen besonders kräftige Urinmarken setzen. Es scheinen wiederum Urinsignale im Wasserstrom zu sein, die dem dominanten Männchen Besucherinnen gleich reihenweise vor die Höhle bringen, während der Zweitklassemann sitzenbleibt. Wie streng die hierarchischen Bräuche im Hummerreich sind, merkten die Forscher, als sie ein Weibchen kurz vor ihrem üblichen Häutungstermin ins Bassin setzten. Da das dominante Männchen gerade eine andere Dame zu Besuch hatte, das Weibchen aber den Zeittakt der Häutung nicht mehr aufhalten konnte, gesellte es sich zu einem zweiten Männchen. Kaum hatte das dominante Männchen die Liaison spitzgekriegt, rannte es von seiner Liebsten weg, stürmte dem Rivalen in die Bude und warf ihn zum hinteren Höhleneingang hinaus - ohne der anwesenden Dame irgendwelche Beachtung zu schenken.
Die Schwierigkeit, chemische Signale unter Wasser zu erfassen, lässt manche Frage offen. So können Atema und seine Leute nur spekulieren, der «Ritterschlag» vor der Häutung sei eine besonders intensive chemische Mitteilung, indem die über dem Kopf des Männchens schwebende Schere die Kiemen des Weibchens direkt vor den Körper des Männchens bringt und ihm so der Hochzeitsmarsch geblasen wird. Dass das Männchen ebenfalls per Chemie der Umgebung die Hochzeit mitteilt, erhärtet folgende Beobachtung: Während der weiblichen Visiten steht das Männchen immer wieder mit dem Hinterteil am Höhleneingang und paddelt eifrig Wasser nach draussen. Je näher die Hochzeitsnacht rückt, desto intensiver wird das Wassertreten.
Atema vermutet, damit transportiere das Männchen sowohl seine wie des Weibchens Duftmarken in die Umgebung. Dies signalisiere den andern Weibchen den Ort baldiger sexueller Chancen. Indem das Männchen aber möglicherweise dem Strom einen chemischen Hemmstoff beimische, werde bei den wartenden Weibchen die sich anbahnende Häutung unterdrückt, bis sie selber in der Höhle sind.