Meine Grosseltern waren ganz normale Exemplare der Spezies Homo sapiens. Ihre Eltern auch, ebenso alle weiteren Vorfahren, die auf meiner Ahnentafel verewigt sind. Sie reicht zurück bis ins Jahr 1521 zu einem gewissen Johann Klingholz. Für die Zeit davor fehlen historische Quellen. Gäbe es sie bis in die tiefe Vergangenheit, dann kämen immer weitere Ahnen zum Vorschein – Met saufende Germanen, raufende Steinzeitsiedler, behaarte Zweibeiner in der ostafrikanischen Savanne – und irgendwann ein Affe, der auf einem Baum sitzt und versonnen die Rinde von einem jungen Ast nagt.
Die ersten Kapitel dieser Geschichte lassen sich wissenschaftlich belegen. Zum letzten ist wenig zu sagen. Denn die Forscher fahnden nach den Überresten des ersten Menschen. Nach dem letzten Affen sucht keiner. Warum? Weil Menschen vom Wunsch getrieben sind, ihresgleichen zu finden. Wann immer Paläoanthropologen ein neues Missing Link zutage fördern, ein Bindeglied der Entwicklung vom Affen zum Menschen, dann wird dieser Fund im Zweifelsfall jenem Stammbaumteil zugeordnet, der zum Homo sapiens führt.
Beispiele gibt es zuhauf: 1932 etwa klaubte ein junger Forscher namens Edward Lewis Fossilien aus einer 15 Millionen Jahre alten Sedimentschicht in Indien. Als die Knochen später zusammengesetzt waren, nannte man das Wesen Ramapithecus und ordnete es als erstes Mitglied der Menschenfamilie ein. «Alles, was man damals in einem Fossil finden musste, waren kleine Zähne und der Glaube daran, dass sie hominid seien», erinnert sich der Amerikaner David Pilbeam, der für diese These mitverantwortlich war. Später stellte sich heraus, dass der Ramapithecus bestenfalls als Vorfahre des heutigen Orang-Utans gelten kann. Inzwischen taucht der Fund nicht einmal mehr in Primatenstammbäumen auf.
Als das Team des Amerikaners Tim White 1992 Relikte einer unbekannten Art aus der äthiopischen Wüste barg, verkündeten die Wissenschafter, die mit 4,4 Millionen Jahren ältesten hominiden Knochen überhaupt entdeckt zu haben. Der Name Australopithecus ramidus sollte klarmachen, dass es sich hier um einen menschenartigen Zweibeiner handeln musste. Bis sich nach genauer anatomischer Untersuchung herausstellte, dass das Affenwesen kaum auf zwei Beinen gehen konnte. Jetzt heisst es Ardipithecus und ist auf einen toten Ast der Evolution abgeschoben.
Der berühmteste unter den Knochengräber-Wunschdenkern aber war der Kenyaner Louis Leakey. Er adelte so gut wie alles, was aus dem Staub vor seine Augen trat, zum Menschen. Splitter, die er in den sechziger Jahren in Westkenya fand, ordnete er der Art Kenyapithecus zu, einem Frühmenschen, dem er bereits den Gebrauch von Werkzeugen zutraute. Die aber tauchen erst in Funden aus elf Millionen Jahren jünger Zeit auf.
Um die gleiche Zeit buddelte Leakeys Frau Mary in der Olduvai-Schlucht im heutigen Tansania Schädelüberreste aus einer Gesteinsschicht, in der auch sehr frühe Faustkeile lagen. Louis Leakey identifizierte sie als Teile eines robusten Australopithecus, eines Menschenartigen also, von dem auch er wusste, dass er nicht zu unseren Vorfahren zählt und unfähig war, Werkzeuge zu fertigen. Doch geradeso als würde man eine überfahrene Katze, die im Strassengraben zufällig neben einer leeren Bierflasche liegt, als Trinkerin bezeichnen, präsentierte Leakey das Wesen als Werkzeugmacher und «frühesten Menschen der Welt» und gab ihm kurzerhand den neu erfundenen Namen Zinjanthropus.
Trotz diesen regelmässigen Fehlschlüssen können die Wissenschafter die Entstehung des Menschen durch immer neue Funde immer weiter zurückverfolgen. Nach heutigem Stand heisst unser ältester Vorfahre Australopithecus anamensis und hat vor gut vier Millionen Jahren am Turkana-See im heutigen Kenya gelebt. Wahrscheinlich werden die Experten auch noch ältere Ahnen ausgraben. Aber irgendwann vor fünf bis sechs Millionen Jahren, da sind sich die Forscher einig, muss einfach Schluss sein mit den Urmenschen – dann ist auf dem Stammbaum nur noch Platz für Affen.
Die Geschichte dieser Hominoiden, der biologischen Grossfamilie, zu der auch die Menschenaffen gehören, begann vor etwa 20 Millionen Jahren. Die Forscher haben aus dieser Epoche eine Reihe verschiedener Arten entdeckt und ihnen Namen wie Proconsul, Otavipithecus oder Dryopithecus gegeben. Aber ihre genauen Verwandtschaftsverhältnisse untereinander, geschweige denn einen Stammbaum, können die Experten nicht aufzeichnen. Zu lückenhaft sind die Daten, vor allem aus der entscheidenden Periode zwischen viereinhalb und acht Millionen Jahren. Deshalb können die Evolutionsbiologen nur Vermutungen über den schrittweisen Übergang der Menschenaffen zu den Affenmenschen anstellen und Geschichten erzählen darüber, wie es damals zu- und hergegangen sein mag.
Es war einmal eine Horde von Primaten, die den heutigen Schimpansen relativ ähnlich gesehen haben müssen. Die lebten am Rand des Waldes, wagten sich aber auch ins offene Grasland hinaus, weil es dort ab und zu ein Stück Fleisch von einem Gnu-Kadaver zu ergattern gab. Möglicherweise haben sie sich bei der Gelegenheit auf die Hinterbeine gestellt, um nach Räubern Ausschau zu halten. Auf zwei Beinen zu laufen, ist für Affen allerdings schwierig, denn ihre Anatomie ist dafür nicht gemacht. Vielleicht aber konnten sich die Affen dieser Gruppe besser aufrichten als die Artgenossen im Wald, weil sie ein schiefes Becken oder verformte Beinknochen hatten. Am Ende wurden sie wegen ihres Defekts sogar von den anderen gemieden: «Treibt diese Zweibeiner zu den Löwen in die Savanne», grölten die Waldaffen.
Hopeful Monsters nennen Biologen solche «Abartigen», deren Chance kommen kann, wenn sich die Umweltbedingungen unvermittelt zu ihren Gunsten verändern. Vielleicht hat ein reissender Fluss seinen Lauf geändert und den Hopeful Monsters den Rückweg in den Wald versperrt. Nach ein paar Generationen waren die Affen auf der hiesigen Gewässerseite dann so verschieden von jenen auf der anderen, dass sie den Kontakt vermieden. Die einst Verstossenen waren auf dem Weg zu einer eigenen Art.
So oder ähnlich könnte es gewesen sein. Ein paar Zufälle, und schon schafft die Evolution etwas Neues – in diesem Fall den aufrechten Gang. Ein paar tausend Zufälle später, und die Zweibeiner nutzten ihre freien Hände zum Fertigen von Faustkeilen. Weitere Millionen Zufälle, und sie erfanden die obenliegende Nockenwelle und den Happy-Hippo-Snack.
Solche Geschichten klingen plausibel, lassen aber viele Fragen offen. Warum zum Beispiel haben die Paviane nie das Gehen auf zwei Beinen gelernt? Immerhin stammen auch sie von Baumaffen ab, sind irgendwann in die Savanne übersiedelt und leben wie unsere Vorfahren in komplexen sozialen Verbänden. Und überhaupt: Der aufrechte Gang allein kann gar nicht der Schlüssel zur Menschwerdung gewesen sein. Schliesslich schreiten auch Pinguine auf zwei Beinen durch die Welt, können mit ihren freien Händen aber bis heute keine Espressomaschine bedienen.
Evolutionsbiologen haben deshalb versucht, aus den Unterschieden zwischen den Menschen und ihren nächsten Verwandten, den Schimpansen, Erklärungen zu finden, warum die einen heute im Stau stehen und die anderen immer noch auf den Bäumen sitzen. Bei den wesentlichen Differenzen fällt auf, dass der menschliche Penis sehr viel grösser ist als der äffische. Dass Menschen schwitzen wie verrückt, dass sie kürzere Arme haben und meist weniger Haare am Körper als Affen.
Doch mit keiner dieser Auffälligkeiten lässt sich der wahre Unterschied erklären. Denn der steckt vermutlich im Gehirn. Wir denken heute mit einem Organ, das im Vergleich zur Restnatur nur als hypertroph bezeichnet werden kann. Während der gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse sein Leben noch mit 300 Kubikzentimetern organisiert hat, kommt der Homo sapiens mit einem Volumen von fast anderthalb Litern auf das Fünffache. Nach Ansicht von Physiologen ist das eindeutig zu viel. Ein grosses Gehirn erfordert einen ungeheuren Aufwand: Es trägt mit nur drei Prozent zum Körpergewicht bei, verschlingt aber einen Fünftel des Energiehaushalts. Bei einem Säugetier unserer Grösse würde ein Drittel an Gehirnmasse genügen. Immerhin findet ein Hund sogar mit 50 Kubikzentimetern seinen Knochen wieder. Kein Wunder, investieren die meisten Tiere lieber in Muskeln und Statur als in Neuronen.
Viele Tiere beschränken sich mit Erfolg auf noch viel einfachere Nervensysteme. «95 Prozent aller Arten haben den Komplexitätsgrad eines Regenwurms», sagt der Bremer Gehirnforscher Gerhard Roth, «und der hat es seit 200 Millionen Jahren nicht nötig, sich weiterzuentwickeln. Bei vielen Lebewesen, bei Amphibien, Muscheln oder Schnecken, ist das Nervensystem im Lauf der Evolution sogar geschrumpft.» Einfach und klein als Überlebensprinzip.
Wozu, um alles in der Welt, haben wir dann ein so abnorm grosses Gehirn? Irgendeinen adaptiven Vorteil muss es schliesslich gehabt haben, sonst hätte es sich niemals durchgesetzt. «Zwei Dinge gehen nicht ohne dieses Gehirn», sagt Gerhard Roth. «Das Verarbeiten von Sprache und komplexen Situationen.» Tatsächlich kommen Affen in ihrer Kommunikation über Zwei-bis-drei-Wort-Sätze nicht hinaus. Sie können in 30 Metern Höhe präzise von Baum zu Baum springen, aber nur, weil sie es von klein auf tun und andere Muskeln entwickelt haben. Sie nutzen Stöcke als Werkzeuge und fummeln damit Ameisen aus ihrem Bau heraus. Aber sie werden nie einen Stock zu einem Bumerang verarbeiten und damit ein Känguru erledigen.
Vor allem die Sprache ermöglicht es zu planen. Dies und die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, hat nach Meinung der Evolutionsbiologen dazu geführt, dass wir uns über sämtliche Biotope des Globus ausgebreitet haben, während die Menschenaffen noch immer im gleichen Lebensraum sitzen wie unsere gemeinsamen Vorfahren vor sechs Millionen Jahren. Schon aufgrund dieser Übermacht werden unsere äffischen Verwandten auf lange Sicht neben uns kaum eine Chance zum Überleben haben.
Oder vielleicht doch? Angenommen, die Menschen gingen allesamt an Aids oder anderen Seuchen zugrunde? Hätten dann die Schimpansen, die Makaken oder Paviane das Zeug zu einem neuen Menschen? Könnte es einen neuen Anlauf zum Experiment Homo sapiens geben? Klare Antwort der Evolutionsbiologen: Nein! Die Menschwerdung war das Ergebnis einer unendlichen Verkettung von Zufällen, und die würde sich schon aus statistischen Gründen nicht wiederholen. Ausgeschlossen. Und deshalb wird, wenn wir einmal nicht mehr sind, auch keiner nach den Überresten des letzten Menschen suchen.
Reiner Klingholz ist freier Autor. Er wohnt bei Hamburg und hat immer wieder Paläoanthropologen bei ihrer Forschung im Feld begleitet.