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NZZ Folio 06/08 - Thema: Perlen aus dem Internet   Inhaltsverzeichnis

Wie viele Freunde hast du?

© Anna-Lina Balke, Zürich
Auf Facebook findet man längst vergessene Freunde. Linktext
Beim Onlinedienst Facebook kann man Freundschaften am Bildschirm pflegen. 70 Millionen Menschen tun das. Warum bloss? Ein vierwöchiger Selbstversuch.

Von Mikael Krogerus

7. April

Mein Name ist Mikael Krogerus, ich wurde am 1. November 1976 geboren, ich bin in einer festen Beziehung, ich stehe auf Frauen, meine politische Ausrichtung ist wechselhaft, ich bin religiös. – Dies ist keine Kontaktanzeige, ich fülle lediglich mein Profil auf Facebook aus.

Facebook – für jene, die das nicht schon längst wissen – ist ein soziales Netzwerk, eine Website also, auf der man sich mit seinen Freunden austauscht. Ich dachte zuerst auch: Was soll das? Wenn man reden will, warum ruft man nicht an? Oder schreibt eine E-Mail? Wozu gibt es Kneipen? Aber so einfach ist es nicht mehr. Bis heute haben sich über 70 Millionen Menschen bei Facebook angemeldet, 2 Millionen kommen jede Woche dazu. Der Wert der Firma liegt bei schätzungsweise 15 Milliarden Dollar. Man hat, wenn es um den neusten Hype im Internet geht, schon öfter solche Zahlen gelesen und solche Geschichten gehört und gedacht: Na ja. Doch selbst die abgebrühtesten Internetverächter müssen gestehen: Man kann Facebook zwar albern finden, aber etwas muss dran sein, wenn so viele Menschen dieses Netzwerk nutzen. Ich werde einer von ihnen sein.

8. April

Es scheint vor allem um eines zu gehen: Wer hat am meisten Freunde? Ich habe keine. In der nächsten Stunde tippe ich die Namen mir bekannter ­Personen in ein Suchfeld und schaue, ob sie ebenfalls bei ­Facebook sind. Die Freunde aus meiner Studienzeit in Dänemark sind ausnahmslos angemeldet. Von den Kollegen bei der NZZ ein einziger. Die Erklärung: Skandinavien weist, neben Amerika, die höchste Facebook-Dichte auf, im deutschsprachigen Raum wird dem englischsprachigen Facebook noch mit Skepsis begegnet. Grob kann man sagen: Wer unter 30 ist, ist fast sicher dabei, wer über 40 ist, eher nicht. Facebook ist ein riesiges Labor für die Erforschung Heranwachsender.

Ich suche nach eingeschlafenen Freundschaften und verdrängten Beziehungen. Einige lade ich in mein Netzwerk ein, die angefragten Personen entscheiden per Mausklick, ob sie mit mir befreundet sein wollen oder nicht. Bis auf meine Cousine nehmen alle meine Einladung an. Am Ende meines zweiten Tages habe ich 16 Freunde.

10. April

Arbeite mich zum Herzstück von Facebook vor: den Apps (Zusatzprogrammen), 25 900 an der Zahl, und täglich kommen einige hundert hinzu. Apps sind verblüffend sorgfältig programmierte Spielereien, die man seinem Facebook-Profil hinzufügt. Einzige Bedingung: Der Hersteller erhält Zugang zu den im Profil angegebenen Daten. Einen Moment zögere ich, aber wer macht sich Sorgen um seine Privatsphäre bei der Aussicht auf solch herrlich sinnlose Persönlichkeitstests: «Wie gross ist dein Gehirn?» (Ergebnis: 1163 cm³), «Welcher französische Philosoph bist du?» (Derrida), «Wie hoch ist dein IQ?» (108), «In welcher Stadt solltest du leben?» (New York). Der Reiz dieser albernen Apps, die millionenfach heruntergeladen werden, liegt darin, dass man sein Ergebnis mit dem seiner Freunde vergleichen kann. Es gibt auch richtig gute Apps, die Lieblingsbücher, -filme, -restaurants, -reiserouten auflisten. Mein Favorit ist das Geographiequiz «Traveller IQ»: Auf einer Weltkarte tauchen Ortsname und Land auf – etwa Venedig, Italien –, die man innert 10 Sekunden per Mausklick richtig placieren muss. Je genauer man liegt, desto mehr Punkte gibt es. Das scheint einfach (bei Venedig lag ich nur gerade 12 Kilometer daneben). Wer aber hätte gedacht, dass Bouvet Island, Nor­wegen, kurz vor der Antarktis liegt? Mein Traveller IQ ist immerhin höher als mein IQ, nämlich 137.

Voller Vorahnungen fasse ich den Vorsatz, täglich höchstens 30 Minuten auf Facebook zu verbringen.

11. April

Ich breche meinen Vorsatz.

18. April

Ich habe 21 Freunde auf Facebook. Ist das viel? Im echten Leben würde man sagen: Ja. Im Internet ist das nichts. ­Magnus Ronningen, einer meiner Freunde, hat 1539 «Friends»… Moment, es sind 1540, im Newsfeed lese ich gerade: «Magnus and Shasha Chantell are now friends.» Newsfeed ist die Zauberformel, die Facebook von all seinen Konkurrenten, etwa MySpace oder LinkedIn, unterscheidet: eine raffinierte Programmierung, die mich über Aktivitäten meiner Freunde informiert. Das hat Vorteile, wenn man Freunde hat, aber keine Zeit, sie zu treffen. Und Nachteile: Wenn man sie dann trifft, hat man sich nichts mehr zu erzählen.

24. April

Erfahre per Newsfeed, dass eine Freundin ihre Katze bei Catbook (über 200 000 Mitglieder) angemeldet hat. Eine andere ist trotzig der Gruppe «I’m German and that’s sexy» beigetreten. Mich begeistert die Funktion «People you may know», die aufgrund meines Profils und meiner Freunde 20 Personen zeigt, die ich kennen könnte – und auch tatsächlich kenne! Eine interessante Variante also der Frage des deutschen Philosophen Georg Simmel: Ob die Freunde meiner Freunde auch meine Freunde sind.

2. Mai

Mit einem unguten Gefühl stelle ich fest, dass ich seit drei Wochen ungehemmt meine Vorlieben und Interessen auf Facebook publiziere. Mein Profil verrät neben den Eck­daten «männlich», «30», «in einer Beziehung» dank den unsinnigen Apps, die ich heruntergeladen habe, auch meine Lieblingsfilme und -bücher, «wer ich in meinem früheren Leben war», «was ich tue, wenn mich niemand sieht» und «welcher Bob-Marley-Song mich am besten beschreibt».

Aber was macht Facebook mit diesem Wissen? Es schaltet Werbung, die direkt an jeden Nutzer adressiert ist, die, so das Versprechen, den Nutzer also tatsächlich interessiert. Links auf der Facebook-Seite tauchen solche Werbeanzeigen auf, die «perfekt auf mein Profil zugeschnitten» sind: Mir werden das neue iPhone, ein Traumboot und ein Abonnement für den «Tages-Anzeiger» angeboten, dazu «Bauch weg in sieben Tagen».

8. Mai

Ändere meinen Status in «männlich, 25, ledig» und bekomme andere Anzeigen: «Ten mistakes you made with women». Ändere meinen Status in «weiblich, 30, verwitwet»: «Do you work from home? I do!» strahlt mich eine Mutter mit einem hässlichen Baby auf dem Arm an. Ferner: «Verlieren Sie 6 kg in 26 Tagen», «Finde deinen Traumboy».

12. Mai

Bin seit einem Monat bei Facebook. Ich weiss jetzt, was einige Bekannte tun, von denen ich sonst nie höre. Ich habe 33 Freunde und 109 Apps heruntergeladen. Ich habe meinen Traveller IQ auf 141 geschraubt. Zusammenfassend kann man sagen: Ich habe unendlich viel Zeit mit Dingen verbracht, für die ich eigentlich keine Zeit habe. Ich klicke unter «Account» auf «deactivate». Das war’s.

13. Mai

Erhalte eine Anfrage, ob ich ein Freund von Nick Laessing werden will. Mein Account ist bloss deaktiviert, nicht gelöscht! Auf Anfrage erklärt man mir, meine Daten würden «bis auf weiteres» gespeichert – falls ich es mir anders überlege. Vielleicht aber auch, damit Werbetreibende weiterhin Zugriff auf die kostbaren Details in meinem Profil haben. Ich aktiviere meinen Account wieder und trete der Gruppe «How to permanently delete your facebook account» bei.

Mikael Krogerus ist NZZ-Folio-Redaktor.


Zusatzinformation: Wie Treffpunkte für Gleichgesinnte entstanden

Facebook, MySpace, StudiVZ ermöglichen den Aufbau sozialer Netzwerke.

Von Mikael Krogerus

Schon früh gab es Internetplattformen, auf denen die Benutzer sich mit individuellen Seiten präsentierten und austauschten. Als erste gilt «Six Degrees», benannt nach Stanley Milgrams Theorie, dass jeder Mensch mit jedem anderen über eine Kette von durchschnittlich sechs Bekanntschaften verbunden ist. «Six Degrees» war seiner Zeit voraus und meldete 2000 Konkurs an.

Die nächste Welle startete Friendster, gedacht als Konkurrent zu Match, einer ­damals erfolgreichen ­Dating-Site. Während Dating-Sites darauf zielten, Fremde miteinander zu verkuppeln, befriedigte Friendster ein anderes Bedürfnis: bestehende Freundschaften zu pflegen. Neben Friendster etablierten sich seit 2003 immer mehr Nischennetzwerke wie BlackPlanet oder MyChurch, aber auch Last.fm für Musikinteressierte, Flickr für den Austausch von Fotos, YouTube für Videos und LinkedIn oder Xing für Geschäftskontakte. 2003 entstand MySpace, eine Plattform, die zur ungehemmten Selbstdarstellung einlud. Dank der fehlenden Altersbeschränkung wurde MySpace vor allem bei Jugendlichen beliebt. Das 2005 von Murdochs News Corporation für 580 Millionen Dollar gekaufte Netzwerk hat heute über 200 Millionen User. Das am schnellsten wachsende Netzwerk ist ­Facebook. 2004 von dem damals 19-jährigen Harvard-Studenten Mark Zuckerberg entwickelt, hat es heute über 70 Millionen Nutzer. Kritiker werfen Facebook vor, mit den persönlichen Daten der Mitglieder das grosse Geschäft machen zu wollen. Versuche in diese Richtung wurden nach Protesten vorerst eingestellt.

Laut Studien wird MySpace eher von der unteren Mittelschicht besucht, während Facebook, das aus einem Universitätsnetzwerk heraus entstand, eher höher ausgebildete Nutzer anzieht. Während das Internet insgesamt vermehrt von Männern benutzt wird, gilt für soziale Netzwerke generell: Mehr Frauen als Männer verwenden diese Dienste.

Das wichtigste deutsche Netzwerk ist StudiVZ, ein Studentenportal mit 4,5 Millionen Usern. In der Schweiz ist Klassenfreunde.ch mit rund 350 000 Mitgliedern die Nummer eins.

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