NZZ Folio 04/93 - Thema: News   Inhaltsverzeichnis

Wie man sich zu Tode langweilt

Feldforschung am Endlosnachrichtenfernsehsender CNN.

Von Thomas Häberling

WUSSTEN SIE, dass Zigarrettenrauchen die Sehkraft beeinträchtigt, Funktelefone vielleicht Krebs erregen und die Filipinos, obwohl sie arm sind, Einkaufszentren mögen? Dass der Präsident von Sierra Leone Strasser heisst, Barbara Bush und Hillary Clinton auf der Treppe des Capitols miteinander gesprochen haben, der türkische Ministerpräsident Özal American Football liebt und man sich mit Hamburgern vergiften kann? Wenn nicht, dann dürfte Ihnen auch entgangen sein, in welchen Hotels der selbsternannte «World's News Leader» Sie durch die täglichen Wirrnisse des Weltgeschehens führt, ob Sie sich nun gerade in Kasachstan, Ghana oder Äthiopien oder auch nur in London oder Paris aufhalten. Für Abhilfe in derartigen und anderen Informationsnöten (sind Ihnen die pakistanischen Börsenkurse entgangen?) sorgt der Endlosnachrichtenfernsehsender CNN, der den aufgeklärten Weltbürger rund um die Uhr und rund um den Globus auf dem laufenden hält.

Cable News Network (CNN), 1980 aufgetaucht, schlug während des Golfkrieges die Fernsehkonkurrenz aus dem Felde, erregte mit seinen surrealen Computerbildern eines real existierenden Krieges die Gemüter und erzeugt seither wieder mit schöner Regelmässigkeit ein eigenartiges Phänomen: Je kürzer die Filmbeiträge und je rascher die Szenenwechsel, desto grösser die Langeweile. Die Nachrichten über Bosnien, Somalia, Irak, amerikanische Innen- und Wirtschaftspolitik, über die von Israel ausgewiesenen Palästinenser, über Stürme und Tankerkatastrophen, Firmenzusammenbrüche, Eishockey, Basketball und Tennis jagen sich, die Bilder sind schnell, zu schnell für unsereins. Nichts will im Gedächtnis haften bleiben, beinahe jede Szene, ob schrecklich, erheiternd oder belanglos, wird zum Spuk. Und doch gewöhnt man sich an dieses sinnesraubende Tempo - eine Minute CNN-Eigenwerbung scheint dann unendlich lang. Nach mehreren Stunden hat sich durch die vielen Wiederholungen, oh Wunder, der wesentliche Inhalt der Meldungen gleichwohl im Gehirn festgesetzt; nur bedurfte es fast übermenschlicher Kraft, den Fernseher nicht vorher auszuschalten.

CNN gilt vielen Fernsehmachern auch in unseren Breitengraden als Vorbild. Die faszinierende Schnelligkeit und weltumspannende Präsenz, die Dramaturgie der Beiträge und das hohe Ansehen bei führenden Politikern lassen ehrfürchtiges Staunen schon beinahe zur journalistischen Pflicht werden. Der Aufwand an Menschen, Technik und Dollars ist gigantisch und suggeriert dem Zuschauer, dass er überall, wo etwas geschieht, «dabei» sein kann: CNN will ihm die Realität des Weltgeschehens vermitteln. Das Resultat sieht anders, aber nicht minder «eindrucksvoll» aus. Denn kaum ein anderer Sender macht einem so bewusst, dass die Welt der Nachrichten eine eigene, künstliche Welt ist, wohl zusammengesetzt aus Bildern von tatsächlichen Ereignissen und doch die Realität verfremdend. Wenn im Laufe eines Tages mehrmals die gleichen Filmsequenzen mit den demnach gleichen Deportierten mit den gleichen Kochtöpfen gezeigt werden, wenn sich die grausigen Szenen schrecklich zugerichteter Leute in Bosnien, Videoclips oder Werbespots in das Programm einreihen, dann verliert sich ihre Aussage irgendwo in der gleichförmigen elektronischen Bilderwelt; und man selbst verliert den Zugang zu den Geschehnissen. CNN widerlegt Neil Postman: Wir amüsieren uns nicht zu Tode, wir langweilen uns vor dem Bildschirm zu Tode.

«This is the newsroom, this is the heart, this is the middle of where everything happens . . .», verkündet der Managing Editor in der nicht zu knappen Eigenwerbung. Hier also wird gebombt, gemordet, gehungert, gelitten, hier wüten die Hurricanes, bebt die Erde, brechen Vulkane aus, hier fällen Politiker und Manager ihre Entscheidungen, hier in diesem Raum in Atlanta. Unsinn? Gewiss. Jedermann weiss, dass dem nicht so ist. Aber hier wird das Filmmaterial, werden Informationen in Wort und Bild zur Fernsehwirklichkeit verarbeitet, die viel an Realität vorgaukelt und wenig damit zu tun hat. Und man sitzt vor dem Bildschirm, gebannt oder eben gelangweilt, sicher jedoch unfähig zu beurteilen, was sich tatsächlich abspielt, was hinter den Bildern und Worten steckt, und für die Entfaltung der eigenen Vorstellungskraft bleibt kein Raum, vor allem aber keine Zeit, der nächste Schrecken wartet schon. In seltenen Augenblicken scheinen selbst die sogenannten Macher etwas davon zu spüren; eine Moderatorin sagt, nachdem die Aufnahmen eines Sturms über Südkalifornien gezeigt worden sind, es seien wohl furchtbare Szenen, das wahre Ausmass könne jedoch nur erfassen, wer den Orkan selber erlebt habe. Es ist ein hilfloser Klärungsversuch, aber schon dafür ist man dankbar. Nun, der aufgeklärte, gescheite Mensch - und wer zählte sich nicht zu dieser Gattung - weiss schliesslich um solche Zusammenhänge, glaubt CNN (und andern Fernsehsendern) nicht einfach, ist kritisch und in lichten Momenten sogar selbstkritisch. Dann sitzt er, geschehen im vergangenen Oktober, in einem Kairoer Hotel. Es kracht, das Haus zittert, der Boden schwankt: ein Erdbeben. Vielleicht doch nur eine heftige Explosion in unmittelbarer Nähe? Nach wenigen Minuten meldet CNN ein schweres Erdbeben in Kairo. Also doch. Den eigenen Sinnen wollte man nicht recht trauen, die Sache bedurfte der fernsehmedialen Bestätigung.

CNN ist ein seriöser Sender, und die Moderatorinnen und Moderatoren sehen auch so aus. Die Meldungen werden mit ernster Stimme verlesen, nur die Sportkommentatoren dürfen sich etwas mehr Slang erlauben. Die «politischen» Reporter stehen im Schneegestöber vor dem Uno-Gebäude, im Schneegestöber vor dem Weissen Haus, im Schneegestöber von Sarajewo. Selbst wenn es nichts zu sehen gibt, wenn nicht dort geschossen wird, wo der Korrespondent sich gerade befindet, kommt keine Verlegenheit auf. Mindestens ein Experte ist sofort im Studio, bereit, sein unerschöpfliches Detailwissen in den Dienst gekonnter Spekulation zu stellen. Als die Alliierten unter amerikanischer Führung kurz vor dem Präsidentenwechsel in den USA Stellungen im Süden Iraks angriffen, trat ein pensionierter General auf den Plan, der den Unwissenden erklärte, was für ein «package» gerade unterwegs, vielleicht bereits wieder auf dem Rückweg sei. Ein «package», es sei verraten, setzt sich aus Flugzeugen zusammen; aus Kampfflugzeugen und Begleitflugzeugen, und der General, er kannte sie alle, diese Typen, die Tornados, F-16, Mirages usw. Er legte dar, wie viele von jeder Gattung es braucht und warum ein (für den Radar) fast unsichtbarer Bomber vermutlich nicht flog - nämlich weil es zu besagter Stunde am Einsatzort Tag und nicht Nacht war. Selbstverständlich kamen auch das politische Ziel (ein Signal sollte es sein) und die Taktik bei den Erläuterungen nicht zu kurz, und falls des Generals Szenario stimmte - und wer wollte es bezweifeln -, so wussten zumindest die CNN schauenden Irakis, wie ihnen gerade geschah.

Wer sich in dieser politischen Welt nicht zurecht findet, braucht das erhellende Gespräch. CNN bringt es. Ob deutscher Wirtschaftsminister, türkischer Ministerpräsident, kuwaitischer Informationsminister, israelischer Uno-Botschafter oder jordanischer Prinz - ein Interview-Thema findet sich immer. Der Sender stellt den Grossen und Gernegrossen dieser Welt eine Bühne zur Verfügung. Sonderlich kritisch sind die gestellten Fragen allerdings nicht, die Antworten in der Regel diplomatisch bis propagandistisch. Wird die Sache etwas zu einseitig, so muss ein Interviewpartner her, der mit einiger Sicherheit das Gegenteil verkündet. Einseitigkeit wird in der Innenpolitik selbstverständlich schon durch die Wahl der Gesprächspartner ausgeschlossen. Aus diversen Studios werden die Kontrahenten beispielsweise zur Sendung «Crossfire» zugeschaltet und kleben wie sprechende Abziehbilder auf dem Bildschirm. Wenn alle drei gleichzeitig reden, was eher die kommunikationshemmende Regel als die Ausnahme ist, so zeigt die Regie auch alle miteinander, und wenn einmal wirklich nur einer spricht, so kommt er gross ins Bild. Im Februar stritten sich gescheite Leute mit rhetorischem Grossaufwand über Clintons Wirtschaftsplan - ein paar Stunden, bevor der Präsident seine Ideen vor dem Kongress erläuterte. Genügend war im voraus bekannt geworden, als dass gewiefte Journalisten, Politiker und Ökonomen Clintons State-of-the-Union-Botschaft hätten abwarten müssen. Wer ohnehin alles besser weiss, wird es doch wohl schon im voraus besser wissen. Die Rede des Präsidenten wurde von CNN später live übertragen: eine Stunde ohne Werbung, obwohl Clinton seine Rede häufig unterbrechen musste, weil die Kongressmitglieder oft und ausgiebig klatschten - da hätten sich problemlos ein paar Hotelreklamen unterbringen lassen.

Vergessen wir zum Schluss die Unterhaltung nicht. Was wäre CNN ohne den hosenträgertragenden Talkmaster Larry King, der seine Gäste nun wirklich zu Wort kommen lässt. Während unserer «Beobachtungszeit» war unter anderem ein Mann an der Reihe, der seine Freundin zum Mord an seiner Ehefrau angestachelt haben soll; diese überlebte den Anschlag. Selbstverständlich war die Mörderin nicht seine Freundin, sondern lediglich eine Bekannte, die ohnehin lügt, während er alles für seine geliebte Familie tut, selbst die schreckliche Publicity und all diese Talkshows auf sich nimmt. Auch nicht wenig ans Herz ging einem der junge Mann, der als Sprecher des Pentagons während des Golfkrieges jeweils die Videos amerikanischer Angriffe erklärt hatte und dessen Zeit mit dem Präsidentenwechsel nun abgelaufen war. Larry King bemühte sich redlich, ihm während der kurzen Sendezeit einen neuen Job zu verschaffen, und die ins Studio telefonierenden Zuschauer waren wirklich sehr nett. Eher froh über seinen Abgang schien Bushs Aussenminister der letzten Monate, Eagleburger, der in Rekordzeit die Situation in Bosnien, Irak und Somalia analysierte, Auskunft über die Diplomatie im allgemeinen und sein Gehalt (125 000 Dollar) im besonderen gab. Und wie, verehrte Leser, heisst der republikanische Präsidentschaftskandidat für 1996? Jack Kemp. Noch nie gehört? Sie hätten ihn eben sehen sollen - bei CNN.

Thomas Häberling ist stv. Chefredaktor der NZZ.


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