NZZ Folio 08/99 - Thema: Kiosk   Inhaltsverzeichnis

Die Affaire im Mund

Eine Liebeserklärung an den Kaugummi.

Von Ursula von Arx

Kaugummi?» sagte sie. «Ich kaue nicht, ich rauche», sagte er. «Schmatz, schmatz, schmatz», sagte sie, machte eine Blase, liess sie platzen. «Sie machen mich wahnsinnig!» sagte er, und seine feinen Nasenflügel fingen an zu beben. «Was?» sagte sie. «Schmatz, schmatz.» «Gott!» sagte er. «Schmatz, schmatz.»

Da war es um ihn geschehen. Er war wehrlos wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt. So also fühlte sich die Liebe an! - Fünfzig Jahre, drei Kinder und 365 000 Zigaretten später verabschiedete er sich für immer.

Sie hat gute Chancen, ihn um viele Jahre zu überleben. Denn Tabak und Y-Hormone richten Schaden an, das ist bekannt. Kaugummi hingegen macht gesund, sagt die Kaugummiindustrie. Man lebe nicht nur länger, sondern auch klüger und entspannter: Sportler, Soldaten, Teenager - kauen beruhigt auf dem Fussballfeld, auf dem Schlachtfeld und beim Eintritt in den Ernst des Lebens. Denn bei Stress geht der Speichelfluss zurück. Beginnen wir zu kauen, nimmt er wieder zu, wir müssen vermehrt schlucken, und das beruhigt. Ausserdem stimuliere die Kaubewegung das Gehirn, dessen Leistungsfähigkeit könne kauenderweise bis zu 18 Prozent gesteigert werden, befanden Mediziner. Und Psychologen sehen im Kaugummi ein sehr wirksames Ventil für Aggressionen. Man kann drauflosbeissen und sich dabei entladen.

Aber wer denkt an die Opfer? Sie leiden schwer und kämpfen nur verlorene Schlachten. Sie müssen die Blasen sehen, die an den Gesichtern hängen wie monströse Eiterbeulen, oder Kaugummis, die aus dem Mund gezogen werden und aussehen wie ein aus seinem Loch kriechender Wurm. Sie müssen sich das Kaugeräusch anhören, das endlos ist wie das Nagen einer Ratte in der Nacht. Und das: Nein, bitte nicht! Schon wieder dieser ekelhafte Widerstand von unten, der jede Frau für mindestens einen Schritt in Aschenputtel verwandelt: Ruggediguh, wo ist mein Schuh? Was eine Dame ist, schafft es zu fluchen, ohne die Lippen dabei zu bewegen. Und er, der gestern abend mit tadellosen Boss-Hosen im Kino sass? Die Hosen sind jetzt in seinem Tiefkühlfach, bis der Bazooka ganz hart geworden ist. Er hofft, den rosaleuchtenden Schandfleck auf diese Art herausbrechen zu können. Und dann all die Kaugummis unter den Tischen und auf den Plätzen, neu und klebrig oder alt und schwarz . . .

Aber Schluss damit. Die Frage lautet: Welcher? Wrigley, Stimorol, Trident, Bazooka oder Hollywood? 90 Prozent aller Käufe erfolgen spontan, man entscheidet am Kiosk oder im Laden. Man kauft, wovon man schon gehört hat. Das Produkt muss also bekannt sein und immer wieder in Erinnerung gerufen werden. Die Konkurrenz ist gross. Es ist eine Marketingschlacht, bei der die gesteigerte Konzentration beim Kauen in den Think Tanks (der Firma Stimorol) zu folgender Vision geführt hat: «Our ultimate goal is to see our consumers smile.»

Abgesehen davon, dass man beim Kauen nicht gut lächeln kann: lächeln genügt sowieso nicht. Wie die Erkenntnisse, die man aus der Mondlandung gewann, zur Teflonpfanne weiterentwickelt werden konnten, so sind auch beim Kaugummi grosse Fortschritte zu vermelden: künstliche Süssstoffe! Vitamine! Weissmacher! Es gibt Zahnputzkaugummi, Nikotinkaugummi, Kopfwehkaugummi, Reiseübelkeitkaugummi und erste RealFruit-Kaugummi!

Wer hätte vor 9000 Jahren gedacht, so alt ist der älteste Kaugummi, dass der Chewing-gum seinen Machern einst Milliardenumsätze bescheren würde? Unsere Vorfahren kauten noch Birkenharz, ab 1850 gesüsstes Paraffinwachs, dann entdeckten die Amerikaner die Kausubstanz Chicle, die aus dem Lebenssaft des mittelamerikanischen Sapotillbaums gewonnen wird. Und seither wird auf dem ganzen Erdball gekaut. Zurück zum Liebespaar. Wir haben das Jahr 2030. Er, «Hust», ist immer noch tot, dahingerafft von Lungenkrebs und Statistik. Sie, «Schmatz», wohnt in einem freundlichen Altersheim und ist bis auf die Gehhilfe noch recht munter. Alles ist gut, bis auf eines: Wann gibt es Kaugummi für die dritten Zähne?


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