NZZ Folio 02/94 - Thema: Städte   Inhaltsverzeichnis

Machen Sie sich den Hosenboden dreckig!

Chicago - die von A bis Z erforschte Stadt.

Von Kathrin Meier-Rust

«Die ganze gewaltige Stadt . . . gleicht . . . einem Menschen, dem die Haut abgezogen ist und dessen Eingeweide man arbeiten sieht.»
Max Weber, 1904.

ABENDS UM HALB ZEHN sitzen nur noch wenige Gäste – allein, zu zweit – an den rosa Plastictischen, und die Gespräche schwirren durch den Raum. Man kennt sich offensichtlich in der «Cafeteria Valois», deren bunte Neonleuchtschrift nachts die einzige Attraktion in diesem Block der East 53rd Street in Chicago darstellt. Wir bekommen noch einen gebratenen Fisch, warm gehalten seit dem Vormittag – «See Your Food», das stolze Motto des Lokals, heisst nichts anderes, als dass man sein Tablett an den obligaten Stahlwannen mit den daueraufgewärmten Makkaroni und Pouletschenkeln vorbeischiebt. Bezahlen dürfen wir nicht, und schnell essen sollen wir auch – die griechischen Besitzer, die hier tagtäglich 16 Stunden arbeiten, wollen Feierabend machen. Spiro, der Chef, setzt sich dann doch noch für eine Zigarette zu uns, denn Mitch, mein Führer in die Welt des «Valois», ist nicht nur ein alter Stammgast, er ist seit neuem ein Ehrengast.

Mitchell Duneier hat vier Jahre lang täglich viele Stunden im «Valois» verbracht, oft kam er auch zwei- oder dreimal am Tag, er wohnte damals um die Ecke. Er sass, ass, alleine oder mit anderen zusammen, lauschte den Gesprächen, trank viel Kaffee, redete mit und hörte wieder zu. Wenn das Restaurant um zehn Uhr schloss, ging er nach Hause und schrieb das Gesehene und Gehörte nieder.

Mitchell Duneier ist ein junger weisser Soziologe der University of Chicago, und die Cafeteria war sein Forschungsfeld. «Einsame Jahre im Feld» nennt er heute jene Zeit, die er im übervollen «Valois» verbracht hatte und aus der schliesslich eine Doktorarbeit entstand, die weit über Chicago und die Wissenschaft hinaus Aufsehen erregt hat: «Slim’s Table (Slim’s Tisch) – Rasse, Respektabilität und Maskulinität», ein überaus sorgfältiger Bericht über einen Kreis von älteren schwarzen Stammgästen des «Valois»: Junggesellen und Witwer, die meisten über 50, wie der Automechaniker Slim, der Polizist Wilkens oder der pensionierte Kranführer Jackson. Täglich kommen sie aus dem nahegelegenen schwarzen Ghetto der South Side, wo sie leben und arbeiten, ins Restaurant der Griechen, weil sie hier etwas finden, was es dort nicht mehr gibt: hausgemachtes Essen in einer geordneten Umgebung, Respekt für eine arbeitsame Existenz und das Gefühl der Zugehörigkeit zur amerikanischen Gesamtgesellschaft.

Duneier entdeckte Menschen, die neben den glamourösen schwarzen Sportlern und Rappern und über all den Schreckensnachrichten aus dem amerikanischen Innercity-Ghetto konstant übersehen und vergessen werden. Schwarze Männer nämlich, die arbeiten und die ihr Leben selbständig, ehrlich und nach klaren moralischen Leitvorstellungen führen. Männer, die ihre materiell bescheidene Existenz mit einem hochentwickelten Gefühl für Würde und Selbstachtung verbinden und eine Respektabilität aufrechtzuerhalten trachten, die im Ghetto nicht mehr respektiert wird.

Der Mikrokosmos der Cafeteria eröffnet den Blick auf den Makrokosmos der schwarzen Bevölkerung Amerikas. Und mit dem detaillierten Portrait seiner kleinen Gruppe widerspricht Duneier einigen grossen soziologischen Untersuchungen der vergangenen Jahre, die das komplette Verschwinden von Arbeitsethik und Moral aus dem Ghetto konstatierten und deren Pauschalurteil über die schwarze «Unterklasse» seither in der öffentlichen Diskussion um das Problem des «schwarzen Mannes» zum Standardrepertoire gehört. So «neu» war die Entdeckung dieser altmodischen Männlichkeit, dass sich selbst Hollywood um Duneiers soziologische Doktorarbeit riss – kein Geringerer als Spike Lee wird nun «Slim’s Table» in einen mehrteiligen Fernsehfilm verwandeln.

Sie lebt also noch, die Feldforschung in Chicago. «Slim’s Table» ist ein Buch, das ganz in der alten, grossen Tradition der «Chicago School of Sociology» steht, die in den zwanziger und dreissiger Jahren ihr goldenes Zeitalter erlebte und deren Feldforschungsmethoden damals weltbekannt wurden.

Chicago und die Soziologen. Keine Stadt hat die Städteforscher so sehr in ihren Bann gezogen wie die Midwest Metropolis – vielleicht weil sie beide, die Stadt und die Wissenschaft von ihr, zusammen jung waren. 1840 zählte Chicago 4470 Seelen – ein Präriedorf irgendwo im Grenzgebiet der vorrückenden Besiedlung des amerikanischen Kontinents. 1890 – nur fünfzig Jahre später – hatte Chicago über eine Million Einwohner (jeder zweite davon ein Einwanderer) und war ins Zentrum des Kontinents gerückt, ins Zentrum seiner Eisenbahnen, seines Handels und seiner Industrialisierung. Die Midwest Metropolis war nun nach New York die zweitgrösste Stadt Amerikas. Selbst physisch war die Stadt jung – nämlich neu aufgebaut in Stein und Stahl, nachdem 1871 eine gigantische Feuersbrunst das alte Chicago der Holzhäuser vollkommen niedergebrannt hatte.
«An erster Stelle in punkto Gewalt, am tiefsten im Dreck, laut, gesetzlos, unschön, stinkend, neu. Ein zu schnell gewachsener Bengel, der strotzende Draufgänger unter den Städten . . .» – so beschrieb ein Besucher das Chicago, in dem 1892 die University of Chicago gegründet wurde und in ihr der erste Lehrstuhl der Welt für die jüngste unter den damaligen Wissenschaften, die Soziologie. Für die Soziologen aber war Chicago nicht nur Dreck, Lärm und Elend, sondern sie sahen in dieser Stadt das Laboratorium der modernen Welt. Sie sahen, wie Max Weber, der Chicago 1904 besuchte, «die Eingeweide arbeiten».

Die empirische Sozialforschung nahm in Chicago ihren Anfang mit einer grossen Studie über polnische Bauern in Amerika, ein Werk, das als Meilenstein dieser Wissenschaft gilt. Die empirische Erforschung von Chicago selber begann jedoch mit Robert Park. Der Gründer und geniale Inspirator der Chicago School war schon fast fünfzig, als er 1914 Universitätsprofessor wurde. Zuvor war er viele Jahre lang Lokalreporter und Journalist in verschiedenen amerikanischen Städten gewesen. Er studierte einige Jahre in Deutschland und lernte die historisch-philosophischen Reflexionen eines Max Weber, Georg Simmel und Oswald Spengler zum Phänomen der Gross- und Weltstadt kennen. Selbst packte er die Soziologie der Stadt aber dann von einer ganz anderen Seite an: nicht als eine Erscheinung der Weltgeschichte sah er die «City», sondern als eine Welt für sich mit tausend Geschichten. Nicht einen abstrakten Idealtypus wollte er erkunden, sondern die ganz konkrete, von Menschen wimmelnde Stadt, die ihn umgab. Bis ins hohe Alter pflegte Park tagelang durch die Strassen Chicagos zu streifen und an jeder Ecke Leute auszufragen und in Gespräche zu verwickeln.

Die Stadt, schreibt Park, sei nicht nur eine Anhäufung von Bauten und Institutionen, sondern «ein Geisteszustand, eine Anhäufung von Bräuchen und Traditionen», nicht bloss «Artefakt», sondern «Organismus»: «Die Stadt ist, kurz gesagt, nicht nur ein physikalischer Mechanismus und eine künstliche Konstruktion. Sie ist verflochten mit den vitalen Prozessen der Menschen, aus denen sie besteht. Sie ist ein Produkt der Natur, im besonderen der menschlichen Natur.»

Einzelne Stadtteile und Quartiere, Arbeits- und Wohnbezirke, ethnische, berufsspezifische, religiöse Bevölkerungsgruppen, soziale, geographische und kommerzielle Hierarchien, Muster der Migration und der Mobilität, der Kommunikation und des Verkehrs – all diesen «Organen» und «Zellen» des Organismus Stadt galten Parks Fragen. Sein schmaler Essay «The City» (zusammen mit einigen Aufsätzen seines treuen Mitarbeiters Ernest Burgess bildet er den gleichnamigen Klassiker von 1926) ist im Grunde nichts anderes als ein einziges, grandioses Forschungsprogramm. Es auszuführen schickten Park und Burgess nun ihre Studenten aus.

Die Doktorarbeiten dieser Schüler, die in den zwanziger und dreissiger Jahren erschienen, sind heute allesamt Klassiker der Stadtethnologie. Sie handeln von Landstreichern («The Hobo») und von Jugendbanden («The Gang»), von Familienzerfall («Family Crime in Chicago») und Jugendkriminalität («The Jack Roller»), vom Laster («Vice in Chicago»), von Amüsierlokalen («The Taxi-Dance Hall») und Hotels («Hotel Life») und von den grossen sozialen Extremen auf kleinstem Raum («The Gold Coast and the Slum»). Die Monographien integrieren eine Fülle von Materialien unterschiedlichster Art – wissenschaftliche und historische Literatur, Presseberichte, Polizeiakten, Gerichtsdokumente, statistische Daten und Umfrageergebnisse. Aber ihre Einzigartigkeit, das was sie bis heute lesenswert macht, liegt in den aus dem Leben gegriffenen Zeugnissen der Stadtmenschen, die diese Forscher aus dem Grossstadtdschungel zutage förderten.

Anthropologen wie der grosse Franz Boas hatten damals begonnen, fremde Völker mit der Methode der «participant observation» (teilnehmende Beobachtung) zu studieren. Der Forscher sollte eine Gruppe von Menschen nicht mehr nur von aussen beobachten; er sollte selbst ein Insider, ein teilnehmendes Mitglied der Gruppe werden. «Dieselben geduldigen Methoden» forderte Park zur Erforschung des zivilisierten Menschen (der «ein ebenso interessantes Forschungsobjekt» darstelle wie die primitiven Völker) und damit zur Erforschung der Stadt. Denn: «Die City ist das natürliche Habitat des zivilisierten Menschen.» Das alte Gebot «sich die Hände schmutzig zu machen mit wirklicher Forschung» – nämlich mit staubigen Quellen –, sei schon recht, predigte Park seinen Studenten, aber es genüge nicht. «Setzen Sie sich in die Hallen der Luxushotels und auf die Türschwellen der Absteigen, auf die Polstersofas der Goldküste und auf die Notbetten in den Slums . . . Kurz, meine Herren, machen Sie sich den Hosenboden dreckig mit richtiger Forschung.»

Ein besonders fruchtbarer Zweig der Stadtethnologie galt dem Chicago der Schwarzen. Schon 1919 war unter Parks Leitung von einem seiner schwarzen Schüler ein Bericht zur Situation der Schwarzen in der Stadt entstanden («The Negro in Chicago»). Mit der grossen Migration schwarzer Landarbeiter aus dem Süden in die Industriestädte des Nordens schwoll der Black Belt Chicagos nun zur zweitgrössten «Negro City» Amerikas an (nach Harlem). Diesem Black Belt, d. h. den schwarzen Quartieren der South Side, galt das Werk, das als Höhepunkt der Chicago School gilt: «Black Metropolis» von St. Clair Drake und Horace Cayton (ein Park-Schüler), erschienen 1945, ein Jahr nach Robert Parks Tod.

«Black Metropolis», in jahrelanger Feldarbeit mit über zwanzig Mitarbeitern entstanden, unternahm es, das von allen Seiten und bis in die Seele von der «color line» des Rassismus eingezäunte und gefesselte Leben der schwarzen Bevölkerung der South Side zu dokumentieren. Vielleicht gibt es kein grösseres Lob für dieses wissenschaftliche Werk als das Bekenntnis des schwarzen Schriftstellers Richard Wright, aus seinen «riesigen Bergen von Fakten» die Deutungen und die Inspiration gewonnen zu haben, die er gebraucht habe, um seine Geschichte erzählen zu können. Seine Geschichte – das waren dann immerhin literarische Meisterwerke wie «Native Son» und «Black Boy».

«Nehmt die Slums von Chicagos South Side nicht auf die leichte Schulter», warnte Richard Wrights damals die Leser von
«Black Metropolis». «Aus diesen dreckigen Slums können Ideen kommen, die uns Frieden geben oder die uns in neuen Krieg führen.» Das war 1945. Seither sind in Chicago immer wieder soziologische Studien über die Menschen aus der South Side entstanden, über «Die soziale Ordnung des Slums» (1968), über «Die wahrhaft Benachteiligten» (1987) und nun über «Slim’s Tisch».

1993: Schwarze Männer flüchten, wenigstens für die Dauer eines Mittagessens, aus der South Side in eine griechische Cafeteria. Und auf der North Side – der guten Hälfte Chicagos – brauche ich zu Fuss etwa acht Minuten, um von der Gold Coast – dem Reichenviertel am Seeufer mit den alten Villen und den Luxusapartmenthäusern – zum Slum zu gelangen: die niederen langgestreckten Sozialwohnungsblöcke, mit denen dieses älteste Elendsquartier im Herzen von Chicago vor Jahrzehnten saniert werden sollten, sind so kaputt und verkommen wie die baufälligen Miethäuser von Little Hell, die der Klassiker «The Gold Coast and the Slum» 1929 beschrieb. Nur dass in ihnen heute nicht mehr italienische Einwanderer wohnen, sondern schwarze Amerikaner. Und dass Schilder mit «Achtung, Metalldetektor» an der Haustür darauf hinweisen, dass Besucher nach Waffen abgesucht werden.

Hat die Feldforschung in Chicago zur Lösung der sozialen Probleme, die sie so genau studierte, je beigetragen? Professor Edward Shils, dem ich diese Frage stelle, ist der Doyen der Soziologie in Chicago. Ein Gelehrter von internationalem Rang, der mit seinen 82 Jahren immer noch unterrichtet und der mich selbst im Krankenhaus, wo er wegen einer Virusinfektion einige Tage verbringen muss, mit sprudelnder Vitalität empfängt. Edward Shils war als junger Akademiker wegen Robert Park nach Chicago gekommen und hat 1934 in seinem letzten Seminar gesessen. Seine eigene Forschung galt dann vor allem makrosoziologischen Fragen, aber er hat die empirische Stadtforschung seit jenen Jahren mit Anteilnahme verfolgt und ermutigt, bis hin zu Mitchell Duneiers Doktorarbeit.

Die Bücher der Park-Schüler seien ausserhalb der Universitäten damals sehr wenig wahrgenommen worden, erzählt Edward Shils. Immerhin gab es Verbindungen zwischen Soziologie und Sozialarbeit, über Ernest Burgess vor allem, Robert Park selbst konnte «Wohltäter» jeglicher Art nicht ausstehen. Nein, die Bedeutung jener Stadtforschung lag anderswo: «Auf lange Sicht trug die Soziologie aus Chicago dazu bei, dass die gebildeten Menschen des Landes sich ein Bild machen konnten von der Grossstadtgesellschaft und ihren Problemen.» Im besonderen gelte dies für die schwarze Bevölkerung: «‹Black Metropolis›, und dann vor allem das grosse Werk von Gunnar Myrdal, ‹An American Dilemma›, das sich sehr stark auf die Forscher und die Vorarbeit von Chicago stützte, haben unzweifelhaft das Bewusstsein Amerikas verändert, haben die Rassenfrage neu gestellt und damit der Bürgerrechtsbewegung den Weg bereitet.»

Aber was die Stadt selbst betrifft – da hat die Feldforschung sehr wenig Einfluss gehabt. Heute ist das zum erstenmal anders: «Slim’s Table» wurde in Chicago massenweise gekauft, rezensiert, wahrgenommen und breit diskutiert. Eigentlich erstaunlich: die Stadt brauchte fast hundert Jahre, um zu entdecken, dass die Soziologie schon immer von ihr sprach.

Kathrin Meier-Rust ist freie Journalistin. Sie lebt in Washington DC.


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