KURZ VOR VALENCE wird die Rhone von einem steilen, rund 270 Meter hohen, mehrheitlich nach Süden ausgerichteten Höhenzug aus Granit zu einer scharfen Linksbiegung gezwungen. Hier erhebt sich der Hermitage-Hügel, der seit Jahrhunderten Weine von berückender Dichte, voll südländischer Würze und mit der Noblesse und Langlebigkeit feinster Bordeaux hervorbringt. Es verwundert deshalb nicht, dass schon die Römer die herausragenden Eigenschaften dieser Lage entdeckten. Seine Blütezeit erlebte der Hermitage im 18. und 19. Jahrhundert. Er zählte damals zu den teuersten Weinen Frankreichs und wurde sogar bis Mitte des letzten Jahrhunderts zur Verbesserung der edelsten Bordeauxweine eingesetzt. Die Reblaus und die beiden Weltkriege führten dann zu einer Krise im Weinbau, und erst seit etwa zwei Jahrzehnten erfreut sich der Hermitage wieder steigender Wertschätzung.
Die Anbaufläche, die für den Hermitage zur Verfügung steht, ist mit 117 Hektaren denkbar klein. In Bordeaux beispielsweise besitzt ein einziges grösseres Château bereits 80 Hektaren. Aus diesem Grund sind Weine dieser Herkunft immer etwas Besonderes, nicht zuletzt auch deswegen, weil sie eine sehr lange Reifezeit benötigen. So sollte ein grosser Hermitage mindestens zehnjährig sein, bevor man ihn verkostet, er kann aber ohne weiteres auch dreissig Jahre alt werden.
Einer der berühmtesten Weine der Gegend ist der «La Chapelle» des Produzenten Paul Jaboulet-Aîné. Benannt ist der Wein nach der oben auf dem Hügel thronenden Kapelle Saint-Christophe. Die Trauben, die aus verschiedenen Lagen mit durchschnittlich 40jährigen Rebstöcken stammen, sind ausschliesslich von der Sorte Syrah und repräsentieren immer die bestmögliche Selektion des Jahres. Nur in sehr schwachen Jahren wird chaptalisiert, um den Alkoholgehalt zu erhöhen. Nach beendeter Gärung ruht der «La Chapelle» zwischen zwölf bis achtzehn Monaten in kleinen Eichenfässern. Sie werden bewusst nicht oft erneuert, weil man bei Jaboulet der Ansicht ist, dass der Hermitage nur wenig vom Gerbstoff des Eichenfasses profitiert. Die jährliche Produktion übersteigt selten 80 000 Flaschen - zu wenig, um die wachsende Nachfrage aus der ganzen Welt zu decken.
An einer Retrospektive zurück bis 1976 offenbarte sich der besondere Charakter dieses exzellenten Gewächses. Äusserst finessenreich zeigten sich die Jahrgänge bis und mit 1982, wobei der 78er klar als der wuchtigste und langlebigste aus der Serie hervorging. Mit einer noblen Zedernnote gefielen der 79er und der 82er, die jetzt die Genussreife erreicht haben; deutlich leichter und erfreulich gut erhalten präsentierte sich auch der 76er. Etwas weniger inspirierend waren die Weine aus den Jahren 1983, 1985 und 1986. Allesamt besassen sie eine gute Konzentration, doch liessen sie das spezielle, überaus distinguierte, manchmal fast medizinale Aroma der Weine des nördlichen Rhonetals etwas vermissen. Am besten gefiel der 85er, gefolgt vom 83er.
Wir gewannen den Eindruck, dass mit dem Jahrgang 1988 das Qualitätsniveau wieder merklich angestiegen ist und der «La Chapelle» zweifellos wieder zur Spitzengruppe der Rhoneweine gehört. Mag sein, dass dies auf die strengere Auswahl der Trauben und eine spätere Lese zurückzuführen ist.
Der 91er irritierte anfänglich mit einem eigenwilligen Bouquet, das sich aber nach längerer Öffnungszeit klar verbesserte. Eine herrliche Syrah-Würze verströmte der 94er, und bereits sehr zugänglich war der 95er: ein grossartiger Wein, der nur noch vom äusserst konzentrierten, fast schwarzen 90er übertroffen wurde.